Nach Bielefelder Cruiser-Knaller: Enrico Kölling back in Business!

Foto: Torsten Helmke

Am vergangenen Freitag konnte der Berliner Enrico Kölling einen über weite Teile unbeschadeten Punktsieg über den bis dato WBO-Europameister im Cruisergewicht Leon Harth feiern.

EM-Triumph von Kölling über Harth: War Erfolg nur „Glück“?

Kölling sollte laut Harth-Manager Charlie Podehl die nächste Stufe darstellen, war der Berliner doch bei Olympia und ein ehemalige WM-Herausforderer, der jedoch in den letzten Jahren eher weniger auf der Bildfläche zu sehen war. „Erfolg ist kein Glück, sondern nur das Ergebnis von Blut, Schweiß und Tränen“ heißt es in einem oft als Walkin-Song von Rapper und Kölling-Freund Kontra K genutzten Track. Doch im Falle Kölling vs. Harth, könnte man den Erfolg über den Vollzeitberufsboxer Leon Harth durchaus als Glück bezeichnen – oder doch nicht?

Was viele nicht wissen oder erst wenige Tage vor dem Kampf durch die mediale Berichterstattung erfuhren: Enrico Kölling ist schon lange kein Berufsboxer mehr, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne. Der sympathische Berliner, den die BILD fälschlicherweise als „Currywurstverkäufer“ betitelte (er ist Besitzer einer solchen Bude auf dem Alexanderplatz in Berlin), arbeitet 40 Stunden die Woche als DHL-Zusteller, um seine junge Familie zu ernähren, denn vom Geld, was die Kämpfe der vergangenen Jahre einbrachten, kann man schon lang nicht mehr leben, seitdem die großen Sender nicht mehr übertragen und damit die Finanzierung stellten.

Leon Harth vs. Enrico Kölling / Foto: Torsten Helmke

Der 31-Jährige hat es dennoch geschafft und konnte Harth bezwingen, sicherte sich den WBO-EM-Titel im Cruisergewicht. Grund genug, uns mit einigen Tagen Abstand zum Kampf, mit Kölling-Manager Dennis Lindner und Trainer-Vater Detlef Kölling zu unterhalten.

Dennis, Enrico ist kein Vollzeitberufsboxer mehr, vielmehr arbeitet er Vollzeit bei DHL. Wie konnte er sich überhaupt auf diesen Kampf vorbereiten, wenn die arme abends schwer vom Pakete schleppen sind?

Dennis Lindner: „Enrico war früh vor der Arbeit jeden Tag von 4 bis 5 Uhr laufen. Danach ist er zu DHL und hat fleißig seine gut 130 Pakete ausgeliefert. Der einzige Tag, wo er sich gezielt aufs Boxen fokussieren konnte, war der Sonntag. Hierbei haben ihn Phillip Palm, Nick Hannig und sein Vater Detlef Kölling unterstützt. Mit Nick und Phillip hat er Partnerübungen und Sparrings absolviert.

Hat er den Kampf nur angenommen, um das Geld mitzunehmen und war der Sieg eher Glück?

Dennis Lindner: „Was viele nicht wissen: wir haben den unterschriebenen Vertrag erst 4,5 Wochen vor dem Kampf erhalten. Erst ab diesem Tag hat Enrico mit dem Training begonnen. Im Vorfeld sagte er mir: ‚Dennis mach du die Zahlen, ich trainiere. Ich fahre da hin und schlage ihn!‘. Natürlich spielt das Geld da auch eine Rolle, aber Enrico wollte es sich in der Rolle des Herausforderers beweisen und den Lokalmatadoren in Bielefeld schlagen.“

Manager Dennis Lindner und Enrico Kölling

Mit einem Vollzeitjob war das natürlich mutig, da Leon Harth viel mehr Zeit für Trainings aufbringen kann und damit vermutlich einen freieren Kopf hat. Das ganze hätte natürlich auch ordentlich nach hinten losgehen können.

Detlef Kölling: „Ja es hätte auch anders ausgehen können. Ich habe habe ihm vorher klar gemacht, was passieren wird, wenn er nicht von Beginn an arbeitet. Ich sagte ihm: ‚Wenn du die ersten drei Runden nichts machst und denkst, dass du dann hinten raus noch genug Luft hast, um was zu reißen, werfe ich nach der dritten Runde das Handtuch. Verprügeln lassen muss ich dich nicht!‘. Selbst wenn unsere Taktik nicht aufgegangen wäre und er mehrere Runden immer wieder an den Seilen gestanden hätte, hätte ich das Handtuch geworfen um Verletzungen zu vermeiden.“

Dennis Lindner: „Auch ich sagte ihm: ‚Was wir vorne nicht gewinnen, bekommen wir hinten von den Punktrichtern schon gar nicht an Runden zugeschrieben‘. Und Enrico hat dann genau das getan, was sein Papa wollte. Er hat Gas gegeben und gekämpft, von der ersten Runde an!“

War das also der Schlüssel zum Erfolg? Von Anfang an Gas geben und den Titelverteidiger damit überraschen?

Dennis Lindner: „Ja, das war unser taktisches Konzept. Wir wollten von Anfang an den Druck machen. Anders hätte es, bei der Vorbereitung, die nur semiprofessionell war, auch nicht funktioniert. Seine blitzschnelle Führhand war einer der Schlüssel, warum das ganze am Freitag gut gegangen ist.“

Wie sieht der weitere Plan aus?

Dennis Lindner: „Jetzt genießen wir die Zeit und schauen, was vor Weihnachten noch so an Weichen für das Jahr 2022 zu stellen sind. Dann wird Enrico mit dem Schwung und der Motivation aus Bielefeld noch einmal angreifen wollen…“

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