Deontay Wilder vs Tyson Fury: Zwei Boxer dem Wahnsinn näher als dem KO-Sieg

Eine Schlacht zweier denkwürdiger Ausnahmeathleten – Eine etwas andere Nachbetrachtung von Ebby Thust

Wenn ich mir das Aufeinandertreffen dieser beiden Gladiatoren im Ring des Staples Centers von Los Angeles, mit dem Abstand von vier Stunden Schlaf, noch einmal gedanklich  vorüberziehen lasse, dann muss ich mich wirklich fragen: „War das alles, was ich da in der Nacht zum heutigen Sonntagmorgen in einem Boxring in der „City of Angels“ gesehen habe, nun real oder vermische ich das, weil ich vielleicht zu wenig geschlafen habe, mit einem wirren Traum?“
Da haben zwei irre Boxer, die wohl ganz sicher dem Wahnsinn näher als jedem KO-Sieg waren, der Boxwelt einen denkwürdigen und sensationellen Boxkampf geliefert. Ich glaube, dass wohl jeder Psychiater der diese Beiden, wie ich im TV gesehen hat, beide – ohne weitere Untersuchung – via Ferndiagnose in eine geschlossene Anstalt hätte einweisen lassen.
Schon als der 2,01 Meter große Deontay Wilder, geschmückt mit einer Stola aus Straußenfedern, das Gesicht hinter einer gold glitzerten Maske verborgen und einer goldenen Krone auf dem Haupt, in den Ring kletterte, dachte ich eher an eine Drag Queen als an einen amtierenden Box-Champion. Wilder sah eher aus wie eine zum Karneval verkleidete Olivia Jones, als dass man denken konnte, dass sich unter dieser Kostümierung einer der zur Zeit stärksten Schwergewichtsboxer der Welt verbarg. Als dann mein Blick zur gegenüberliegenden Ringecke ging und ich den Gesichtsausdruck des 2,06 Meter großen Riesen Tyson Fury sah, dem fast die Augäpfel aus den Augenhöhlen traten und der mit offenem Mund wie eine erregte, zischende Kobra züngelte, da dachte ich eher an das irre Gesicht des Jack Nicholson in seiner Paraderolle im Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ aus dem Jahre 1975. Ein Moment dachte ich dann: „Der ist doch eigentlich weg von seinem Drogenproblemen…..oder etwa doch nicht? Hoffentlich steht da am Ende nicht wieder eine positive Dopingkontrolle.“
Das was die Beiden aber dann im Ring boten war überirdisch und denkwürdig. Wer hätte einem Tyson Fury, der noch vor knapp einem Jahr 180 Kilo gewogen und der inzwischen rund 65 Kilo abgespeckt hat, diese Leistung zugetraut? Ich selbst war schon im Vorfeld dieses Kampfes immer mit dem Herzen bei Tyson Fury, aber mein Verstand sagte mir, dass er (leider) schwer KO gehen wird. Es war sicher nicht nur für mich unvorstellbar, dass sich jemand in solch einer kurzen Zeit aus dem Drogensumpf und der Völlerei befreien und wieder ein Spitzen-Athlet werden kann. Was Tyson Fury hier geschafft hat ist einfach nur phänomenal und grenzt an ein Wunder.

Wer hätte gedacht, dass Fury nach diesem Niederschlag wieder aufsteht und weiter boxt?

Furys Fürhand bestimmte von Beginn an in allen Runden den Kampf, bis ihn zur 9. Runde, als ihn der „Bronze Bomber“ mit einer fürchterlichen „overhand right“ brutal zu Boden schickte. Ich dachte sofort: „Jetzt ist es doch passiert“ und mir tat der „Chipsy King“ schon leid, dass er trotz großem Kampf jetzt doch noch KO geht. Aber Fury erholte sich wieder und bestimmte nach diesem Niederschlag auch sofort wieder die nächsten drei Runden, bis hin zur 12. und letzten Runde, als ihn Wilder ein zweites Mal mit einer Rechts-Links-Kombination schwer zu Boden schickte. Fury lag auf dem Rücken wie ein gefällter Baum und in dieser Sekunde hätte wohl jeder Buchmacher eine 10:1 Quote angeboten, dass er nicht mehr auf die Beine kommt. Doch Fury stand bei 9 wieder auf seinen Füßen und schaffte es bis zum Gong der diesen denkwürdigen Fight beendete.

Tyson Fury küsst Deontay Wilder immer wieder die Hand.

Ich glaube die gesamte Boxwelt verneigt sich vor der Leistung dieser beiden Ausnahme-Sportler und nach dem Kampf waren die Streithähne, die diese Beiden vor dem Kampf waren, dann auf einmal die besten Freunde und umarmten sich. Allerdings zeigte auch hier Tyson Fury seinem Gegner, auf eine doch etwas sonderbare Art seine etwas eigenartige Anerkennung, in dem er Wilder immer wieder die Hand küsste.
Das schon fast salamonische Urteil der drei Richter krönte dann am Schluss dann diesen sensationellsten Kampf des Jahres und die Leistung beider Boxer. Egal auf welcher Seite die Fans auch standen: Keiner der Beiden Gladiatoren hatte es verdient zu verlieren und das war ein Fight, dem einfach ein Rematch folgen muss. Und noch etwas: Über den gesamten Kampf und auch während ich dies hier schreibe, habe ich den Namen Anthony Joshua regelrecht vergessen. Ich kann nur hoffen, dass er bereit ist, jetzt einen dieser beiden, immer noch ungeschlagenen Champs von gestern Nacht, im Ring zu begegnen, sonst wird sein Denkmal bei den Fans zu bröckeln beginnen. Und wenn Joshua vor diesem Kampf ein Problem gehabt hatte, dann hat er jetzt zwei!

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