Das Schwergewicht und seine neuen Gesichter – Teil 2: Die Ost-Europäer

Das Schwergewicht und seine neuen Gesichter – Teil 2: Die Ost-Europäer

schwergewicht-osteuropaeerDas Schwergewicht gilt seit jeher als die Königsklasse des Boxsports. Von Jack Johnson über Joe Louis, bis hin zu Muhammad Ali und den Klitschko Brüdern: im Reich der schweren Jungs waren schon viele illustre Namen unterwegs, die der Boxgeschichte ihren Stempel aufdrücken konnten. Doch bereits um die Jahrtausendwende erlebte die Gewichtsklasse einen Abstieg, von dem sie sich bisher nicht so recht erholt hat. Zu wenige neue Talente, langweilige Kämpfe und eine durch die Titelflut der Verbände einhergehende Verwässerung des Sports – dies ließ speziell die Fans aus Übersee Abstand nehmen von der einstigen „Glamour Division“. Erst mit der Ankunft der Briten Anthony Joshua änderte sich so einiges. Die Welt schaut wieder auf das Schwergewicht, doch wer sind die neuen Gesichter, die der Gewichtsklasse auch wieder die Qualität geben können, die sie so sehr benötigt?

Im Folgenden möchten wir den Lesern von Boxen1.com die neuen Talente des Schwergewichts präsentieren. Dabei geht es sowohl um frisch im Profibereich angekommene Boxer als auch um Männer, die schon auf der Schwelle zur Weltspitze stehen, jedoch noch keine WM-Chance erhalten haben. Zudem blicken wir weit voraus auf vielversprechende Amateurboxer, die in Zukunft auch eine Rolle bei den Profis spielen könnten.

Die Ost-Europäer

Filip Hrgovic (25 Jahre alt, Kampfrekord: 4-0-0, 3 KOs)

Es gibt die Art Boxer, die schon Jahre vor Beginn ihrer Profilaufbahn in der gesamten Szene einen Namen haben und selbst den Fans bereits ein Begriff sind. Filip Hrgovic gehört mit Sicherheit dazu, war er doch bereits seit einiger Zeit in all den Trainingscamps der großen Schwergewichtler als Sparringspartner aktiv.

Wie gerne er von den Boxern selbst dort gesehen wurde, ist nicht klar übermittelt, aber gut möglich, dass ein David Haye sich im Nachhinein lieber jemand anderes gewünscht hätte. Denn es war Hrgovic, der dem Briten in der letzten Sparringseinheit vor dessen geplanten Kampf gegen Tyson Fury einen fetten Cut verpasste und diesen so zur Absage dieses großen Events zwang.

hrgovic-turner-wbssDoch nicht nur in den Gyms der Stars konnte der Kroate Furcht und Schrecken verbreiten, auch als Amateur war Hrgovic mehr als beeindruckend. Mit der Goldmedaille bei der Jugend-WM 2010 konnte er ein erstes internationales Ausrufezeichen setzten, bevor er in den kommenden Jahren vor allem in der World Series of Boxing überzeugte. Dort galt Hrgovic über mehrere Staffeln hinweg als der dominante Super-Schwergewichtler, was sich insbesondere in seinem starken Kampfrekord von 25 Siegen und nur 4 Niederlagen widerspiegelt.

Bei internationalen Turnieren lief es hingegen nicht immer so glücklich, auch wenn es im Herrenbereich trotzdem noch zu einem EM-Sieg sowie final einer Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen von Rio reichte. Die Angebote an den fast zwei Meter großen Mann dürften zahlreich gewesen sein, den Zuschlag bekam schlussendlich Sauerland, die wohl schon seit längerem an Hrgovic interessiert waren. In seinen bislang 4 Profikämpfen stellten diese ihm dann auch kein pures Fallobst vor die Fäuste – der Brite Tom Little oder zuletzt Sean Turner hatten durchaus schon den ein oder anderen beachtlichen Sieg verbucht gehabt und/oder im Fall von Turner eine gute Amateurlaufbahn vorzuweisen.

Hrgovic vs Little 2Hrgovic deutete in diesen Duellen auf jeden Fall schon mal an, warum er all die Vorschusslorbeeren bekommen hat. Seine Beweglichkeit und sein beachtliches Schlagrepertoire am Mann stachen dabei besonders heraus. Defensive Lücken und eine auf der langen Distanz etwas zu sehr auf das klassische „1-2“ reduzierte Vorgehensweise sind allerdings noch Punkte, wo der Kroate Nachholbedarf hat.

Was ihm im späteren Verlauf zu Gute kommen könnte, ist, dass er in seiner Amateurkarriere bereits ein sehr gutes Kinn unter Beweis gestellt hat. Gerade im Schwergewicht könnte ihn das sehr weit bringen.

Ivan Dychko (27 Jahre, Kampfrekord: 5-0-0, 5 KOs)

Quasi parallel zu Filip Hrgovic verlief die Karriere des turmhohen Kasachen Ivan Dychko. Bei zwei aufeinander folgenden Olympiaden und diversen anderen internationalen Wettbewerben waren die Zwei zur gleichen Zeit aktiv, auch wenn sich ihre Wege dabei nur selten kreuzten. Und wie es der Zufall so wollte feierte Dychko auch am gleichen Wochenende wie Hrgovic sein Profidebüt.

ivan-dychkoDas war im September 2017 – seitdem stieg der zweifache Olympia-Bronzegewinner noch vier weitere Male ins Seilgeviert und schlug dort, wie in seinem ersten Kampf, alle Gegner KO. Dabei sei angemerkt, dass die Qualität der Opponenten bisher als eher mau zu bewerten war, was die Qualitäten Dychkos aber nicht weniger offensichtlich macht.

Der Riese erinnerte schon in seiner Zeit als Amateur sehr an den jungen Vitali Klitschko. Seinen langen, drahtigen Körper bewegt er ähnlich leichtfüßig durch den Ring wie der ehemalige Weltmeister, verfügt über schnelle Hände, einen krakenhaften, stechenden Jab und scheinbar sehr solide Schlagkraft, die allerdings eher eine zermürbende statt zerstörende Qualität besitzt – also auch wie beim älteren Klitschko. Das Gesamtpaket ist also durchaus beeindruckend, auch wenn seine brutale KO-Niederlage im WM-Finale 2013 gegen Magomedrasul Majidov leichte Zweifel an seinem Kinn hinterlassen. In der Hinsicht könnte er mit Klitschko weniger gemein haben.

Ein großer Pluspunkt hinsichtlich der Zukunft Dychkos dürfte sein Trainingsstandort sein. Für seine Profilaufbahn verließ er seine kasachische Heimat und zog in die USA, wo er im südlichen Florida trainiert. Sein Gym ist die sogenannte „Heavyweight Factory“, in der neben fachkundigen Trainern wie Derek Santos auch die ganz großen Namen der Vergangenheit ein und aus gehen. Evander Holyfield, Riddick Bowe oder Michael Moorer – ihres Zeichen allesamt Schwergewichts-Weltmeister der 90er Jahre – geben dort ihre Erfahrung an die jungen Boxer der Zukunft weiter. Ivan Dychko möchte mit Sicherheit einmal in einer Reihe mit diesen Legenden genannt werden.

Oleksandr Teslenko (25 Jahre alt, Kampfrekord: 12-0-0, 10 KOs)

Wo wir gerade über zwei Männer sprachen, die schon vor ihrer Profikarriere in aller Munde waren, haben wir es nun mit einem Schwergewichtler zu tun, der ein wenig aus dem Nichts kam. Die Rede ist vom Ukrainer Oleksandr Teslenko. Trotz seines beeindruckenden Amateurrekords von 224 Siegen und nur 23 Niederlagen, war er nur den allerwenigsten ein Begriff. Dies änderte sich recht schnell, als Teslenko nach Toronto auswanderte und dort 2015 sein Profidebüt feierte. In eben jenem ersten Kampf offenbarte der Ukrainer bereits eindrucksvoll sein technisches Vermögen in Kombination mit erstaunlichem Handspeed und messerscharfer Präzision.

oleksandr-teslenkoNahezu alles, was Teslenko im Ring macht fußt auf seiner Technik, auf das Vertrauen in die fein säuberlich implementierten Bausteine seines boxerischen Gerüsts. Der fast unscheinbar ausschauende Mann aus der westukrainischen Stadt Chernivtsi ist in der Hinsicht vielleicht der talentierteste neue Boxer am Schwergewichtshimmel, auch wenn dies alleine bekanntlich nicht ausreicht, um eine Weltkarriere hinzulegen.

Teslenko ist physisch nämlich nicht der Stärkste – denn trotz seiner 1,94 m Körpergröße wiegt er oftmals noch deutlich unter 100 Kilogramm ein, womit er heutzutage schon deutlich unter dem Durchschnitt liegt. Es wird daher interessant zu beobachten sein, ob er wie von seinem Trainerteam bereits angedeutet noch einige Pfunde an (hoffentlich) Muskelmasse drauflegt oder versuchen wird sein eher niedriges Gewicht für sich als Vorteil zu verstehen. WBC-Weltmeister Deontay Wilder scheint es ja bisher auch nicht zu schaden, leichter als seine Konkurrenten zu sein.

Apropos Wilder: dessen Promoter Lou DiBella nahm Teslenko Anfang diesen Jahres unter Vertrag, was den nächsten Meilenstein in der Karriere des Ukrainiers darstellte. Man kann also die Hoffnung haben, dass wir den schlagstarken Techniker in Zukunft auch regelmäßig in den USA bestaunen dürfen, da dort mit Sicherheit noch vielversprechendere Aufgaben auf ihn warten.

Weitere Talente aus Ost-Europa

Eine weitere ukrainische Hoffnung ist der 23-jährige Vladyslav Sirenko. Der bisher vor allem im fernen Südafrika aktive Boxer hat noch keinen nennenswerten Promoter im Rücken, trainiert aber mit dem erfahrenen James Ali Bashi, welcher jahrelang Assistenz-Coach von Wladimir Klitschko war und auch eine Zeit lang in der Ecke von WBSS-Finalist Oleksandr Usyk stand. Sirenko ist ein physisch beeindruckender Pressure-Fighter, dessen Attacken zum Körper vor Brutalität nur so strotzen. Mit ihm wird zu rechnen sein.

Etwas weiter fortgeschritten in seiner Karriere ist der Russe Sergey Kuzmin. Ende letzten Jahres stand er schon auf dem Sprung nach oben, doch sein Kampf gegen den US-Amerikaner Amir Mansour endete nach einem unglücklichen Kopfstoß unentschieden. Es dürfte allerdings nicht mehr allzu lange dauern, dann könnte der technisch solide Allrounder wieder in höhere Gefilde aufsteigen.

Etwas unter dem Radar befindet sich aktuell der ebenfalls aus Russland stammende Basir Abakarov. Ursprünglich kommt der 1,95 m lange Mann aus dem Kickboxen, deutete in seinen bis dato erst 3 Profikämpfen als Boxer aber schon an, dass dies kein Hindernis für ihn sein muss.

Talente aus dem Amateurbereich

Da in letzter Zeit viele Top-Amateure aus Ost-Europa ins Profilager gewechselt sind, muss der Nachwuchs erst beweisen, dass er zu ähnlichem fähig ist wie die Vorgänger. Verblieben ist beispielsweise der Ukrainier Viktor Vykhryst. Der 25-jährige gewann im vergangenen Jahr die Europameisterschaft und war jüngst auch in der deutschen Bundesliga für BC Traktor Schwerin erfolgreich unterwegs. Vykhryst erinnert äußerlich wie stilistisch sehr an Wladimir Klitschko.

Ebenfalls zu erwähnen ist der Kasache Kamshybek Kunkabayev, welcher mit seinem beweglichen, technisch beschlagenen Stil eine Silbermedaille bei der Amateur-WM in Hamburg letztes Jahr einfahren konnte. Der Rechtsausleger könnte mit Sicherheit auch bei den Profis für Furore sorgen.

Ein spezieller Fall zum Schluss: der usbekische Fahnenträger der letzten Olympiade, Bakhodir Jalolov, hat eigentlich schon einen Profivertrag unterschrieben, wird aber quasi zweigleisig fahren und neben seiner Profikarriere auch seinen Traum von einer Olympia-Teilnahme 2020 im Auge behalten. In Rio schied der annähernd 2 Meter große Super-Schwergewichtler noch in der zweiten Runde aus. Jalolov war in der Vergangenheit auch als Sparringspartner von Wladimir Klitschko im Einsatz und soll dort bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Morgen geht es weiter mit Teil 3. Dabei wird es um die neuen Gesichter der USA gehen. Seid gespannt!

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