The Battle of Britain – Conor Benn vs. Chris Eubank Jr.

Conor Benn gegen Chris Eubank Jr., der Kampf zweier Erben von großem Namen, um den Thron Englands.

„Warte, hab ich was verpasst?“, fragen sich jetzt sicherlich schon einige von euch, und wir können euch beruhigen: nein, das habt ihr nicht. Aber ihr werdet die Gerüchte wahrscheinlich auch schon aus jeder Ecke mitbekommen haben, die angebliche Verhandlung, ominöse Ankündigungen von „Announcements“ von Seiten der Promoter, als auch Statements der beiden Boxer selbst. Wir wollen natürlich nicht da stehen wie bestellt und nicht abgeholt, sollten die Neuigkeiten jeden nächsten Moment publik gemacht werden, was einer der Gründe für diesen Beitrag ist. Zum anderen ist dieser Beitrag auch als Blick in die Kristallkugel der Zukunft, sowie als Reise durch die Vergangenheit einer der legendärsten Rivalitäten des Boxsports gedacht.

Ach England, eine kleine Insel mit so viel Bedeutung und Historie. Den Fußball haben sie erfunden, ein riesiges Imperium überzog einst den halben Planeten mit seinen Flaggen, Heimat der Rolling Stones, der Beatles, James Bond und der Queen, und ein Land mit einer stolzen Boxtradition wie kaum ein anderes. Der Boxmarkt auf der Insel ist riesig, die großen Promoter Eddie Hearn von Matchroom und Frank Warren mit Queensberry haben mit Tyson Fury und Anthony Joshua zwei der größten Namen des Sports zu verzeichnen, legendäre Hallen wie die O2 Arena in London oder auch bekannte Fußballstadien wie Wembley werden gerne als Austragungsorte für große Kämpfe genutzt.

Der größte Kampf des Landes

Seit geraumer Zeit kursieren die Gerüchte um ein Aufeinandertreffen zwischen Chris Eubank Jr. und Conor „The Destroyer“ Benn. Dieser Kampf wäre mit Abstand der größte Kampf Englands‘ seit einer sehr langen Zeit. Sicher, AJ vs. Fury hätte da ganz bestimmt ein gehöriges Wörtchen mitzureden, aber dieses Aufeinandertreffen steht aktuell scheinbar noch etwas weiter in Ferne als der Clash zwischen Benn und Eubank.

Es sind natürlich auch zwei deutliche Unterschiede hervorzuheben in einem direkten Vergleich: 1. Fury ist Weltmeister, Joshua ist Ex-Weltmeister. Champion vs. Champion ist immer besser als Nicht-Champion vs. Nicht-Champion. 2. Beide sind in der gleichen Gewichtsklasse. Allerdings haben Joshua und Fury eine Sache nicht, die Benn und Eubank beide haben: zwei Nachnamen die das Herz britischer Boxfans in ekstatisches Hämmern versetzt, wie keine anderen Namen in der Geschichte des Sports.

Die Könige von einst

Das Ende der 80er Jahre ist in vielen Bereichen von Musik, Mode, bis hin zur Politik, ein unglaublich bedeutender Abschnitt in der Geschichte der zivilisierten Menschheit – so auch für die Geschichte des Boxsports. Es geht ganz oft um Gegensätze, deren Aufeinandertreffen und anschließende Vereinigung und darum die neuen Eldorados der 80er in eine neue Zeit zu tragen.

Im Boxen war die Fackel der Schwergewichtler der 70er Jahre (entzündet von Ali, Frazier, Foreman und Co.) von einem Mike Tyson oder einem Larry Holmes in die 80er getragen worden, welche mit Holyfield, Lewis und den Klitschkos würdig übernommen wurde. Im Mittelgewicht war die Ära der vier Könige (Hagler, Hearns, Duran, Leonard) bezeichnend für die 80er Jahre. Auch hier folgten in „Sweet P.“, Roy Jones Jr., Julio Cesar Chavez und co. gebührende Nachfolger. Im Super-Mittelgewicht ging es in den 90ern mit James Toney, Roy Jones und eben Chris Eubank und Nigel Benn erst so richtig los – und die Voraussetzungen hätten nicht besser sein können.

Ganz oft waren es die Typen, die Charaktere, die dafür sorgten, dass Kämpfe so beliebt vermarktet werden konnten. Die Medien entwickelten sich rasant weiter und man hat aus Musik und Mode gelernt, dass man Charaktere mit allem möglichen Verknüpfen kann. Im Sport waren es dann Basketball-Stars oder Boxer die mit Rappern abgelichtet wurden, die mit großen Musikstars auftraten, alle möglichen Sorten von Affären untereinander hatten, ausgefeilte bis fragwürdige Mode trugen und zwischen einander, als auch zu ihrem Publikum, polarisierten.

Nigel Benn und Chris Eubank waren das Paradebeispiel für einen solchen Clash von ganz vielen verschiedenen Faktoren. Eubank galt als hochnäsig, inszenierte sich arrogant und überheblich, lief in schnöseliger Mode durch die Gegend. Nigel Benn war in der Armee und hat brav dem Vaterland gedient, kam mit punkiger Frisur und Jeans und T-Shirt. Eubank sprach als müsste er beweisen, dass sein Intellekt von einer höheren Klasse abzuleiten sei, Benn war ein Mann von klaren und einfachen Worten. Benn war der einfache Mann, Eubank war der verkappte Außenseiter. Beides waren Bilder die vom Volk einfach aufgenommen werden, geliebt oder gehasst werden konnten. Umso treffender, dass zumindest Benn sein Gegenüber wirklich gehasst hat. Man kann nur jedem empfehlen, sich auf YouTube durch die alten Fernseh-Interviews zu schauen, sollte man mal etwas zu viel Zeit haben.

Es war unumgänglich dass beide sich im Ring auseinandersetzen müssten. Zweimal trafen Benn und Eubank aufeinander. Stilistisch waren Benn und Eubank im Kern recht gleich, nämlich eine energiegeladene Naturgewalt, doch in ihrer Ausführung etwas unterschiedlicher. Benn war der Knock-Out Puncher, Eubank war gerne etwas mehr „up-right“ und technisch veranlagter. Beide hatten ein wahnsinns‘ Kinn und einen unermüdlichen Kampfgeist. Über 16 Millionen Menschen zog das erste Aufeinandertreffen vor die Flimmerkisten der Insel. Der erste Kampf ging an Eubank, der zweite wurde vor über 40.000 Menschen im legendären Old Trafford Stadion als Unentschieden gewertet. Heute noch streitet und diskutiert man gerne über die beiden Helden der Vergangenheit, nicht zuletzt auf einer „Geschichten-erzähl“-Tour durch das UK, welche Benn Sr. und Eubank Sr. zusammen abhielten.

Zweck war natürlich um den Fans heute noch eine Freude zu bereiten, und um ein paar Groschen für die Rentenkasse aus der alten Saga zu dreschen.

Like Father, like Son

Chris Eubank Jr. (Eubank Sr.’s Sohn) ist in der Boxwelt inzwischen eine eigene Geschichte, die sich in ihren letzten Kapiteln befindet. Eubank Junior ist inzwischen auch schon 32 Jahre alt und hoffte nicht zuletzt durch einen Trainerwechsel nochmals die Weltelite angreifen zu können. Der neue Trainer heißt seit kurzer Zeit Roy Jones Junior und auch die Gewichtsklasse ist (wieder) das Mittelgewicht. Da Golovkin erst mal beschäftigt ist (und vielleicht nicht mehr allzu lange aktiv sein wird), Andrade den Sprung eine Klasse höher wagen will und Charlo endlich mal einen unangenehmen Gegner vertragen könnte, dürfte Eubank eigentlich gute Karten haben, um nochmal einen Gürtel angreifen zu können. Wie sein Vater auch, hat Eubank unglaubliche Nehmerqualitäten und liebt die engen Schläge zum Körper. Roy Jones hat ihm jetzt sogar noch klarmachen können, dass „Jab-Jab-Move“ ab und zu auch nicht schadet, aber erhoffen wir uns nicht zu viel.

Chris Eubank Jr.

Eubank ist leider in Vergangenheit immer wieder mit einer großen Klappe nach den großen Namen fischen gegangen, hat angeblich Angebote bekommen, die aber nie zu Kämpfen geworden sind. Aber auch das hat sich gebessert. Vernünftig wäre es bestimmt, brav auf eine Titelchance zu warten. In der Zwischenzeit also Benn?

Conor Benn ist kein Hype-Job. Vielleicht ist er AUCH ein Hype-Job, aber Benn Junior ist nicht NUR ein Hype-Job. Aktuell boxt der deutlich jüngere Brite (25) im Weltergewicht und sieht von Kampf zu Kampf besser aus. Die bisherigen Ex-Weltmeister sind keine Tests für Benn gewesen, seine Knock-Out-Ratio sieht sehr wie die seines alten Herrns‘ aus. Sebastian Formella bestätigte bereits in einem Gespräch mit einem Boxen1 Redakteur, dass es gegen Benn fast schwerer war als gegen Shawn Porter. Genau das wären jetzt eigentlich die optimalen nächsten Gegner für Benn gewesen. Porter, Garcia, Thurman (Boxen1 berichtete bereits genau darüber). Wenn Benn den Gewichts-Sprung gegen Eubank Jr. wagt, wäre das vielleicht gar keine so schlechte Idee.

Benn sieht in durchaus gut trainiertem „rum-lauf-Gewicht“ definitiv aus wie ein Mittelgewicht. Benns‘ Power ist real und würde wahrscheinlich auch im Mittelgewicht ähnliche Wirkung zeigen, wenngleich der anberaumte Fight in einem Catchweight stattfinden soll. Eubank auszuknocken ist sowieso generell eher unwahrscheinlich. Karriere-technisch ist diese Entscheidung vielversprechend. Es wartet ein Mega-Pay-Day, sollte der Kampf gegen Eubank klappen. Die Chancen lassen sich für Benn zwar schwer einschätzen, doch könnte das durchaus klappen, da er der jüngere und ausgefeiltere Boxer ist. Eubank ist und bleibt Eubank.

Foto: Mark Robinson Matchroom Boxing

Selbst wenn Roy Jones ihn versucht hat umzubiegen. Benn hat jedoch eine bessere Schule genossen und kombiniert seine Benn-Power mit Skill. Fast schon etwas die Rollen getauscht, im Vergleich mit ihren Vätern. Eubank Jr. hingegen stand in einem Hammer-Fight mit George Groves und auch einen Billy Joe Saunders aber durchaus vor der hochkarätigeren Opposition und hat viel mehr Erfahrung.

Die Neuauflage eines Klassikers

Wie oft passiert sowas? Zwei Söhne zweier Legenden. Beide im gleichen Geschäft, mit ähnlichen Eigenschaften wie ihre Väter, beide ähnlich (bzw. auf dem Weg dahin) erfolgreich wie ihre Väter. Das Blöde an der ganzen Sache ist, dass wenn es nicht jetzt oder sehr bald passiert, dann wird es wahrscheinlich nie passieren – und es gibt genug valide Gründe dafür es nicht passieren zu lassen.

Eubank sollte um einen Titel boxen und versuchen, die letzten Jahre seiner Karriere ein Gürtel um den Bauch zu bekommen. Benn könnte sogar den Sprung nach oben ins Mittelgewicht machen, sofern der Gegner Chris Eubank hieße. Die Mittelgewichtsklasse ist im Vergleich zum Weltergewicht WEIT offen, vor allem wenn Golovkin bald aufhören sollte. Benn Junior hat in einem Sieg gegen Eubank Jr. mehr zu gewinnen als Eubank Jr. in einem Sieg über Benn. Ein Haufen Asche würde beide machen, aber darum wird und darf es in diesem Duell nicht gehen. Beide sind sich durchaus darüber bewusst, was ihr Nachname bedeutet, vor allem in England. Ohne einen großen WM-Titel seine Karriere zu beenden, wäre für Chris Eubank Jr. bestimmt eine Schmach. Conor hat noch Zeit und noch nie verloren, für ihn wäre das Experiment generell dankbarer.

Stilistisch gesehen, wäre das Aufeinandertreffen jedoch nichts anderes, als ein absolutes Feuerwerk. Chris Eubank wurde verboten zu kämpfen, weswegen er sich auf der Straße mit Gangstern in illegalen Kämpfen gemessen hat, bevor er Profi wurde. Conor Benn wurde in ein spanisches Internat gesteckt, um nicht anzufangen, die Fäuste zu schwingen. Beide sind heute wie ihre alten Herren absolute Naturgewalten, die sich mit allem, was kein Vorwärtsgang ist, gar nicht anfreunden wollen.

Sollte dieser Kampf tatsächlich gemacht werden, können wir uns auf ein absolutes Fest – Vorberichtserstattung, Pressekonferenzen, das ganze Programm – der Extraklasse freuen. Die Queen würde schief aus der Wäsche gucken, wenn nicht nur ganz England, sondern auch der Rest der Boxwelt, „God save Boxing“ singt und der Sieger dieses Aufeinandertreffens wäre die neue Hoffnung einer ganzen Nation, endlich einen neuen König gekrönt zu bekommen.

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