Baku 2015: Boxen und das Regime in Aserbaidschan

Baku European Games 2015

Wenn heute das Olympische Feuer erlischt, enden die ersten Europaspiele in Aserbaidschan. Während für die Menschenrechte, für den Sport an sich, die Meisterschaften am Kaukasus eine große Niederlage sind, war der aserbaidschanische Boxsport höchst erfolgreich. Der große Sieger ist jedoch Ilham Aliyev. Seine Diktatur glänzt golden.

Michael Müller (Sportdirektor/Generalsekretär DBV), Jürgen Kyas (Präsident DBV/AIBA EC-Member/EUBC Vice-President)„Wir sind hier in Aserbaidschan. Der Bundestrainer hat gesagt: 20 Meter hinter der Grenze hättest du das Ding gewonnen.“ Hamza Touba hat das Halbfinale verloren. Danach bleibt ihm ein Gefühl der Ungerechtigkeit. Denn sein Gegner war Elvin Mamishzada, ein Athlet aus Aserbaidschan. Der Heimvorteil, ein knappes Ergebnis, Hamza Touba, die Fliege, ist dennoch zufrieden: „Ich kann damit leben, es hat richtig Spaß gemacht.“

Auch der Deutsche Boxsport-Verband (DBV) kann mit dem Ergebnis wohl mehr gut, als schlecht leben. Fünf Medaillen sicherten die Athleten dem DBV bei den ersten Europaspielen. Neben Touba im Fliegengewicht gewann Sopa Kastriot Bronze im Halbweltergewicht, bei den Frauen durfte sich der deutsche Boxverband über dreimal Bronze durch Azize Nimani, Tasheena Bugar und Sarah Scheurich freuen. Ein wahrer Erfolg. Nachdem bei den Olympischen Spielen 2008 und 2012 keine Medaille erreicht wurde.

Der Aufschwung kommt zur richtigen Zeit. Sollten die Boxer 2016 in Brasilien keine Medaille gewinnen, wird ihnen das Fördergeld durch den Bund gekürzt. Dementsprechend zufrieden ist der Sportdirektor des DBV, Michael Müller: „Wir sind auf einem guten Weg.“

Der Sport und ein Regime – Was sich liebt, das deckt sich?

So erfreulich die Entwicklung für den deutschen Boxsport ist, so unerfreulich ist sie für den Sport an sich. Die ersten Europaspiele in Aserbaidschan sind nicht nur rein geographisch fragwürdig, sie sind es auch moralisch.

Seit 2008 regiert Ilham Aliyev Aserbaidschan, sein Aserbaidschan autokratisch. Keine Opposition, keine Pressefreiheit, keine Demokratie. Proteste vor den Spielen verhinderte Aliyev in dem er Regimegegner einsperren ließ. Mit staatlichem Geld wurden pompöse Sportbauten errichtet. Das Unternehmen DDLar profitierte. Es wird vom Sohn des Sportministers Arif Rahimov geleitet. Sein Besitzer ist unbekannt. Trotzdem ist das verwendete Material billig, Sicherheitsmaßnahmen wurden missachtet. Für die Spiele wurden auch die Fassaden der Wohnhäuser Bakus verschönert. Bei einem von ihnen begann die entzündbare Dämmung zu brennen. 16 Menschen starben. Der Schein der Spiele trügt nicht. Stattdessen zeigt die aserbaidschanische Führung deutlich: Sie braucht ihn nicht einmal. Der Sport kommt. So oder so.

Journalisten, die aufzeigen, wie staatliche Einnahmen in einem System aus Korruption und Günstlingswirtschaft verschwinden, werden unterdrückt und verhaftet. Khadija Ismayilova veröffentlichte Artikel zu den Geldflüssen der Familie von Ilham Aliyev. Heute während der Abschlussfeierlichkeiten sitzt sie im Gefängnis. Sie ist nur eine von hundert, die auf einer Liste von aserbaidschanischen Menschenrechtsaktivisten veröffentlicht wurde.

Selbst in Deutschland sind aserbaidschanische Journalisten scheinbar nicht sicher. „Reporter Ohne Grenzen“ berichtet, dass der im Exil lebende Journalist Emin Milli gefährdet sei. Wie die Organisation angibt, ließ der Sportminister Arif Rahimov ihm zukommen, dass er nicht mehr „sicher sei“, nachdem er mehrmals kritisch über die Europaspiele publizierte. 2009 war Milli für 16 Monate im Gefängnis. Ob der Angriff von Rahimov eine leere Drohung oder eine ernstzunehmende Warnung ist, bleibt ungewiss. Allein jedoch der Zweifel ist verstörend. Vor allem für den Sport.

Ein Event und seine ungewisse Zukunft

85 Millionen Euro ließ sich Aliyev und somit Aserbaidschan die Eröffnungsfeier am 12. Juni kosten. Den Sportlern soll der Despot die Unterkunft und Anreise bezahlt haben. Wie viel das Europäische Olympische Komitee (EOK) von Aliyev, der auch der Präsident des heimischen Olympischen Komitees ist, erhielt, wurde nicht bekannt gegeben. 6000 europäische Athleten sind in Baku vertreten, drei Millionen Euro werden an sie ausgeschüttet.

EOK-Präsident Patrick Hickey
EOK-Präsident Patrick Hickey

Die Idee zu dem Event hatte der irische EOK-Präsident Patrick Hickey. Er wollte „den Sinn für Europahaftigkeit“ stärken. Als einziger Bewerber für die erste Austragung war Aserbaidschan angetreten. Er könnte der letzte bleiben.

Zwei Tage vor dem Beginn der Europaspiele traten die Niederlande wegen der hohen Kosten als Veranstalter zurück. Der Leichtathletikverband (IAAF) gründete gemeinsam mit dem Schwimmverband (FINA) und dem Europäischen Turnverband die European Sports Championships, eine gemeinsame Austragung der spezifischen Europameisterschaften. Die Zukunft der Europaspiele steht in jenen Sternen unter denen heute ein Feuerwerk die ersten Meisterschaften beendet.

Kämpfen als Nationalsport

In den vergangenen knapp zwei Wochen war Aserbaidschan sportlich überaus erfolgreich. Im Medaillenspiegel blieben sie hinter Russland in etwa gleich mit Deutschland und Großbritannien. Zu verdanken ist dies dem Kampfsport. In Karate, Taekwondo, Ringen oder auch Boxen waren die aserbaidschanischen Athleten siegreich. Dominant blieb Aserbaidschan mit Russland im Boxen. Elf Medaillen konnte der aserbaidschanische Boxverband erzielen. Während bei Randsportarten, wie Mountainbiken kaum Fans zu den Spielen kamen, sind die Hallen laut, wenn gekämpft wird.

Thomas Bach, der IOC-Präsident
Thomas Bach, der IOC-Präsident

Die Fans im Stadion jubelten, wenn Teymur Mammadov sich zu Gold boxte, wenn der Sport sich zum Komplizen krönt. Thomas Bach, der IOC-Präsident, anwesend bei den Spielen, erklärte: „Wenn ein Mitglied seine Stimme für einen Austragungsort abgibt, erklärt es sich nicht gleichzeitig einverstanden mit den Gesetzen in dem Land. Es ist kein Votum für ein politisches System. Das IOC ist keine Weltregierung“ Aber dennoch regiert der Sport die Welt. Er hat Einfluss. Seine Toleranz lässt Aliyev gewähren und sich selbst diskreditieren.

Die Politik übt sich in Symbolik. Der Deutsche Bundestag hat die Regierung aufgefordert, sich für die politischen Gefangenen in Aserbaidschan einzusetzen. Während Amnesty International und kritische Journalisten während der Spiele nicht einreisen durften, ist Aserbaidschan Mitglied im Europarat. Ein Gremium, welches sich für Menschenrechte einsetzt.

Bei den Europaspielen ging es für die deutschen Amateurboxer um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im Oktober. Diese findet in Katar statt. Einem Land, das Aserbaidschan in vielerlei Hinsicht um nichts nachsteht. Man könnte Thomas Bach fragen, wer schlussendlich den Sport regiert.

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