Fury entthront Klitschko – Armageddon zum Abschied

Tyson Fury entthront Wladimir Klitschko

Ein Kommentar von Pirmin Styrnol

Es ist schon verrückt. Als Boxfan und Sportjournalist jammerte man seit Jahren über die Dominanz von Wladimir Klitschko. Langweilig war sie, unspektakulär. Und dennoch: man hatte sich bereits so sehr an den Ukrainer gewöhnt, dass mit der traurigen Niederlage vom Samstag alles andere als Genugtuung einherging.

„Hat Wladimir Klitschko das Schwergewichtsboxen auf dem Gewissen?“, fragte die BBC vor wenigen Tagen noch rhetorisch. Die Antwort der Boxfans auf der ganzen Welt war dieselbe: Ja… So wünschte man sich einen Gegner für den Weltmeister, der ihm Paroli bieten könnte, der ihn vielleicht sogar besiegen würde, um wieder Spannung ins Schwergewicht zu bringen. Einen Gegner, der nicht einfach nur zum Zahltag erscheinen würde, um dann mit einer Niederlage mehr im Kampfrekord nach Hause zu fahren.

Deontay Wilder, Anthony Joshua, Tyson Fury: Namen, die ein wenig Hoffnung aufkeimen ließen. Wilder, weil er groß und athletisch ist, weil er „den einen Punch“ hat. Joshua, weil der Goldmedaillengewinner von London, einfach ausgedrückt, boxen kann. Und Fury. Was den Briten eigentlich genau zum Herausforderer prädestinierte, war und ist nur schwer zu beschreiben. Vielleicht aber war genau das sein Trumpf, seine größte Stärke.

Eine neue Zeitrechnung

Wenn Klitschko verlöre, erklärte sein Trainer Jonathon Banks vor wenigen Tagen, würde das Schwergewichtsboxen in eine neue Zeitrechnung starten. Ist es also das, was am Samstag passierte? Der Gong für eine neue Ära? Wenn ja, dann war es keine gute Werbung für das, was im kommenden Boxzeitalter passieren würde. Der Kampf glich, von seiner Gestaltung, ein wenig jenen Klitschko-Fights, die doch alle so sehr kritisiert hatten. Nur eben andersherum.

Dieses Mal war es nicht der Ukrainer, der die Distanz hielt und seinen Gegner durch schiere Größen- und Reichweitenvorteile dominierte – diesmal wurde der Ukrainer dominiert, mit den eigenen Waffen geschlagen. Sicher, Furys Oberkörper zappelte in einer Runde häufiger von links nach rechts als jener von Klitschko in dessen gesamter Karriere. Der Herausforderer grinste, verhöhnte und gab sich alle Mühe, sein Image des Box-Clowns aufrecht zu erhalten.

Klitschko hingegen wirkte wie einer seiner eigenen zahlreichen Gegner. Überfordert die Distanz zu überbrücken, nicht mächtig, von seinem eigentlich so starken Jab zu profitieren oder seine Rechte ins Ziel zu bringen. Fury hampelte sich von Runde zu Runde, während Wladimir Klitschko, der Weltmeister, die Lichtgestalt im Schwergewicht, immer überforderter aussah. Blutend, frustriert und ideenlos schleppte sich der Mann, der das Interesse am Schwergewichtsboxen „gekillt“ hatte (David Haye) der Niederlage entgegen.

Armageddon-Soundtrack zum Abschied

Beinahe demütigend endete der Abend mit einer Gesangseinlage des neuen Weltmeisters von der Insel. „I don’t want to miss a thing“ von Aerosmith – eine Interpretation, ähnlich chaotisch wie Furys Boxstil.

Der entthronte Champion stand derweil unbeweglich in seiner Ringecke und ließ das Theater über sich ergehen. Und, ganz ehrlich, trotz all der Frustration um Klitschkos langweilende Dominanz: Spaß hatte man als Zuschauer daran nicht.

Wenn Wünsche in Erfüllung gehen

Man hatte sich eben so sehr an den Weltmeister Klitschko gewöhnt, dass der Auftritt vom Samstag alles andere als Genugtuung brachte. Ich jedenfalls litt mit dem Ukrainer. Spätestens ab Runde acht hoffte ich auf den einen Schlag. Vielleicht liegt es daran, dass Boxfans immer melancholisch werden, wenn sie an die Vergangenheit denken.

Der melancholische Boxfan

Gefühlt war Klitschko immer da. Die sympathische Konstante im Boxen, der, dem man immer irgendwie die Daumen drückte und sich gleichzeitig wünschte, dass da einer käme, der das Schwergewicht wieder spannend machen würde. Einer wie Wilder oder Joshua. Einer wie Fury. Der Wunsch ging gestern in Erfüllung. „From UK, the new Heavyweight-Champion of the world…“

Irgendwie dachte man an 2004. An Klitschkos Niederlage gegen Lamon Brewster. An sein Comeback ein halbes Jahr danach und an all das, was darauf folgte. Ja, man hatte es sich gewünscht. Man wollte, dass die Dominanz endlich endet – aber man wollte es doch nicht so….

Dass es einen Rückkampf gegen Fury geben wird, ist vertraglich bereits beschlossene Sache, und diesmal werde ich von Runde eins die Daumen drücken… Ich wünsche Wladimir Klitschko einen würdigen Abgang, ein Karriereende als Weltmeister. Auch wenn das vielleicht bedeutet, dass die Langeweile noch ein paar Jahre weitergeht. Ich werde mich beschweren, mich ärgern und seinen Boxstil kritisieren. Und still und heimlich werde ich mich für ihn freuen. Es ist schon verrückt…

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