Ein König und seine Erben

In den letzten Wochen ging ein erdrutschartiger Riss durch die Schwergewichtsszene, nach dessen Abklingen Oleksandr Usyk als Majestät ganz oben steht. Doch der Ukrainer ist mit 37 Jahren in einem edlen Box-Alter und viele Akteure schielen auf seinen Thron. In meinem aktuellen Blog analysiere ich die aktuelle Schwergewichtsszene und werfe einen Blick auf die spannende Zukunft in der Königsklasse.

18. Mai, Riad, Saudi-Arabien. Gerade findet die zwölfte Runde des größten Schwergewichtsfights in diesem Jahrtausend statt. Der bewegliche Oleksandr Usyk leistet seinem deutlich größeren und schwereren Gegner Tyson Fury erbitterten Widerstand. Und obwohl der hünenhafte Engländer im letzten Durchgang nochmal stark auftrumpft, gewinnt der technisch versierte Mann aus Simferopol den Fight am Ende nach Punkten und krönt sich zum ersten unumstrittenen Weltmeister in der höchsten Division seit dem Löwen Lennox Lewis 1999.

Aus meiner Sicht ein verdienter Sieg für den mental starken Kosaken. Ich hatte den Fight ausgeglichen mit sechs zu sechs Runden, aber durch den Niederschlag schwang das Pendel zu Gunsten des Olympiasiegers. Die Punktrichter hatten es teilweise sogar noch deutlicher, auch wenn ein Judge sogar Fury vorne hatte. Für mich eine Fehlentscheidung. Für die Katze Usyk ist es die Krönung eines nicht enden wollenden Siegeszuges, der ihn nun auch im Schwergewicht nach ganz oben gebracht hat. Es besteht kein Zweifel darüber, dass er derzeit der beste Fighter der Division ist und in meinen Augen auch Pound-for-Pound die Nummer Eins. Für ihn gilt: Durchatmen und genießen.

Denn jeder, der die Boxszene verfolgt weiß, dass sie maximal schnelllebig ist. Usyks IBF-Gürtel steht schon wieder zur Disposition und auch wenn ein Verlustdes einen Titels an seinem Nummer Eins Status nichts ändern würde, steht doch mit Widersacher Tyson Fury der klar stärkste Herausforderer schon wieder in den Startlöchern. Der Rückkampf zwischen den beiden Ringhelden scheint bereits fix für Dezember datiert.

Der Mann aus Morecambe ist für mich absolut die Nummer zwei unter den schwersten Männern. Der smarte Brite lieferte Usyk den knappsten Fight seiner Schwergewichts-Karriere und dominierte das Gefecht die ersten sieben Runden deutlich. Nur seine eigene zu schwache Ausdauer und die damit einhergehende deutlich fehlende Konzentration in der Defensive machten dem ehemaligen linearen Champion im Mai einen Strich durch die Rechnung. Doch mit dem Gypsy King ist weiter zu rechnen. Jeder rufe sich in Erinnerung: Nach dem Remis gegen den Bronze Bomber Deontay Wilder im ersten Kampf 2018, kam Fury für die zweite Auflage deutlich verbessert zurück. Er kann den zukünftigen Hall-of-Famer Usyk in meinen Augen ganz sicher schlagen. Doch das ist erstmal Zukunftsmusik.

Anthony Joshua

Einer der dagegen zeitnah im Rampenlicht stehen wird ist Anthony Joshua, für mich derzeit die Nummer drei im Heavyweight. Der brutal schlagstarke Engländer ist ehemaliger Unified-Champion und hat sich durch vier Siege in Folge wieder in der Weltspitze zurückgemeldet. Auch wenn diese Siege in meinen Augen überbewertet sind. Mit Jermaine Franklin hat er einen Top 30 Mann geschlagen, danach sprang mit Robert Helenius ein Boxer über seinem Zenit extrem kurzfristig ein. Joshuas bester Sieg war sicher der Triumph über den Ex Fury-Gegner Otto Wallin im letzten Dezember. Doch auch hier hatte der Schwede nur vier Wochen Vorbereitungszeit und wirkte nicht topfit. Joshuas letzter krachender Sieg über Quereinsteiger Ngannou sah dann extrem spektakulär aus, aber boxerisch war sein Gegner auch sicher keine Weltklasse. Trotzdem hat sich AJ technisch verbessert gezeigt, sein neuer Coach Ben Davison scheint ihm gutzutun und seine Power ist natürlich über alle Zweifel erhaben. Ein echter Gradmesser erfolgt für den Briten im September, wenn er im Main Event wahrscheinlich gegen den Koloss Daniel Dubois antritt.

Daniel Dubois erwischt Filip Hrgovic mit einer Rechten

Sein junger Landsmann lieferte bei der Veranstaltung am Wochenende den Kampf des Abends, als der den favorisierten Kroaten Filip Hrgovic verdient via TKO schlug. Der ehemalige WBA-Weltmeister hält nun den IBF-Interims-WM-Titel und ist damit das lohnenswerteste nächste Ziel für Joshua. Sollte Dubois zum vollwertigen Weltmeister aufgewertet werden, wäre es für Ex-Champ Joshua die Chance ein drittes Mal Schwergewichtsweltmeister zu werden. Eine historische Möglichkeit und das in einem rein englischen Duell. Der explosive Kampf liegt auf dem Silbertablett und wird meiner Meinung nach im September stattfinden. Auch wenn es sportlich sicher noch andere Alternativen für den derzeit drittbesten Schwergewichtler Joshua gäbe.

Joseph Parker vs. Zhilei Zhang, Interim WBO World Heavyweight Title. / Foto: Mark Robinson Matchroom Boxing.

Als Erstes ist hier Joseph Parker zu nennen. Der Kiwi setzte zuletzt mit Siegen gegen Wilder und Zhang brutale Ausrufezeichen und steht nicht umsonst auf Platz vier der renommierten Ring Magazine Rangliste. Mit seiner großen Erfahrung und seinem aktuell starken Lauf ist Parker für jeden Boxer dieser Welt eine Herausforderung. Er boxt intelligent und lässt sich auch von Rückschlägen innerhalb seiner Fights nicht von seiner Linie abbringen. Doch da es danach aussieht, als ob AJ sich ihm im September nicht stellen wird, muss sich der Ex-WBO Champ nach anderen Optionen umsehen. Vielleicht ja ein Rematch mit dem ewigen Zhilei Zhang. Der China Bomber schlug am Wochenende Deontay Wilder per krachendem Knockout und bleibt so in der Verlosung für die ganz großen Mega-Fights. Mit über 40 Jahren und einer immer schwächer werdenden Ausdauer scheint es für den Asiaten nicht mehr nach ganz oben zu reichen. Aber ein dicker Fight wird für den K.O König sicher noch drin sein. Und den ganz ganz großen Fight, den sollte auch die größte deutsche Box-Hoffnung demnächst kriegen!

Agit Kabayel aus Bochum steht derzeit beim Ring Magazine nur einen Platz hinter Parker und noch vor Zhang. Der schlagstarke Leberking zerlegte im Mai den bärenstarken Frank Sanchez und hat damit nach dem Russen Makhmudov das zweite Schreckgespenst des Schwergewichts aus dem Weg geräumt. Der Mann aus dem Ruhrpott ist derzeit der Pflichtherausforderer bei der WBC und steckt damit in einer echten Zwickmühle. Soll er einen weiteren Big Fight in Saudi-Arabien gegen einen sehr starken Gegner annehmen? Oder doch mit Stay-Busy Fights seine Mandatory-Position halten. Wie schief das gehen kann, haben wir am Wochenende bei Hrgovic gesehen. Der Olympia-Bronze Medaillen Gewinner von 2016 war seit Mitte 2022 Pflichtherausforderer bei der IBF und seitdem ohne wirkliche Herausforderung im Ring. Zu einem Fight gegen Usyk kam es aber wegen der größeren Vereinigungskämpfen des Ukrainers nie und am Wochenende trat der Kroate überraschend schwach auf. Eine ähnlich lange Wartepause droht nun auch dem deutschen Faustheld Kabayel, der minimal noch ein Jahr auf seine Chance bei der WBC warten müsste. Die nächsten Wochen werden zeigen, wo der Weg des gebürtigen Leverkuseners hingeht. So oder so hat er sich zur Überraschung vieler in den letzten sechs Monaten in der absoluten Weltspitze platziert. In meinen Augen hat er auch gegen jeden Boxer dieses Planeten eine reelle Siegchance.

Agit Kabayel schlägt Frank Sanchez nieder

Die Weltspitze haben wir mit den oben genannten Akteuren nun auch abgearbeitet. Mit den Top Drei Usyk, Fury und AJ, sowie vier brachial starken Contendern ist die königliche Division derzeit so stark wie lange nicht mehr. Mein Geheimtipp unter den schweren Kalibern, den ich noch vor allen aufstrebenden Youngstern und Veteranen sehe, ist Martin Bakole. Der bullige Kongolese wartet nach seinem Sieg gegen Takam aus dem letzten Oktober auf seine große Chance. Er ist brandgefährlich, nur leider fehlt ihm derzeit das absolute Top Management, um ihn in den großen Gefechten zu platzieren. Ganz anders sieht es beispielsweise bei Jared Anderson aus. Der Amerikaner wird bestens promotet und gilt weltweit als der aufregendste Prospect unter den schweren Männern. Allerdings ist The Real Big Baby selbst auf erweitertem höchstem Welt-Level nahezu ungeprüft, selbiges gilt für die Newcomer Bakhodir Jalolov und Moses Itauma. Spannende Namen für die Zukunft, bei denen aber niemand weiß, was passiert, wenn sie auf den ersten richtig harten Gegner treffen. Selbiges gilt für den ungeschlagenen Europameister und Hunter Oleksandr Zakhozhyi, der auch auf größere Aufgaben schielt.

Weiterhin in der erweiterten Weltspitze liegen natürlich auch noch Frank Sanchez und Filip Hrgovic, die niemand nach der ersten Karriere-Niederlage komplett abschreiben sollte. Doch beiden zuvor unbesiegten Kriegern wurde in den letzten Gefechten deutlich ihre Grenze aufgezeigt. Neben den beiden kürzlich Geschlagenen sind da natürlich noch viele Veteranen wie Andy Ruiz, Dillian Whyte, Joe Joyce, Kubrat Pulev und Deontay Wilder. Letzterer wird seine Welt-Karriere nach der heftigen Pleite gegen Zhang wohl beenden, alle anderen schielen nochmal auf einen Big Money Fight. Ein Sprung zurück nach ganz oben ist ihnen im Herbst ihrer Karriere allerdings nicht mehr zuzutrauen.

Denn hier thront mit Usyk eine völlig andere Qualität. Der Mann aus Simferopol ist schon jetzt einer der besten Boxer aller Zeiten und hat nun auch eine Schwergewichtsära geprägt. Bis mindestens Ende Dezember steht die Katze ganz oben, dann werden die Karten wieder neu gemischt. Wie immer im Boxen.

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