Kleiner Karlsruher Boxclub mit realistischen Plänen für 2023

Der Dezember wird boxtechnisch im Süd-Westen der Nation nochmal ein heißer Monat für den kleinen Karlsruher Home of Champions Boxclub.

Zwei Fight-Nights erwarten uns mit der Boxnacht in Heilbronn und Petko’s Fight Night im Karlsruher Home of Champions Boxclub. Morio, Tosun und Kolicic in Aktion: Auf beiden Veranstaltungen schickt Stall-Chef Jürgen Hengherr seine Schützlinge ins Rennen.

Weltergewicht hofft auf dritten Sieg

Den Beginn machen Hakan Tosun und Maurice Morio in der Heilbronner Römerhalle, auf der Co-Veranstaltung von SES und Blanko-Sports. Tosun hat gute Erinnerungen an Heilbronn, da er dort im Juni 2022 bereits einen Sieg in seinem zweiten Profikampf erringen konnte. Er steht vor seinem dritten Kampf als Profi und hofft natürlich auf den nächsten Sieg in seiner Heimatstadt. Im Training wenige Wochen vor dem Kampf wirkte er wie immer ruhig, gelassen und zuversichtlich. Es wird spannend zu sehen, welchen nächsten Schritt Tosun in seiner Entwicklung machen kann. Zwar lässt sich seine Statur durchaus als „undersized“ beschreiben, doch Tosun bewegt sich gut mit der oberen Hälfte des Körpers und bleibt auch auf den Füßen aktiv.

Interessant wäre es zu sehen, ob er mehr mit Winkeln arbeiten kann, die es ihm erleichtern würden, Erfolg mit der Führhand auszubauen. Ansonsten ist sein „peek-a-boo“-ähnlicher Stil von harten Haken gekrönt. Nicht zuletzt wird er sicher starke Unterstützung der Fans einfahren dürfen, da das sympathische Weltergewicht auch abseits des Ring ein tadelloses Bild an den Tag legt.

Kein Zeitungsaustragen mehr nach WM-Kämpfen

Boxen: Fächer Boxing Live, Waage, Karlsruhe, 21.01.2022
IBF-Youth-Worldchampionship: Simon Zachenhuber (GER, l.) – Maurice Morio (GER)
© Torsten Helmke

Morio ist im deutschen Box-Kreisen natürlich schon längst kein Unbekannter mehr. Doch sollte man nochmal kurz Morios‘ Werdegang Revue passieren lassen. Die letzten Kämpfe waren zwei Niederlagen gegen Deutschlands aktuelles Aushängeschild im Mittelgewicht Simon Zachenhuber.

Der erste Kampf um die IBF Junioren-WM fand Anfang 2022 in Karlsruhe hinter verschlossenen Türen statt – kurz nach Morios‘ 21. Geburtstag. Corona schwebte noch gefühlt überall in der Luft, während die zwei jungen Mittelgewichtler sich „auf die Deckung gedonnert haben“, erinnerte sich Simon Zachenhuber noch in einem Interview mit Boxen1 diesen Sommer. Zachenhuber lies sich mit einem neuen Gürtel, seinen mitgereisten Fans und seinem ausgezeichneten Team feiern, während Morio sich auf den Rückweg durch die Nacht macht, da er am nächsten Morgen einer ganz normalen Tätigkeit für junge Leute in Deutschland nachkommen musste: dem Zeitungsaustragen. Dieser Vergleich spricht sinnbildlich Bände von dem Unterschied, der auch im Rematch wieder ein Faktor war.

Der Rückkampf kam in der Westfalen Arena in Dortmund vor vielen Leuten, mit allen Scheinwerfern auf den Ring gerichtet. Letzte waren scheinbar zu groß für Morio. Man sah ihm an, dass er scheinbar nicht richtig da war und Zachenhuber entschied den Kampf schnell für sich. Neben Zahlen, die scheinbar eindeutig sind, vergisst man doch oft den Kontext einer Story. Morio begann seine Karriere im Dezember 2018, knapp drei Wochen vor seinem 17. Geburtstag. Gewann die ersten fünf Kämpfe, drei davon durch K.O. Nach der ersten Niederlage griff er gleich wieder an und sicherte sich den BDB Titel im Weltergewicht 2021. Einen Kampf später folgten die Zachenhuber-Kämpfe im Mittelgewicht nach 3 Wochen Vorbereitung.

Viel zu oft vergisst man die Fakten hinter einer Geschichte, die keines Weges nach Ausreden klingen sollen, doch nur weil ein junger Kerl mal eben nicht die ganze Zeit nur gewinnt, heißt das nicht, dass Hopfen und Malz verloren ist – auch wenn uns die Märchenstube Social Media oft was Anderes erzählen will. Man hat sich was getraut, auch wenn die Umstände nicht ideal waren und hatte halt nicht immer gewonnen. Stärker ist nur, wieder zurück zu kommen. So glaubt Home of Champions Chef Jürgen Hengherr nach wie vor an Morio. Der 21-jährige Profi ist inzwischen ein ganzes Stück erwachsener geworden, wohnt und trainiert in Karlsruhe und ist mental wieder voll im Fokus. Die letzten Sparrings strotzte er von Energie und demonstrierte seine schnellen und akkuraten Hände.

Die Veranlagung ist da, jetzt wird an dem Umfeld gearbeitet. Inzwischen steht Dominik Junge aus dem Mach1 Gym ihm als Trainer zur Seite, denn Hengherr ändert neben seinen Strukturen auch die Räumlichkeiten. Die Home of Champions Boxhalle wird am 17.12 in Karlsruhe mit Petkos‘ Fight Night das letzte mal als Stützpunkt für Hengherr und seine Boxer fungieren. „Da wird ein ganz neuer Morio im Ring stehen und die Leute werden das sehen“, prophezeit Hengherr gegenüber Boxen1. In Gergo Vari hat Morio einen erfahrenen Gegner vor sich, doch Morios‘ Sieg soll quasi den Anfang des Neuanfangs bezeichnen.

„Der Kampf ist für mich wie ein Comeback.“, so Morio im Gespräch mit Boxen1. „Mein Ziel für 2023 ist für mich auf jeden Fall wieder ein Titelkampf zu bestreiten. Ich will das Jahr nicht nachlassen, fit bleiben und immer im Training zu sein.“, so Morio weiter. Die klare Einstellung die das Profi-Dasein voraussetzt. Hengherr setzt für 2023 voll auf Morio und wünscht sich idealerweise gegen Ende des kommenden Jahres wieder um einen Titel boxen zu können.

Dritter Profikampf für Kolicic

Boxen: ECB Gymboxen, Hamburg, 27.08.2022
Nino Kolicic (GER) – Norbert Szekeres (HUN)
© Torsten Helmke

Ein ähnliches Ziel steht auch für Cruisergewicht Nino Kolicic auf der Agenda des Jahres 2023. Der 30-jährige Boxer aus Baden-Baden steigt ebenfalls am 17.12. in Karlsruhe in den Ring. Kolicic war zuletzt in Hamburg auf einer ECB-Veranstaltung erfolgreich gegen einen erfahrenen Mann aus Ungarn. Die Punktwertung fiel knapp aus, jedoch wurde ein klarer Knockdown des Gegners als Ausrutscher gewertet – auch das passiert. Dennoch hat Kolicic eine Veranlagung zum „brawlen“. Er steckt gerne mal Eine ein, um Eine austeilen zu können. Für die Fans ist natürlich immer ein guter Unterhaltungsfaktor geboten, bei den Punktrichtern kann das aber auch schon mal schief gehen. Dennoch sah auch Kolicic in den letzten Sparrings-Einheiten gegen absolute internationale Topleute nicht schlecht aus. Wenn Kolicic jedoch mehr auf seinen Jab (der länger ist als man es auf den ersten Blick vermutet) vertraut, könnte das mit einem kleinen Titel in 2023 durchaus realistisch sein, denn auch Kolicic ist ein harter Arbeiter. Jede Woche bleibt er konsequent am Ball, um sein klares Ziel zu erreichen.

Der Dezember wird ein interessanter Monat für den Boxsport im Süd-Westen Deutschlands, und wir werden gespannt weiterverfolgen, wie sich die Umstrukturierungen des Home of Champions in das neue Jahr übertragen werden.

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