Björn Schicke: „Ich möchte vom Boxen vernünftig leben können.“

Foto: Agentur Freitag.

Wolfgang Wycisk im Interview mit Björn Schicke

Björn Schicke war 11, als er  beim SC Berlin mit dem Boxen begann. Nach sechs Jahren hörte Schicke mit dem Faustkampf wieder auf, absolvierte eine Lehre als Kanalbauer und leistete seinen Wehrdienst ab. Zehn Jahre später, der erneute Einstieg in den Boxsport, diesmal als Profi. Elf Kämpfe absolvierte der Berliner, bis ihn  AGON Sports & Events 2018 unter Vertrag nahm. Im Interview bezeichnet Schicke AGON als das „Glück seines Lebens.“

Die wichtigste Frage zuerst, Björn: Hast du Corona bis jetzt gut überstanden?

Ich bin gesund, mir geht’s gut, besonders seitdem wir wieder gemeinsam trainieren dürfen. Bis dahin habe ich Herrn Stachewicz‘s (AGON Headcoach) Trainingspläne abgearbeitet. Meistens war ich dafür draußen im Park, zusammen mit meinem Freund und Ex-Trainer Zlatko Turina. Zweier-Gruppen sind  ja nicht verboten. Aber das ist echt nicht vergleichbar mit dem Training und den Jungs im Gym.

Was fehlt dir zurzeit am meisten?

Gottseidank darf ich wieder boxen, sonst wäre es ganz schlimm. Was mir noch fehlt, ist das Schwimmen, das Bouldern, also das Klettern ohne Seil und sich einfach mal ins Kaffee setzen, um etwas zu trinken.

Playstation  oder Netflix?

Weder noch. Karten- und Brettspiele, allen voran „Mensch ärgere dich nicht“. Das spiele ich jetzt öfters als sonst mit meiner Freundin Rosa.

Bist du ein guter Verlierer?

Ich mag es überhaupt nicht zu verlieren. Rosa hat letztens zugegeben, dass sie mich ab und zu bei „Mensch ärgere dich nicht“ gewinnen lässt, weil ich sonst immer so eklig wäre.

Amateurboxer, danach zehn Jahre Pause und mit 26 als Profi zurück in den Ring

Ich habe mit elf Jahren beim SC Berlin angefangen und habe dort mein erstes Probetraining gemeinsam mit Enrico Kölling absolviert. Nach sechs Jahren hatte ich keine Lust mehr und habe aufgehört. Und dann, 10 Jahre später, hatte es mich wieder gepackt. Ich hatte auch ein klares Ziel. Ich wollte Profi werden und vom Boxen leben können. Das hat aber erst 2018 geklappt, als Ingo Volckmann (CEO AGON) mir einen Vertrag anbot. Bis dahin war ich mehr oder minder Halbprofi, habe tagsüber gearbeitet und abends trainiert.

AGON ist für dich…

Meine Zukunft. AGON und damit meine ich Ingo Volckmann, hält sein Wort. Er steht mit Herzblut hinter der Sache. Deshalb kann ich mir keinen besseren Boxstall wünschen als AGON. Die Strukturen sind solide und das Management arbeitet nachhaltig. Ich will damit sagen, dass AGON die Karrieren der Boxer sorgfältig plant und sie nicht für den schnellen Euro opfern würde, wie das andere Boxställe durchaus tun. Schau einmal, was ich mit AGON innerhalb kurzer Zeit erreicht habe. Deutscher Meister beim BDB und EU-Champ der EBU. Das waren keine Zufälle, das war die Planung von Ingo und dem Team.

Angenommen Eddie Hearn (erfolgreicher Boxpromotor) würde dich zum Essen einladen

(Björn lacht) Eddie Hearn bräuchte sich keine Hoffnungen zu machen, dass ich zu ihm käme. Denn ich würde bei AGON bleiben. Auf alle Fälle würde ich ihm sagen, dass ich mein Steak gerne medium hätte.

Mehrere Boxer wurden wegen der Einnahme von leistungssteigernden Substanzen überführt. Darunter sind auch sehr prominente Namen

Anabolika ist Betrug gegen sich selbst, dem Gegner und dem Publikum. Ich wäre stinksauer, wenn ich gegen jemanden verlieren würde, bei dem sich im Nachherein herausstellt, dass er gedopt war.

Wie sehen deine letzten Minuten vorm Kampf aus. Hast du ein Ritual? 

„Ich bin der Beste, ich werde gewinnen! Ich bin der Beste, ich werde gewinnen! Ich bin der Beste, ich werde gewinnen!“ Immer wieder sage ich mir das auf. Früher war ich vor meinen Kämpfen sehr aufgeregt. Deswegen bin ich einmal zu einem Mental Coach gegangen. Diesen einfachen Satz haben wir gemeinsam erarbeitet und er wirkt! Denn wenn ich nun in den Ring klettere, dann fühle ich mich unbesiegbar.

Wurdest du als Boxer geboren oder wurdest du dazu gemacht?

Ich wurde nicht als Boxer, sondern als Kämpfer geboren. Ich liebe den Zweikampf. Ich gehe nach vorn, auch wenn es weh tut. Mir wurde das Boxen nicht in die Wiege gelegt. Ich bin auch nicht mit der Technik eines Gennadiy Golovkin gesegnet. Das versuche ich mit Athletik, Herz und Schlagstärke auszugleichen. Das sind für mich auch die Dinge, die einen Kämpfer auszeichnen.

Golovkin ist der IBF-Weltmeister in deiner Gewichtsklasse. Ist es dein Ziel ihn einmal zu beerben?

Golovkin besiegen? Lass uns auf dem Teppich bleiben. Mein Ziel ist es nicht Golovkin zu schlagen, sondern nach dem Boxen ein vernünftiges Leben zu führen, mit Frau und Kindern. Dafür muss ich um lukrative Börsen boxen und die lassen sich auch unterhalb Golovkin verdienen. Ich bin jetzt 32 Jahre alt. Irgendwann wird einmal Schluss sein. Realistisch betrachtet, könnte ich die nächsten drei bis fünf Jahre auf dem körperlichen Level boxen, auf dem ich mich jetzt befinde. Das bedeutet aber auch, dass ich mich langsam in Stellung für die lukrativen Kämpfe bringen muss. Aber bevor es damit soweit ist, möchte ich meinen EU-Titel noch ein- bis zweimal verteidigen. So haben wir es im Team durchgesprochen.

Das Profiboxen tänzelt derzeit am Abgrund. Woran liegt das? Was muss sich ändern?

Es darf nicht so oft „Stark“ gegen „Schwach“ boxen, sondern es müssen viel mehr Kämpfe auf Augenhöhe stattfinden. Gute Boxer dürfen sich nicht aus dem Wege gehen. Klar möchte man Niederlagen vermeiden, aber Verlieren gehört nun mal zum Sport.  Dann sollte es ein deutsches Ranking geben und nur die Besten dieser Rangliste dürften dann um Weltmeisterschaften boxen.

Wir bräuchten auch eine neue Fankultur. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber einige sogenannte Fans sind in den sozialen Medien mit ihren Kommentaren gnadenlos. In England ist das nicht so. Ich weiß noch, als Arthur Abraham gegen Paul Smith geboxt hatte. Smith war der krasse Außenseiter. Trotzdem sind über 300 Fans mit ihm nach Deutschland geflogen. Wirkliche Fans zeichnen sich durch Loyalität aus, gerade in der Niederlage. So etwas wünsche ich mir auch für Deutschland.

Wenn du eine Berühmtheit treffen dürftest. Wer wäre das?

Mike Tyson. Für mich einer der besten Boxer der Welt. Mit ihm würde ich gerne einmal über sein Leben reden, denn da gäbe es sicherlich ordentlich Gesprächsstoff….

(Björn lacht) Vielleicht erlaubt es Eddie Hearn, dass ich Mike zum Essen mitbringe.

Hertha oder Union?

Ich bin wirklich kein Fußball-Fan, aber viele meiner Freunde sind für Hertha. Also Hertha. Ingo Volckmann ist ja auch der Präsident von Atlético Baleares. Als Ehrerweisung ihm gegenüber bin ich auch ein Baleares Fan.

Angenommen du hättest viel Geld. Was würdest du damit tun?

Ich würde sicherlich einen großen Teil spenden. 2019 war für mich ein wirklich gutes Jahr. Von meiner Börse für den EU-Meister habe ich viele Lebensmittel und Früchte gekauft. Ich habe mich dann an der Bahnhofsmission bei der Essensausgabe dazugestellt und alles verteilt. Es war ein schönes Gefühl, Hilfsbedürftige an meinem Erfolg teilhaben zu lassen.

Wenn einmal dein Leben verfilmt werden würde. Wer sollte deinen Part übernehmen?

(Björn lacht) Wen ich mir da super vorstellen könnte, wäre Dwayne „The Rock“ Johnson und wenn er keine Zeit hätte, dann Mike Tyson.

Vielen Dank für das Gespräch Björn.

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