Das Schwergewicht und seine neuen Gesichter – Teil 5: Die Exoten und der Rest der Welt

schwergewicht-exotenDas Schwergewicht gilt seit jeher als die Königsklasse des Boxsports. Von Jack Johnson über Joe Louis, bis hin zu Muhammad Ali und den Klitschko Brüdern: im Reich der schweren Jungs waren schon viele illustre Namen unterwegs, die der Boxgeschichte ihren Stempel aufdrücken konnten. Doch bereits um die Jahrtausendwende erlebte die Gewichtsklasse einen Abstieg, von dem sie sich bisher nicht so recht erholt hat. Zu wenige neue Talente, langweilige Kämpfe und eine durch die Titelflut der Verbände einhergehende Verwässerung des Sports – dies ließ speziell die Fans aus Übersee Abstand nehmen von der einstigen „Glamour Division“. Erst mit der Ankunft der Briten Anthony Joshua änderte sich so einiges. Die Welt schaut wieder auf das Schwergewicht, doch wer sind die neuen Gesichter, die der Gewichtsklasse auch wieder die Qualität geben können, die sie so sehr benötigt?

Im Folgenden möchten wir den Lesern von Boxen1.com die neuen Talente des Schwergewichts präsentieren. Dabei geht es sowohl um frisch im Profibereich angekommene Boxer als auch um Männer, die schon auf der Schwelle zur Weltspitze stehen, jedoch noch keine WM-Chance erhalten haben. Zudem blicken wir weit voraus auf vielversprechende Amateurboxer, die in Zukunft auch eine Rolle bei den Profis spielen könnten.

Die Exoten und der Rest der Welt

Efe Ajagba (24 Jahre alt, Kampfrekord 4-0-0, 4 KOs)

Nigeria kann gerade in der jüngeren Vergangenheit stolz auf seine Schwergewichtler zurückblicken. Aus den 90ern wären da zum Beispiel Namen wie der toughe David Izon, Henry Akinwande (der unter britischer Flagge boxte, aber im Land seiner Eltern aufwuchs) oder das Enfant terrible Ike Ibeabuchi zu nennen. Letzterer lieferte gegen den damals unbesiegten David Tua einen der besten Schwergewichtskämpfe aller Zeiten, schlug im Anschluss den späteren Weltmeister Chris Byrd KO, bevor seine persönlichen Dämonen überhand gewannen und er aufgrund von Körperverletzung und versuchten sexuellen Übergriffen für 16 Jahre hinter Gitter wanderte. In den 2000er Jahren konnte noch Samuel Peter auf nigerianischer Seite für Aufsehen sorgen und 2008 den WM-Titel der WBC erringen. Die aktuelle Nr. 1 im Schwergewicht, Anthony Joshua, hat ebenfalls nigerianische Wurzeln.

Inwieweit sich Efe Ajagba mal in eine Reihe mit diesen Namen stellen kann, ist aktuell noch schwer abzusehen. Fraglos ist das Potenzial des 24-jährigen aber groß genug, um mindestens ein Auge auf seine Entwicklung zu werfen. Erst 2011, im Alter von 17 Jahren, stieg Ajagba in den Boxsport ein. Aus heutiger Sicht ist dies allerdings keine Ausnahme mehr. Viele Schwergewichtler, besonders aus den USA, finden den Weg in den Ring erst spät und oftmals nach einer gescheiterten Karriere in einer anderen Sportart. Der Aufstieg Ajagbas ging rasant, 2014 schon holte er Bronze bei den Commonwealth Games und ein Jahr später Gold bei den Afrikanischen Meisterschaften.

Als Nr. 1 des afrikanischen Kontinents war es so auch ein Leichtes für ihn die Olympiade 2016 in Rio zu erreichen. Dort sorgte er in der ersten Runde für den vielleicht schwersten Knockout des gesamten Turniers, als er Nigel Paul aus Trinidad & Tobago mit einer Rechten die Lichter ausknipste, sodass dieser mit dem Gesicht zuerst auf den Ringboden sackte. Ajagba deutete hier schon seine enorme Power an. Im Viertelfinale musste er sich dann aber dem wesentlich erfahreneren Ivan Dychko geschlagen geben.

Für den Traum einer Profikarriere hat es den großgewachsenen, perfekt austrainierten Hoffnungsträger ganz nach Texas verschlagen. Dort wird er vom erfahrenen Trainer Ronnie Shields betreut, der aktuell auch in der Ecke von Erislandy Lara und Jermall Charlo steht und einst Mike Tyson auf seinen Mega-Fight gegen Lennox Lewis vorbereitete. Mit dieser Expertise im Rücken könnte es für Ajagba in den nächsten Jahr steil nach oben gehen. Im Ring erinnert er mit seiner großen Explosivität und Schlagkraft sowie durch seinen Körperbau etwas an Deontay Wilder, ist aber boxerisch schon weiter als es dieser zu jenem Zeitpunkt seiner Karriere war. Grundsätzlich hat der Nigerianer die Voraussetzungen, um eine Karriere hinzulegen, die von WM-Gold geprägt sein wird.

Tony Yoka (26 Jahre alt, Kampfrekord: 4-0-0, 3 KOs)

Fast hätte wir in unser 5-teiligen Reihe noch vergessen den aktuellen Olympiasieger im Super-Schwergewicht zu erwähnen. In der immer stärker werdenden Boxnation Frankreich, ist Tony Yoka zum absoluten Aushängeschild mutiert. Der angesprochene Triumph in Rio war eine Bilderbuchgeschichte – hätten sich Hollywood-Autoren das Ganze ausgedacht, die Filmstudios hätten das Drehbuch mit den Worten „zu dick aufgetragen“ abgelehnt und in den nächstgelegenen Mülleimer bugsiert. Zwei Tage bevor Yoka Gold einfuhr, gewann nämlich seine Lebenspartnerin Estelle Mossely das Finale im Leichtgewicht der Frauen. So etwas hatte es noch nie gegeben, zumindest nicht im Olympischen Boxen.

Unabhängig dieser Ereignisse war die bisherige Karriere des 2,01 m-Riesen auf dem Papier eh schon ein nahezu perfekt zusammengesetztes Konstrukt. Schon 2010 ging es mit Gold bei der Junioren-WM los. Es folgten erfolgreiche Jahre in der World Series of Boxing, bis Yoka 2015 auch bei den Herren die WM gewann. Allerdings wurden schon damals Stimmen laut, die den Franzosen immer wieder bevorzugt seitens Punktrichter sahen. Der Finalsieg über Ivan Dychko gilt bei vielen als Fehlurteil. Ähnliches Spiel dann in Rio, wo die Entscheidungen in den Medaillen-Duellen gegen Filip Hrgovic und Joe Joyce äußerst kritisch bewertet wurden.

Andererseits ist schon fast in Vergessenheit geraten, dass auch Anthony Joshua bei seiner Goldmedaille von kontroversen Wertungen profitierte. Dies verhalf ihm zu einer guten Position aus Promotion-Sicht. AJ ließ sich perfekt vermarkten – der Rest ist bekannt. Ob Yoka allerdings auch im Ring die Leistungen seines Vorgängers emulieren kann, wird sich noch zeigen. In seinen bisherigen Darbietungen als Profi zeigte er hier und da schon gute Ansätze, insbesondere in Sachen Schnelligkeit. Dafür boxt Yoka noch recht bieder, ja fast eindimensional und unkreativ. Bei seiner phänomenalen Physis – sein Körper kommt dem eines Comic-Helden gleich – erwartet man sich da noch mehr. Mit dem Amerikaner Virgil Hunter in seiner Ecke wird er sich aber mit Sicherheit noch deutlich steigern. Wäre ja ein Jammer, wenn hier statt einem zweiten Joshua/Lewis/Klitscho eher Audley Harrison 2.0 auf uns warten würde.

Einet pikante Sache ereignete sich im März, als der französische Boxverband Yoka aufgrund mehrerer verpasster Dopingkontrollen für ein Jahr sperrte. Sein Team gab an, dass sich Yoka bei den unangekündigten Tests entweder in den USA zum Training oder generell außerhalb seines Trainingsgebiets in Frankreich aufhielt. Im April stand er trotzdem in der Pariser Hauptstadt im Ring und bestritt seinen 4. Profikampf. Wie genau das passieren konnte, kann wohl nur ein Jurist erklären.

Zhang Zhilei (35 Jahre alt, Kampfrekord: 18-0-0, 14 KOs)

In China tut sich in letzter Zeit einiges. Nicht nur in der Wirtschaft ist das bevölkerungsreichste Land der Welt stetig auf dem Vormarsch, auch im Sport, in diesem Fall im Boxsport, können Erfolge erzielt werden. Die China Dragons schlagen sich seit Jahren wacker in der World Series of Boxing und auch bei internationalen Turnieren – vor allem natürlich bei der Heim-Olympiade in Peking 2008 – waren errungene Medaillen keine Seltenheit. Mit Zou Shiming wagte bereits einer dieser Top-Amateure den Sprung ins kalte Wasser namens Profiboxen. Der zweifache Olympiasieger scheiterte dabei allerdings grandios, auch wenn er kurzzeitig den WBO-Titel im Fliegengewicht halten konnte.

Körperlich genau das Gegenteil von Shimming ist Zhang Zhilei. Der Silbermedaillen-Gewinner von Peking wechselte 2014 ins Profilager und war seitdem sehr aktiv, bestritt 18 Kämpfe. Mit 1,98 m und ca. 115 kg ist der Rechtsausleger ein Mann wie ein Fels, zeichnet sich dabei aber nicht nur durch Kraft und Zerstörung aus. Zhilei ist gut ausgebildet, verfügt über eine passable Beinarbeit. Aus seiner unorthodoxen Schlagposition arbeitet er gekonnt mit Finten, variiert die Schlaghärte, um dann mit seiner harten Linken immer wieder zuzustechen. Wie gut jedoch sein Kinn ist, ist von Fragezeichen umgeben. Als Amateur wurde er schon das ein oder andere Mal vorzeitig gestoppt, gegen den Journeyman Juan Goode musste er Ende 2015 nach einem Volltreffer runter. Und auch sein fortgeschrittenes Alter könnte zum Problem werden, sollten die großen Kämpfe nicht bald kommen.

Einer dieser große Kämpfe könnte dann in der chinesischen Heimat stattfinden. Vor einigen Monaten äußerte Anthony Joshuas Promoter Eddie Hearn die Möglichkeit, in Zukunft einen großen WM-Kampf zwischen AJ und Zhilei dorthin zu verlegen. Es wäre die Möglichkeit zur Revanche für den Hünen, der sich Joshua bei den Olympischen Spielen 2012 im Viertelfinale geschlagen geben musste. Vielleicht kann Zhang Zhilei der Mann sein, der das chinesische Profiboxen durch seine Auftritte weiter nach vorne bringt.

Weitere Talente aus allen Teilen der Welt

Eine immer größer werdende Boxszene gibt es derzeit auch in Kanada zu bestaunen. Unter ihnen der aus dem französischen Teil des Landes stammende Simon Kean. Der schlagstarke Muskelberg konnte sich rasant nach oben arbeiten, erzielte im Februar einen bemerkenswerten KO-Erfolg über den nicht ungefährlichen Alexis Santos. Bei derzeitigem Aufbau ist ein WM-Kampf in den nächsten 18-24 Monaten drin, auch wenn die boxerischen Defizite des Olympioniken von 2012 dort entblößt werden könnten.

Lange Zeit galt Ilunga Makabu als der talentierte Boxer in der Familie. Doch seit dessen schwerer KO-Niederlage ist mehr und mehr sein kleiner Bruder Martin Bakole ins Rampenlicht gerückt. Der aus dem Kongo stammende Mann ist mittlerweile in England aktiv und konnte sich in der dortigen Szene bereits einen Namen machen. Sollte er bald auch einen guten Promoter hinter sich haben, ist das Potenzial des explosiven Punchers durchaus groß genug, um in die oberen Etagen des Schwergewichts vorzudringen.

Schon etwas näher dran an diesen Etagen ist der Schwede Otto Wallin. Der für die skandinavische Abteilung Sauerlands aktive Schwergewichtler konnte sich durch seinen zugegebenermaßen etwas langweilig erboxten Punktsieg über Landsmann Adrian Granat für einen größeren Kampf in Stellung bringen. In den Top 20 der Gewichtsklasse wird er sich mit Sicherheit noch eine Weile einnisten – für WM-Kämpfe muss noch eine Steigerung her.

Talente aus dem Amateurbereich

Neben oder vielleicht noch vor unserem in Teil 3 erwähnten Talent Richard Torrez, gilt der Australier Justis Huni als größte neue Hoffnung bei den Amateuren. Mit seinem Goldgewinn bei der Junioren-WM machte er das erste Mal international von sich Reden und war seitdem auch bei kleineren Turnieren nicht zu bezwingen. Technisch ist der erst 19 Jahre alte Topathlet schon derart weit, dass man nur in freudiger Erwartung in die Zukunft blicken möchte. Vergleiche mit dem aus Neuseeland kommenden Joseph Parker werden unvermeidbar sein, dabei dürfte das Potenzial von Huni das von Parker übersteigen.

Apropos Neuseeland: dort ist derzeit der 23-jährige Patrick Mailata auf dem Vormarsch. Erst vor kurzem errang er Silber bei den Commonwealth Games und gab dort ein gutes Bild von sich ab. Mailata ist wie Justis Huni, aber auch David Tua, Joseph Parker oder UFC-Heayvweight Mark Hunt samoanischer Abstammung. Diesen sagt man ja besondere Kampfeshärte nach und dies trifft eindeutig auch auf den etwa 1,90 m großen Ex-Rugby-Spieler zu.

So viele Namen auf 5 Artikel verteilt und kein Kubaner findet Erwähnung? Falsch, wir bringen natürlich nochmal einen Kandidaten vom kleinen Inselstaat ins Spiel. Yoandris Toirac war in den letzten Jahren wohl der beste junge Schwergewichtler des Landes, was er in mehreren Kämpfen in der World Series of Boxing unter Beweis stellte. Auch wenn er mit Sicherheit kein zweiter Teofilo Stevenson ist, wäre ihm eine gute Profilaufbahn zuzutrauen. Fakt ist aber auch, dass in den letzten Jahren fast keine Top-Kubaner mehr die Flucht in Richtung des „freien Westens“ angetreten haben. Die Lage scheint schwer für potenzielle Schwergewichtsweltmeister aus der Karibik.

Das Schwergewicht und seine neuen Gesichter – Teil 5: Die Exoten und der Rest der Welt
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