Zwei Boxer kämpfen mit Hirnblutungen um ihr Leben in Japan

Yamato Hata und Shigetoshi Kotari beim Wiegen zum Titelkampf am Samstag in Tokio.

In Tokio erleiden am Samstag zwei Boxer lebensgefährliche Verletzungen und müssen notoperiert werden. Ist die Sicherheit noch gewährleistet?

Fürchterliche Nachrichten aus Japan: Am Samstag lud die größte Promotion des Landes, Teiken Promotions, zum Kampfabend in die Korakuen Hall in Tokio ein. Sechs Kämpfe wurden präsentiert, darunter der Hauptkampf um den Oriental and Pacific Boxing Federation-Titel im Superfedergewicht. Yamato Hata (17-2-1) verteidigte diesen Titel zum zweiten Mal und war klarer Favorit gegen den Herausforderer Shigetoshi Kotari (8-2-2).

Es hätte ein magischer Abend für Kotari werden sollen – er gab entsprechend alles. In einem packenden, hart geführten Kampf über zwölf Runden trotzte Kotari dem Titelträger ein Unentschieden ab. Dies reichte zwar nicht ganz zum Titelgewinn, doch beide Männer bewiesen Herz und Durchhaltevermögen. Nun scheint das Unentschieden jedoch teuer erkauft zu sein, denn Kotari wurde nach dem Kampf am Samstag direkt notoperiert. Er erlitt ein akutes subdurales Hämatom im Gehirn; die Ärzte kämpfen seitdem um das Leben des 28-Jährigen.

Der Bruder berichtete aus dem Krankenhaus

Dies wurde schnell nach dem Kampf auch in den sozialen Medien bekannt, da sich der Bruder des schwer verletzten Hauptkämpfers aus dem Krankenhaus meldete. So twitterte er beispielsweise unmittelbar nach dem Kampf:

„Ich bin der ältere Bruder von Shigeru Kamiaashi. Mein jüngerer Bruder hat tapfer gekämpft und den Kampf beendet. Nach dem Kampf wurde er in kritischem Zustand bewusstlos ins Krankenhaus gebracht. Er befindet sich derzeit in einer Notfall-Kraniotomie, und jede Sekunde zählt.

Der Ausgang des Kampfes ist völlig unwichtig. Ich bete einfach nur, dass mein sanfter, von allen geliebter Bruder Shige zu uns zurückkehrt. Das war ein dringendes Update. Ich werde euch erneut informieren.“

Einige Stunden später war die Operation abgeschlossen, und er schrieb erneut:

„Die Operation am Schädel ist beendet. Je nach Schwellung und Blutung wird sich die Behandlungsmethode ändern. Er ist zwar bewusstlos, aber wenn man ihn anspricht, bewegt er Hände oder Füße. Wenn man seine Hand hält, hat man das Gefühl, dass er zurückdrückt. Ich glaube, Shige kämpft mit aller Kraft. Er versucht verzweifelt zu antworten.
Shige, du musst unbedingt zu uns zurückkommen. Alle warten auf dich.“

Ein weiterer Kämpfer auf der Veranstaltung kämpft ebenfalls um sein Leben

Hiromasa Urakawa (links) kämpft ebenfalls um sein Leben nach dem Kampf gegen Yoji Saito.

Eine solch schwerwiegende Verletzung, die lebensbedrohlich ist, gehört im Boxen leider zu dem Restrisiko, das jeder Profisportler für sich selbst abwägen muss. Doch nun folgte die schockierende Nachricht: Auf derselben Veranstaltung erlitt ein weiterer Kämpfer ein akutes subdurales Hämatom und musste ebenfalls notoperiert werden. Es handelt sich um das Leichtgewicht Hiromasa Urakawa (10-4), der am Samstag in Tokio in der achten und letzten Runde durch TKO gegen Yoji Saito (9-4-2) verlor.

Der 28-Jährige kämpfte auf der Undercard und wurde in einem anderen Krankenhaus in Tokio notoperiert. Nun stellt sich die Frage: Wie kann es sein, dass auf einer einzigen Veranstaltung gleich zwei Boxer mit Hirnblutungen um ihr Leben kämpfen müssen?

Japan – immer wieder Schauplatz tragischer Vorfälle

Verstarb im Februar. Das japanische Boxtalent Kazuki Anaguchi wurde lediglich 23 Jahre alt.

Hirnblutungen auf einer Veranstaltung sind ein Schock, doch leider kein Einzelfall. In den letzten Monaten und Jahren häuften sich in Japan schwere Verletzungen nach Boxkämpfen. So erlitt beispielsweise der ehemalige Minimumgewichtsweltmeister Ginjiro Shigeoka Ende Mai eine Hirnblutung und brach unmittelbar nach dem WM-Kampf im Ring zusammen. Zwar überlebte der 25-Jährige, doch ein normales Leben wie zuvor ist für ihn nicht mehr denkbar.

Weniger Glück hatte hingegen Kazuki Anaguchi, der nach einem Kampf in Tokio am 26. Dezember ebenfalls eine Hirnblutung erlitt. Er verstarb am 2. Februar im Krankenhaus – im Alter von nur 23 Jahren.

Das Gewichtmachen kann wohl schwere Hirnschäden begünstigen

Die Gründe für solch lebensbedrohliche Verletzungen sind sicherlich vielschichtig. Zum einen muss man feststellen, dass in Japan die Kämpfe besonders hart und teilweise brutal geführt werden. Wer das japanische Boxen regelmäßig verfolgt, weiß, was gemeint ist: Dort sind die Duelle oft so intensiv umkämpft, wie man es in anderen Teilen der Welt nur selten sieht. Diese extremen Fights begünstigen natürlich tendenziell schwerwiegende Verletzungen.

Zudem wächst die Kritik am sogenannten „Abkochen“, also dem gezielten Ausschwitzen von Gewicht, um in eine niedrigere Gewichtsklasse zu kämpfen. Viele Boxer wiegen am Kampftag mehrere Kilogramm mehr als beim offiziellen Wiegen, was ihnen physische Vorteile verschafft. Dieses drastische Dehydrieren hat jedoch direkte Auswirkungen auf das Gehirn und kann potenziell schwerwiegende Verletzungen fördern.

Ein Kommissionsarzt der Japan Boxing Commission schreibt in seinem Blog dazu:

„Ein weiterer entscheidender Faktor ist jedoch vermutlich das übermäßige „Water Cutting“ (rasantes Dehydrieren zur Gewichtsreduktion vor dem Kampf).

Im Normalzustand schwimmt das Gehirn in Liquor cerebrospinalis (Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit), der als Stoßdämpfer fungiert und das Gehirn schützt. Zwischen Gehirn und Schädel existiert ein angemessener Liquorraum, und die sogenannten Brückenvenen, die die harte Hirnhaut (Dura) mit dem Gehirn verbinden, sind normalerweise locker gespannt.

Durch drastische Gewichtsreduktion und die damit verbundene schwere Dehydrierung schrumpft jedoch das Hirngewebe, und die Liquormenge nimmt ab. Dadurch vergrößert sich der subdurale Raum, und die Brückenvenen verlieren ihre normale Lockerheit und stehen unter starker Spannung.

Wenn in diesem Zustand ein Schlag auf den Kopf erfolgt, bewegt sich das Gehirn innerhalb des Schädels in Richtung Dura (Brain Shift). Auf die gespannten Brückenvenen wirkt dabei ein starker Zug, sodass sie selbst bei vergleichsweise leichteren Schlägen reißen können.

Reißt eine Brückenvene, kommt es zu einer Blutung im subduralen Raum. Dort sammelt sich Blut an, was einen schnellen Anstieg des Hirndrucks und eine lebensbedrohliche Kompression des Gehirns zur Folge hat – das akute subdurale Hämatom.

Warum begünstigt das „Water Cutting“ dieses Risiko? Das Gehirn wird durch die Blut-Hirn-Schranke (BBB) reguliert, was den Wassertransport streng kontrolliert. Nach dem Wiegen nehmen Boxer zwar schnell viel Flüssigkeit auf, aber die Rehydrierung des Gehirns dauert länger als die der übrigen Körpergewebe. Somit bleibt das Gehirn dehydriert, wenn der Kampf stattfindet.

Fazit:
Die Dehydration reduziert den Auftrieb des Gehirns und erhöht die Spannung der Brückenvenen. Dadurch steigt das Risiko eines akuten subduralen Hämatoms erheblich. Ein Schlag auf den Kopf in diesem Zustand kann wesentlich schwerwiegendere Folgen haben als im Normalzustand – höchste Vorsicht ist daher geboten.“

Die Sicherheit der Kämpfer ist nicht mehr gewährleistet

Die jüngsten tragischen Ereignisse zeigen leider, dass Japan im Boxsport ein massives Problem in Bezug auf lebensbedrohliche Verletzungen hat. Der Boxsport erlebt derzeit im Land einen großen Hype – doch solche Meldungen werden die Begeisterung nachhaltig trüben. Man muss sich die Frage stellen, ob es mit dem eigenen Gewissen vereinbar ist, wenn regelmäßig junge Menschen im Ring um ihr Leben kämpfen oder gar sterben.

Dabei sei betont, dass es sich um ein spezifisches Boxproblem handelt. In anderen Kampfsportarten wie MMA oder Bare-Knuckle-Boxen treten derartige Fälle kaum auf, da die Kämpfe dort kürzer sind und auch anders gelagert erscheinen.

Nun müssen Antworten gefunden werden, um den Boxsport – insbesondere in Japan – wieder sicherer zu machen. Strengere Kontrollen beim Gewichtmachen, kürzere Kampfzeiten, schnellere Ringabbrüche: Welche Maßnahmen auch immer notwendig sind, eines ist klar – ein „Weiter so“ darf keine Option sein.

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