„Zu groß, um es zu verpassen“ – Die Weltklasse zurück in Deutschland

Foto: Felix Leichum/DAZN

Fünf Minuten sollten wir „ziehen“, wie man im Live-Fernsehen sagt, wenn etwas nicht nach Zeitplan verläuft. Bis Agit Kabayel nach dem offiziellen Face-Off zu uns ins Set kommt. Zu Bernd Bönte und mir, die wir für DAZN die Begleitberichterstattung zur offiziellen Pressekonferenz von Agits großem Homecoming lieferten.

Die Kamera ging an, ich sprach keinen ganzen Satz und sehe unsere Aufnahmeleiterin Kirsten mehrfach nicken und Kommandos geben. Mit der Hand, so als wolle sie jemanden zeigen: Komm ruhig! Um unseren Zusehenden nicht den Rücken zuzudrehen, bleibe ich stehen, weiß aber: Gleich kommt er. Mit Gold über den Schultern und fast gelöst. Agit Kabayel scheint froh zu sein, dass der ihm unliebsame Teil des frühen Abends vorbei ist. Das Formelle, das Reden, das Trommeln müssen. Seine Augen glänzen, als Bernd ihn fragt: Wo siehst du die Stärken deines Gegners. Noch mehr, als er selbst von der Kabayel-Ära spricht und sich wahrhaftig stolz zeigt, über die rasant wachsende Unterstützung in Deutschland.

Welch unglaubliche Bürde das sein muss, denke ich mir in diesem Moment. Mit dem Gürtel auf den Schultern trägt er das nicht zu geringe Gewicht der Hoffnung einer ganzen Boxnation. Alle, die das lesen, wissen: Wir brauchen eine Symbolfigur nach all den Jahren boxerischer Einöde. Eine, die den großen Promotions zeigt: Hier gibt es auch Sportlerinnen und Sportler, die Tag für Tag hart arbeiten, um eines Tages auf einer großen Karte zu kämpfen. Eine, die Hintern in Sitze drückt und dazu, dass sie Samstagabend den Freunden absagt, weil DIESER Kampf heute läuft – so wie ich das gemacht habe. Und wenn ich ehrlich sein darf, auch heute noch mache.

Foto: Felix Leichum/DAZN

Deutsches Fernsehen und Prime-Time-Boxen

Es war leicht, zum Boxen zu finden, als ich noch klein war. Quasi selbstverständlich lief Samstagabends Boxen im deutschen Fernsehen. Ich schreibe noch nicht einmal von den PPVs mit Holyfield, Tyson, Lewis und Co, die auf Premiere liefen. Nein, frei empfänglich: Henry Maske und Darius Michaelchewski, später Axel Schulz und Regina Halmich. Fluide ging alles über in die glänzenden Nächte der Klitschko-Ära. Wie hing ich damals an Tobi Drews Lippen und habe gelernt und notiert. Auch Sauerland veranstaltete regelmäßig im Ersten. Marco Huck, Arthur Abraham, Jürgen Brähmer. Ganz normal. Fast selbstverständlich.

Irgendwann reichte es mir nicht mehr, fernzusehen. Ich wollte dabei sein. Auch das war kein Problem. Oft genug waren die großen Promotion mit Weltmeisterschaftskämpfen in meiner Umgebung. Mal musste ich länger reisen, mal kürzer. Weltklasseboxen drei bis viermal im Jahr. Oder mehr. Erst Jahre später sollte ich begreifen: Ich wusste nicht, wie gut es uns damals ging. Und dass Teenager heute keine Chance haben, ihre Idole live sehen zu können. Es sei denn, sie reisen nach England oder gar in die USA oder Saudi Arabien.
Jahre sind wir inzwischen dabei, Agit Kabayels Aufstieg in die Weltspitze zu begleiten. Makhmudov, Sanchez, Zhang – all diese Kämpfe liefen auf DAZN. Nacht für Nacht saßen Bernd, Andreas und ich beim Kommentieren. Schon nach dem ersten Kampf, tuschelten wir: Was, wenn Agit eines Tages wieder nach Deutschland käme? Kann er der Eine sein? Werde ich das überhaupt noch erleben?

Pressekonferenz für: alle!

Eine Stunde und 15 Minuten sind wir auf Sendung. Sieht nicht wild aus, senden wir nicht selten Strecken von acht Stunden und mehr. Aber diese „Stunde 15“ war anders – 14 Tage in the making. Und irgendwie 10 Jahre. Auf einmal ging alles schnell. Bochum? Köln? Wattenscheid? Oder doch Düsseldorf. Unsere Planung hat wahrscheinlich jedes Hotelzimmer im Ruhrgebiet geblockt für unsere etwa 20-köpfige Crew. Wahrscheinlich würde der 5. November Tag der Pressekonferenz sein. Gewusst haben wir es nicht. Wahrscheinlich würde es Düsseldorf werden. Gewusst haben wir es erst Freitag. Knyba musste einfliegen – mit Team und Sponsor. In Mitten der Trainingsphase. George Warren, Sohn der Promoterlegende Frank Warren, musste für Queensberry da sein. Und natürlich Spencer Brown. Ich gestehe: Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie schwierig die Terminkoordinierung sein muss.

Agit Kabayel und Damian Knyba / Foto: Felix Leichum/DAZN

KI brauchen wir nicht. Wir haben Bernd Bönte. Schnell waren wir uns einig, wie wir die Sendung aufziehen wollen. Das war der leichte Teil. Das Team um mich rum hatte aber zu koordinieren, dass sich alle Territorien von DAZN weltweit an unsere Übertragung hängen können. Schließlich wollten alle dabei sein – Kabayel gegen Knyba läuft nirgendwo unter dem Radar. Erstmals in meiner Zeit bei DAZN und damit erstmals in der Geschichte schauen alle Menschen im Sender nicht in die USA oder England. Sondern zu uns. Nach Deutschland. Und sie fluchen natürlich wegen der Zeitumstellung.

„Homecoming“

Über eine Dekade dauerte es, bis am 10. Januar in Oberhausen endlich wieder ein Kampf stattfindet, auf den die ganze Welt blicken wird. Ich möchte keinesfalls respektlos gegenüber den kleineren nationalen Promotions sein – es ist so wichtig, dass ihr nie aufgegeben habt und immer weiter die Flagge des Boxens hochgehalten habt. Aber Oberhausen wird auch für euch eine große Chance sein. Plötzlich werden Menschen wieder Boxen sehen, die es vielleicht das letzte Mal 2015 getan haben. Bei Wladimir Klitschko gegen Tyson Fury in Düsseldorf. Vielleicht noch 2017 Wladimir gegen Joshua. Die aus meiner Sicht wichtigste Währung für das Fortbestehen eines Sports ist: Mädchen und Jungen der Nation müssen sich in den Gyms anmelden. Damit die Basis Boxen lebt aber eben auch künftige Profi-Athleten hervorbringt. Warum spielen so viele Kinder Fußball ? Weil sie dauernd Fußball sehen und hören. Lesen und fühlen. Und so sein wollen, wie die Musialas und Kimmichs. Und jetzt – hoffentlich – wie Agit Kabayel.

Wir haben gute Leute in Deutschland – davon bin ich überzeugt. Sicherlich werden wir einige von ihnen auf der Karte in Oberhausen sehen. Das ist nicht mein Business. Ich freue mich jedenfalls sehr auf den 10. Januar. Auch für mich wird sich ein Kreis dem Schluss nähern – hoffentlich noch nicht ganz zu gehen.

Jetzt wird gekämpft

Foto: Felix Leichum/DAZN

Die Pressekonferenz ist längst zu Ende. Es war ein wenig anders als sonst. Natürlich waren Medienvertreter aus aller Welt da. Aber schon als wir ankamen war klar. Hier wollte eine ganze Region Kabayel ihren Support zusichern und zeigen. Keine Antwort auf der PK bleibt ohne Zwischenruf aus dem Publikum. Ich schaue auf Agit, der – so baut man das natürlich auf – als letztes zu Wort kommt. George Warren spricht, Damian Knyba und sein Manager und Mäzen. Spencer Brown versucht wieder aus dem „Leberking“ den „Lumberjack“ zu machen. (Respekt; er gibt nicht auf). Alice Mascia, meine Chefin, lacht höchst unterhalten, als das Publikum ihr entgegen schreit, dass DAZN Agit nicht auf dem Weg in die absolute Weltspitze begleite – er sei sie schon. Und Agit selbst? Rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her. Nickt hier und da demonstrativ, sucht immer wieder Sükrü Aksu in der ersten Reihe und hört seinem höflichen Kontrahenten aufmerksam zu. Er will nicht sein wie Wilder oder Fury. Laute Ansagen überlässt er anderen. Er kämpft lieber, als dass er redet.
Oberhausen, am 10.1.

George Warren / Foto: Felix Leichum/DAZN

Wir müssen nicht mehr „ziehen“. Macht die Sendung zu, höre ich über den Knopf in meinem Ohr. Fürs Erste sei alles gesagt. Der Plan war, nach der Pressekonferenz noch etwa 15 Minuten zu senden. Runde zehn Minuten davon gemeinsam mit Agit Kabayel. Eine Art Reaktion auf das Besprochene in den Minuten davor. Reagieren mussten wir nur auf den Hauptdarsteller des Spektakels. Selten habe ich Agit so entspannt vor einer Fernsehkamera gesehen, wie an diesem Abend. Er schien sich über jede Frage zu freuen. Wahrscheinlich freute er sich mehr, dass die Fragen bald aufhören. All die Fragen über all die Wochen. Wann? Wo? Gegen wen? Warum nicht gegen den? Endlich kann er sich auf seine Arbeit konzentrieren. Und darauf, deutsches Boxen zu schultern und zu altem Glanze zu verhelfen. Kleiner machen wir es nicht.

Normalerweise beendet man einen Text mit einer Klammer. Ich mache das hier anders. Persönlicher. Wir sehen oder hören uns am 10. Januar. Niemand wird nicht dabei sein. Im Englischen sagt man: „too big to miss“. Zu groß, als dass man das verpassen dürfte. Weltklasseboxen ist zurück in Deutschland. Und vielleicht auch bald wieder der Weltmeistergürtel.

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2 Kommentare

  1. Toller Artikel. Vielen Dank für diesen sehr persönlichen Blick hinter die Kulissen. Ich habe die Ära auch miterlebt (bitte Sven Ottke nicht vergessen) und freue mich wie ein kleines Kind über alles, was Agit für den Boxsport in Deutschland leistet. Was für ein Geschenk.

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