Yunes Ramadan im Schnellgang: Vom Neu-Profi zum Titelträger

Erst etwas mehr als ein Jahr im Profigeschäft, schon WBF-International-Champion. Der ambitionierte Mittelgewichtler aus Landshut spricht über seinen raschen Aufstieg, klare Karriereentscheidungen und warum er seine Laufbahn nicht in fremde Hände legt.

Yunes Ramadan im Interview

Yunes, du bist erst seit Ende 2024 Profiboxer und schon nach drei Fights der erste Titelkampf – ein erfolgreicher. Du hast dir am vergangenen Samstag in Landshut den WBF-International-Gürtel geholt, technischer Knockout in Runde sechs. Weshalb die Eile in der Laufbahn?

Nun, ich bin der Meinung, dass man sich nicht zu lange mit Journeyman-Gegnern aufhalten sollte. Das macht den Boxsport langweilig und unattraktiv. Ich habe eine solide Amateurkarriere absolviert und fühle mich mit meinen 29 Jahren physisch und mental in meiner Prime. Es wäre für mich Zeit- und Ressourcenverschwendung, wenn ich mich jetzt bis zu einem makellosen Kampfrekord von 15 bis 20 Siegen künstlich aufbauen würde. Das machen ja leider viele.

Blicken wir zurück: Wie bist du mit dem Boxsport in Berührung gekommen – über das Elternhaus? Oder genauer: Was erinnerst du zuerst, wenn du an deine frühesten Boxanfänge denkst?

Mein Opa mütterlicherseits war Boxer und meine Mutter hat mich damals zum Boxsport gebracht. Beim Fußball war ich talentfrei, aber ein Kind sollte ja schon einem Hobby nachgehen. Tja, und wenn ich an meine Boxanfänge zurückdenke, erinnere ich mich noch, dass ich mit meinen damals elf Jahren immer der Kleinste unter den erwachsenen Boxern war – und trotzdem habe ich das Training genauso durchgezogen wie die Großen.

Welche Stationen hast du im Amateurboxen durchlaufen – und welche Rolle spielt für dich das olympische Boxen? Siehst du darin die sportliche Basis, auf der später auch eine erfolgreiche Profikarriere aufbauen kann?

Ich habe 75 Amateurkämpfe bestritten. Ich war mehrfacher Bayerischer und Süddeutscher Meister. 2017 habe ich bei einem Vergleichskampf sowohl den deutschen als auch den englischen Meister besiegt. Und ja, ich finde, man sollte eine ordentliche Grundausbildung haben und viele olympische Boxkämpfe bestreiten. Das schafft am Ende des Tages die Basis für einen soliden Boxer.

Profizirkus, worin liegt der Reiz, den Schritt ins professionelle Boxen zu machen? Was war dein Motiv?

Der Profiboxsport ist hart, aber ich würde den Schritt genauso wieder machen. Roy Jones Jr. meinte damals, dass es verschwendetes Talent sei, wenn ich nicht mehr boxen würde. Ich habe zu dem Zeitpunkt unseres Kennenlernens eine Boxpause eingelegt. Das hat mich zum Nachdenken gebracht, und ich dachte mir, wenn ich wieder starte, dann richtig als Profi – und keine halben Sachen mehr.

Wenn du eine Kurzanalyse vom WBF-Titelgewinn, eine kompakte Auswertung von deinem Sieg gegen Oscar Maximiliano James aus Ecuador machen wolltest – wie fällt die aus?

Wir hatten einen Gameplan und dieser ging vollständig auf. Mein Gegner war mit allen Wassern gewaschen und hatte einen extrem unangenehmen Stil. Ich durfte mich nicht auf seine Keilereien einlassen und musste ihn ruhig aus der Distanz ausboxen, bis ich ihn brechen konnte und den Sack in der sechsten Runde zugemacht habe. Also, es war wichtig, sich nicht auf die Spielereien meines Gegners einzulassen – und das war am Ende unser entscheidender Vorteil.

Welcher Typ Boxer bist du, was ist dein Kampfstil, was sind deine Stärken, was mögliche Schwächen? Und: Hast Vorbilder, an wem orientierst du dich?

Ich habe keinen bestimmten Stil. Je nach Gegner muss ich meinen Stil anpassen. Wenn mein Gegner viel in den Angriff geht, muss ich der Konterboxer sein, und wenn der Gegner eher passiv ist, muss ich Druck ausüben. Genau das macht einen guten Boxer aus und dafür benötigt man viele Amateurkämpfe und jede Menge Erfahrung. Als Kind waren Arthur Abraham und Roy Jones Jr. meine Vorbilder, auch wenn beide etwas unterschiedliche Stile hatten. Zuspruch und Support seitens Jones Jr. und Abraham bedeuten mir sehr viel und sind das Zünglein an der Waage, was meine Profikarriere angeht.

Wie sieht üblicherweise dein Trainingsalltag aus – zwischen den Kämpfen und unmittelbar während der Kampfvorbereitung?

Wenn kein Wettkampf ansteht, gehe ich einmal die Woche Laufen oder Schwimmen, mache einmal die Woche eine Krafteinheit und gehe zirka drei- bis viermal in die Boxhalle. Ich trainiere in meiner ‚Off-Phase‘ fünf- bis sechsmal die Woche mit unterschiedlichen Intensitäten. In der Wettkampfphase wird das Pensum erhöht, und ich mache meist vormittags Kraft- oder Ausdauereinheiten und abends boxerisches Training. Also zwei Einheiten täglich und ein bis zwei Tage in der Woche Pause.

Den Überblick im Profiboxen zu behalten, ist schwierig: Viele Weltverbände – und noch viel mehr Titel samt Gürtel. Direkt gefragt: Welchen sportlichen Wert misst du einem WBF-Titel im Vergleich zu anderen bei – etwa einem der „vier großen Verbände“ (WBC, IBF, WBA, WBO)?

Die WBF agiert gewissermaßen als kleinere, aber anerkannte Instanz neben den großen Verbänden. Es ist ein etablierter Verband, der von der Association of Boxing Commissions (ABC) bestätigt wurde. Für mich ist der Titel auf alle Fälle sehr wertvoll, da er mein erster Profititel ist. Legenden wie Evander Holyfield haben einen WBF-Gürtel getragen. Zudem hilft mir dieser Titel nach oben zu kommen, auf mich aufmerksam zu machen und möglicherweise eine Chance auf einen Titelkampf bei einem der großen Verbände zu bekommen.

Wie schätzt du das deutsche Mittelgewichtsboxen ein, wo stehst du da, wie groß ist die Konkurrenz?

Es gibt sehr starke Jungs im deutschen Mittelgewicht, aber die Konkurrenz ist bis zur Top 10 überschaubar. Ich denke, dass ich innerhalb der nächsten zwei Jahre auch ganz oben stehen werde.

Und international? Ist es dein Ziel, in den kommenden Jahren auf internationaler Bühne mitmischen zu können?

Es ist absolut mein Ziel, international mitzumischen. Ich war genau deshalb auch vergangenes Jahr in einem Trainingscamp im kolumbianischen Medellin, um Auslandserfahrung zu sammeln.

Zurück ins Regionale, nach Landshut. Lassen sich hier künftig weitere Kampfabende gut organisieren? Ist die Stadt ein Ort für öffentlichkeitswirksame und publikumsträchtige Boxveranstaltungen?

Ja, ich möchte mindestens einmal jährlich eine ‚Exaltus FightNight‘, XFN, in meiner Heimatstadt veranstalten. Und da unser erstes Event bereits so erfolgreich angenommen und umgesetzt werden konnte, spricht auch nichts dagegen. Ich möchte Landshut zu einer Boxhochburg machen. Die Stadt ist vor allem bekannt für Eishockey, aber ganz bald auch fürs Boxen.

Dein Pensum scheint sehr hoch zu sein: Du bist Hauptkämpfer, Promoter, Manager, Matchmaker in Personalunion – gewissermaßen eine Vierfachrolle. Übrigens ganz ähnlich wie bei Freddy Kiwitt. Nur, warum dieser Extra-Stress, welchen Vorteil siehst du darin?

Sicher, das Pensum ist hoch, aber ich bin es als selbstständiger Immobilienunternehmer gewohnt, Großes zu stemmen. Es mag für andere Boxer der richtige Weg sein, bei einem Promoter oder Manager zu unterzeichnen. Bislang habe ich mich dagegen entschieden, weil ich meine Laufbahn nicht den finanziellen Interessen anderer überlassen möchte. Außerdem bin ich ein sehr perfektionistischer Typ. Auch deshalb hat mich selbst der Bund Deutscher Berufsboxer, BDB, für mein erstes Event gelobt und betont, die Veranstaltung sei für ihre Maßstäbe Champions League gewesen. Damit der Aufwand auf Dauer nicht zu hoch sein wird, werde ich einiges delegieren – trotzdem aber die Zügel in der Hand behalten.

Ein, zwei Blicke voraus: Was soll für dich als WBF-International-Titelträger im Verlauf des Jahres noch auf dem Programm stehen, und wird es weitere ‚Exaltus Fight Nights‘ geben – wieder mit Amateur- und Profikämpfen auf der Fightcard?

Ich werde dieses Jahr noch zwei bis drei Kämpfe bestreiten. Ich bin auch schon mit der Location in Landshut am Aushandeln des Kampfdatums. Es wird garantiert eine weitere Exaltus Fight Night in Landshut geben. Und ja, ich setze bewusst auf Amateur- und Profiduellen auf der Fightcard. Ich möchte den Jungs aus meinem Heimatverein die Chance geben, sich auf dieser Bühne zu zeigen. Auch, weil dort in vielen Fällen besserer Boxsport präsentiert wird als bei manchen abgekarteten Profiduellen.

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