William Scull vor dem Upset des Jahres gegen Canelo?

Canelo und William Scull.

Der Kubaner William Scull steht vor dem größten Kampf seiner Karriere – wie realistisch sind seine Siegeschancen gegen Canelo?

Die Spannung steigt: Am morgigen Samstag findet das große PPV-Event im „The Venue“ in Riad, Saudi-Arabien, statt. Eine hochkarätige Fightcard verspricht spektakuläre Kämpfe. So tritt das deutsch-armenische Cruisergewicht Noel Gevor Mikaelyan (27-2) gegen Badou Jack (28-3-3) um die WBC-Weltmeisterschaft an. Im Schwergewicht kommt es zum spannenden Duell zwischen Martin Bakole (21-2) und Efe Ajagba (20-1). Und im Supermittelgewicht steht das Rematch des Upsets des Jahres 2024 an: Jamie Munguia (44-2) trifft erneut auf Bruno Surace (26-0-2).

Apropos Upset des Jahres: Wenn man den Buchmachern Glauben schenken mag, dann wäre ein Sieg von William Scull (23-0) über Saul „Canelo“ Álvarez (62-2-2) wohl die Sensation des Jahres 2025. Ist das vielleicht ein gutes Omen für den nächsten Box-Schocker? Der Kubaner gilt als krasser Außenseiter – doch ist das gerechtfertigt oder wird er unterschätzt?

William Scull gilt international als No-Name

Die Begeisterung außerhalb von Deutschland und Kuba hielt sich in Grenzen, als William Scull als nächster Gegner von Canelo angekündigt wurde. Das liegt jedoch weniger an mangelnder Qualität, sondern vielmehr daran, dass Scull im internationalen Kontext weitgehend unbekannt ist. Neun seiner letzten zehn Kämpfe bestritt er in Deutschland – unter anderem in Orten wie Falkensee in Brandenburg, die für internationale Boxfans kaum ein Begriff sind.

Hinzu kommt, dass Scull kein Garant für spektakuläre Action im Ring ist. Wer sich an seinen WM-Kampf gegen Vladimir Shishkin oder den IBF-Final-Eliminator gegen Evgeny Shvedenko erinnert, weiß: Das waren keine wilden Schlachten. Vielmehr verkörpert Scull die klassische kubanische Boxschule: beweglich, defensiv stabil, oft im Rückwärtsgang, aber stets auf der Suche nach gut getimten explosiven Aktionen. Diese Mischung brachte ihn schließlich bis zur IBF-Weltmeisterschaft im Supermittelgewicht.

Nun steht ihm der mit Abstand bedeutendste Kampf seiner Karriere bevor – gegen Canelo, das Gesicht des Boxens. Die Buchmacher sehen Scull als nahezu chancenlos an: Eine Siegquote von 1,03 (für Canelo) wies damals auch Avni Yildirim auf, der von Canelo mühelos innerhalb von drei Runden gestoppt wurde.

Ist Scull also nur ein chancenloser Sparringspartner auf der großen Bühne – ein klassisches Mismatch? Oder wird er der nächste unterschätzte Außenseiter, der für eine faustdicke Überraschung sorgt?

Scull ist ein stilistisch unangenehmer Gegner für Canelo

William Scull präsentiert seine Athletik beim Pressetermin.

Fakt ist: William Scull verfügt über eine fundierte kubanische Amateurausbildung und hat mehrere hundert Kämpfe im Amateurbereich bestritten. Canelo Álvarez hingegen wechselte bereits mit 15 Jahren ins Profilager und bringt diesen Hintergrund nicht mit. Scull ist zudem wesentlich größer und physisch kräftiger als Canelo – ein möglicher Vorteil für den Kubaner, auch wenn Canelo in der Vergangenheit mehrfach bewiesen hat, dass er sich gegen größere Gegner behaupten kann.

Interessanter als die physischen Unterschiede ist jedoch Sculls Herangehensweise: ein sehr technischer, defensiv orientierter Boxstil. Gerade gegen solche Gegner offenbarte Canelo in der Vergangenheit gelegentliche Schwächen. Sein umstrittener Punktsieg über den ebenfalls kubanischen Techniker Erislandy Lara ist vielen in Erinnerung geblieben. Auch Austin Trout lieferte Canelo einen engen Fight. Gegen technische Weltklasse-Boxer mit überragender Defensive wie Floyd Mayweather oder Dmitrii Bivol wirkte Canelo streckenweise sogar chancenlos.

Natürlich ist Scull nicht auf dem Niveau eines Mayweather oder Bivol, doch sein Stil allein könnte ausreichen, um Canelo vor ernsthafte Probleme zu stellen. Auch Kämpfe wie jener gegen Billy Joe Saunders zeigten, dass Canelo mit beweglichen Konterboxern mit starkem Jab nicht immer souverän klarkommt – auch wenn er sie am Ende besiegte.

Scull könnte für Canelo eine deutlich größere Herausforderung sein als Munguia oder Berlanga

Zuletzt bekam es Canelo mit offensiv geprägten Gegnern wie Jaime Munguia oder Edgar Berlanga zu tun – Boxer, die ihm stilistisch entgegenkamen. Im Vergleich dazu dürfte Scull eine weitaus größere Herausforderung darstellen. Rein stilistisch betrachtet, ist Scull vermutlich der unangenehmere Gegner für Canelo.

Scull bringt vieles mit, um am Samstagabend für eine Sensation zu sorgen: Er ist diszipliniert, defensiv stark, physisch robust und vermutlich auch schneller. Wichtig wird sein, wie gut er Canelos Schlagkraft wegstecken kann, insbesondere zum Körper. Canelo startet Kämpfe traditionell in hohem Tempo, baut jedoch in der Schlussphase häufig ab. Gelingt es Scull, den Kampf über die ersten sechs bis acht Runden offen zu gestalten, stehen seine Chancen auf einen Sieg gar nicht so schlecht.

Ein potenzieller X-Faktor ist auch sein Trainer Franquis Aldama, der bereits Vincenzo Gualtieri zum überraschenden WM-Titel geführt hat. Aldama und Scull kennen sich seit Jahren – sie sind ein eingespieltes Team und könnten gemeinsam Boxgeschichte schreiben.

Kann Scull auf faire Scorecards hoffen?

Ein großes Fragezeichen steht hinter der Fairness der Scorecards. Scull und AGON Sports dürfen kaum auf eine neutrale Bewertung hoffen – auch nicht in Riad. Selbst wenn Scull Canelo mit seinem Stil neutralisieren kann und der Kampf taktisch geprägt und ohne klare Highlights verläuft, ist davon auszugehen, dass alle engen Runden an Canelo gehen werden.

Canelo ist die klare a-side, die Cash Cow des Boxsports. Im Hintergrund laufen bereits Planungen für einen Megafight gegen Terence Crawford im Herbst. Eine Niederlage Canelos würde diese Pläne torpedieren. Doch all diese Überlegungen sollten keine Rolle spielen – nicht für den Samstag. Scull muss seinen Gameplan kompromisslos durchziehen und den bestmöglichen Kampf seines Lebens abliefern.

Ein Coup für AGON Sports – und vielleicht sogar mehr?

Ingo Volckmann und Franquis Aldama.

Die bloße Möglichkeit, gegen Canelo in einem Vereinigungskampf um alle Titel im Supermittelgewicht anzutreten, ist ein Jackpot für Scull und AGON Sports. Es ist das Resultat jahrelanger erfolgreicher Aufbauarbeit – und ein weiterer internationaler Meilenstein für die deutsche Promotion. Dieser Kampf dürfte weltweit Aufmerksamkeit generieren und könnte zu weiteren starken Verpflichtungen führen. Die internationalen Spitzenboxer sehen, dass sie mit AGON Sports an die Weltspitze angreifen können.

Und wer weiß: Vielleicht gelingt William Scull am Samstag tatsächlich der ganz große Wurf.

DAZN überträgt das Event im PPV

Der Streamingdienst DAZN überträgt das Event live im Pay-per-View für 25 €. Da der Übersee-Markt angesprochen werden soll, findet das Event in der Nacht zum Sonntag statt. Die Übertragung beginnt um 23:45 Uhr.

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