„Wenn nicht jetzt, dann nie“ – Rico Müller startet letzten Angriff auf die Spitze

Rico Müller – Ernesto Espana
© Konstantinos Sarigiannidis

Superweltergewichtler Rico Müller (35-5-1, 24 KOs) gehört zu den erfahrensten deutschen Profiboxern – und zu den meistunterschätzten.

Rico Müller im BOXEN1-Interview

Vor seinem Kampf am 21. März spricht der 37-Jährige Brandenburger so offen wie selten zuvor: über einen steilen Karriereaufstieg, verpasste Chancen bei Matchroom, über Promoter, die Boxer „ihre eigenen Kämpfe finanzieren lassen“, und über eine Fehldiagnose, die ihn 2022 beinahe aus dem Sport gerissen hätte.

Rico, dein nächster Kampf steht unmittelbar bevor: am Samstag, den 21. März, im Gym des Box- und Sportvereins Schorfheide nördlich von Berlin. Warum gerade dort, warum im kleineren Rahmen?

Ursprünglich haben wir, also mein langjähriger Trainer Michel Trabant und ich überlegt, am 20. März in Hamburg bei Ringside Zone oder am 28. März beim GBS Fightclub in Köln zu boxen. Das hat beides nicht geklappt. Nun ziehen wir unseren Fight bei uns im Gym auf, wo wir schon einige Kampfabende über die Bühne gebracht haben.

Du wirst den Tansanier Benson Nyilawila (15-4-0, 10 KOs) vor den Fäusten haben. Was erwartest du von dem Kampf, wie wirst du den Fight angehen?

Nyilawila hat unter anderem mehrmals in England geboxt, etwa in der York Hall in London. Der ist auf jeden Fall keine Pfeife, so viel kann ich sagen. Für mich ist das ein guter Test, und logisch, ich muss den Kampf gewinnen, deutlich gewinnen.

Foto: Jessi Landlos

Okay, eine klare Ansage. Du bist seit knapp zwei Jahrzehnte im Profizirkus. Dein Debüt war im Juni 2007. Seitdem hast du 41 Profi-Fights absolviert. Damit bist du einer der erfahrensten deutschen Fighter. Lass uns einen ganz weiten Sprung zurück machen: Du bist in Eberswalde in Brandenburg geboren. Waren dort auch deine Anfänge als junger Boxer?

Ich habe in Eberswalde mit dem Boxen angefangen, da war ich sechs Jahre alt. Meinen ersten Pokal habe ich 1998 beim Julius‑Turm‑Turnier in Spandau gewonnen. Später wurde ich Brandenburger Landesmeister. Dann wurde auch die Sportschule in Frankfurt (Oder) auf mich aufmerksam, und ab 2001 war ich dort unter der Leitung von Rainer Philipp.

Auf dem Internat konnte ich mehrere Erfolge feiern, unter anderem die Deutsche Meisterschaft. Nach der 10. Klasse bin ich abgegangen und habe anschließend ein Jahr lang eher herumgedümpelt.

Und dann kam mein Freund Rico Schulz, mit dem ich auch auf der Sportschule war, zu mir und sagte: ‚Hey Rico, wie sieht’s aus — willst du Profi werden?‘ Ich war völlig überrascht: ‚Was?‘ Und er meinte: ‚Ja, ich bin jetzt Profi in Berlin bei Mario Pokowicz. Komm doch mal mit.‘

Genau so ist es dann gekommen. Das war 2007. Ich war im Gym von Mario Pokowicz in Berlin‑Köpenick in der Charlottenstraße. Meinen ersten Profikampf habe ich wenig später, im Juni desselben Jahres, in München bestritten.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe im Anschluss zahlreiche Etappen eines Profiboxers durchlaufen. 2011 habe ich um den vakanten Juniorenweltmeister-Titel bei der IBO im Weltergewicht geboxt – und einstimmig nach Punkten gewonnen. Ein Jahr später schon habe ich mir den IBO-Interconti-Gürtel geholt, den ich viermal verteidigt habe. Erfolge, die mich in den Ranglisten der vier großen Weltverbände nach oben gebracht haben. 2016 bin ich nach Australien gegangen. Dort stand der IBF-WM-Ausscheidungskampf gegen Jeff Horn auf dem Programm, den ich in der neunten Runde durch TKO leider verloren habe.

Foto: Jessi Landlos

Klar, ein Rückschlag auf dem Weg nach oben…

Sicher, aber es ging für mich dennoch weiter. Keine Frage. Beispielsweise 2019 mit der IBO-WM in Berlin, die ich mitveranstaltet habe. Allerdings im Superleichtgewicht bis 63,5 Kilogramm, für das bin ich extra eine Gewichtsklasse runtergegangen. Ich muss zugeben, ich habe meinen Gegner Jeremias Nicolas Ponce aus Argentinien unterschätzt. Er war damals noch unbekannt, und er ist halt auch so ein unangenehmer, ekliger Boxer. Zudem habe ich beim Runterkochen auf das Superleichtgewicht zu viel Substanz verloren, das hat mir im Kampf das Genick gebrochen. Das hätte ich nicht machen sollen. Folglich habe ich den WM-Kampf nach einer Mehrheitsentscheidung verloren.

Ein weiterer Karriereknick, aber längst nicht der Endpunkt, denn weitere große Fights standen an…

Ja, für mich ging es bei Eddie Hearn und Matchroom weiter. Das war alles echt kurzfristig im Juli 2021. Ich war gerade auf Mallorca im Urlaub. Da habe ich eine Woche vor dem Kampf Bescheid bekommen, gegen Anthony Fowler zu boxen. Nebenbei bemerkt: Mein Gegner hatte acht Wochen Vorbereitung – ich nur eine.

Davon unabhängig, Matchroom hatte mir zwei Kämpfe angeboten, und es hat irgendwie gepasst. Nun, wir haben uns gesagt, gut, wenn das Ding gegen Fowler schiefgeht, dann haben wir auf jeden Fall noch einen Kampf bei Eddie Hearn. Tja, und leider ist beides schiefgegangen, TKO-Niederlage gegen Fowler und kein zweiter Fight bei Matchroom.

Ein paar Monate später hat dich eine ärztliche Diagnose ziemlich aus den Tritt gebracht, richtig?

Bitterböse sogar. Einen Tag vor meinen Duell gegen Mirko Natalizi in Italien. Es ging um den WBC International Silver Super-Gürtel. Wir sind topfit nach Verbania in der norditalienischen Region Piemont gefahren. Michel und ich hatten uns absolut intensiv auf den Kampf vorbereitet – und wir hätten ihn auf jeden Fall gewonnen. Ja, wenn da nicht diese ominöse Diagnose gewesen wäre, die sich im Nachhinein beim MRT und Neurologen als falsch herausgestellt hatte.

Eigentlich hätte ich um diesen WBC-Titel im April 2022 nicht boxen dürfen. Wir haben das aber mehr oder weniger ignoriert. Und ich bin ehrlich, ab dem ersten Gong hat mich dich ganze Sache ein bisschen eingeholt. Ich wollte mich nicht treffen lassen, weil ich ernsthaft dachte, ein Treffer könnte mich dauerhaft schädigen.

Lass mich hier kurz einhaken, okay?

Ja, mach‘ nur.

Foto: Jessi Landlos

Ist das Drama um diese Fehldiagnose direkt vor diesem Kampf jemals bekanntgeworden?

Nein, bislang nicht. Das weiß nur Michel, der das bestätigen kann.

Aber warum habt ihr euch dazu nicht geäußert, bisher jedenfalls nicht?

Ganz einfach, weil dann viele gedacht hätten, wir hätten nur eine Ausrede für die einstimmige Punktniederlage gesucht. Das war aber so nicht gewesen. Deswegen habe ich das auch nie öffentlich gemacht oder an die große Glocke gehangen. Jetzt ist das alles vier Jahre her, jetzt spreche ich das erste Mal darüber.

Du giltst bei Experten als einer der unterschätztesten deutschen Boxprofis. Siehst du das auch so?

Stimmt, ich wurde schon immer unterschätzt. Das stört mich nicht, das ist mir egal.

Wenn du deine boxerischen Stärken in drei Wörtern zusammenfassen solltest, welche wären das?

Ich bin vom Boxsport besessen, ja, regelrecht besessen. Ich habe einen unbeugsamen Willen, ich bin nicht zu brechen, da musst du schon mit einer Eisenstange kommen.

In deinem Limit, im Superweltergewicht, bist du laut Boxrec in Deutschland auf Platz sechs. Eine Gewichtsklasse voller schillernder Namen: Etwa Abass Baraou, Slawa Spomer, Freddy Kiwitt und Paul Wall. An welcher Position siehst du dich selbst?

Die Gewichtsklasse ist in Deutschland echt stark besetzt, fraglos. Jeder, der, ich sag mal, unter den Top acht ist, hat auf seine Art und Weise viel drauf. Wenn ich mich selbst einordnen müsste, dann bewege ich mich unter den Top drei.

Viele Boxer verschwinden nach ein paar Jahren aus dem Rampenlicht, von der professionellen Boxbühne. Was hat dich so lange im Geschäft gehalten, während andere längst aufgehört haben?

Ja, es gibt sehr viele Boxer in Deutschland, die verschwunden sind von der Bühne. Aus vielen Gründen, würde ich sagen. Vor allem weil es keine großen Promotions mehr gibt in Deutschland, die Boxer fördern. Vor etlichen Jahren schon sind Fernsehanstalten ausgestiegen aus dem Boxgeschäft, öffentlich-rechtliche und private. Eine der wenigen Ausnahmen ist der MDR, der mit SES Boxing aus Magdeburg einen Vertrag hat. Also, die großen Boxsport-Zeiten in Deutschland sind vorbei. Anderswo sieht es anders aus, in England, in den USA, aber auch in Russland und in Australien werden erstklassige Kampfabende organisiert.

Und was gibt es noch für Rückzugsgründe?

Wir haben Promoter hierzulande, die meiner Meinung nach ihre eigenen Shows machen – und die Boxer, sagen wir mal, nicht oder nicht richtig bezahlen. Sie setzen Boxer auf die Fightcard, die letztlich selbst die Veranstaltung finanzieren. Ich habe das oft erlebt, und es scheint zur Normalität geworden zu sein. Das läuft nach dem Motto: Mensch, willst du bei uns boxen? Nimmst du so und so viele Karten ab? Und am besten bezahlst du deinen Kampf noch selber oder über einen Sponsor.

Man kriegt zwar vielleicht eine gute Bühne geboten durch ein boxinteressiertes Publikum, aber man trägt alle Kosten. Ja, so schlimm ist das.

Siegerehrung nach dem Boxkampf Rey Labao gegen Rico MüllerWie war das in den 1990er und 2000er Jahren, was war da anders?

Es fehlt heute an Promotern, die das so machen wie damals Wilfried Sauerland oder wie Universum unter Klaus-Peter Kohl. Die haben ihre Boxer bezahlt und in ihren Anfängen erst einmal ein Millionenminus eingefahren. Und dann kam der große Fernsehvertrag, weil sie gut aufgestellt waren.

Nun, du bist mit 37 Jahren im Herbst deiner Boxer-Laufbahn. Was soll, was muss karrieremäßig in diesem Jahr passieren?

Dass ich nicht mehr der Jüngste bin im Boxen, ist ja kein Geheimnis. Ich werde dieses Jahr aber nochmal voll angreifen. Wenn nicht jetzt, wann sonst? Das steht für mich jedenfalls fest.

Und wie wird es nach dem Fight am Samstag gegen Benson Nyilawila weitergehen?

Auf jeden Fall mit viel Tempo. Wir werden versuchen, einen Titelkampf anzuvisieren. Solange ich mich gut fühle, werde ich weiterboxen – aber gleichzeitig den richtigen Moment für einen sauberen Absprung suchen.

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1 Kommentar

  1. ist doch logisch dass veranstalter boxer für aufbaukämpfe nicht bezahlen wollen. das ist sache des managements des betroffenen boxers. die müssen investieren, denn wer hat was davon wenn der boxer seinen kampfrekord aufbläht?? nur der boxer bzw. sein stellvertreter. ein zahlendes publikum will keine kämpfe sehen die nur sparring mit abgesprochenem ende sind. hat ein boxers echtes talent, findet er auch einen manager/promoter der investiert. wer sollte denn schon in rico müller investieren?? er war nie weltklasse und wird es auch nicht werden. alles was er hat ist ein hübscher kampfrekord. damit kann er als „gegner“ für die besseren herhalten. so ist das überall im profisport. deshalb sollte man grundsätzlich nicht sport zu seinem beruf machen.

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