
Eine Sekunde ist es still in der Hersfelder Schilde-Halle. Dann erklingt der Gong zur ersten Runde – und die Zuschauer kennen kein Halten mehr. Ebenso wie die beiden Sportler, die sich im Ring im Kampf um die WBF-Weltmeisterschaft im Mittelgewicht gegenüberstanden.
Beide Sportler hatten am Vortag souverän 72,5 Kilogramm auf die Waage gebracht. Arnold ging mit makelloser 5:0-Bilanz in seinen ersten Titelkampf, Temirov sogar mit 9:0. Dass mit dem Kasachen ein Ausnahmegegner in den Ring steigen würde, war dem Fliedener und seinem Trainer Alex Hergert klar. Bereits im November 2024 hatte Temirov bei der Hersfelder Veranstaltung „I HEF A DREAM“ eine wahre Blutschlacht geliefert und eindrucksvoll gewonnen.
Arnolds Nervosität hielt sich im Vorfeld dennoch in Grenzen. „Ich war voll da, im Ring war ich wie im Tunnel, ich habe nur noch Alex gehört“, sagte er nach dem Kampf über die klaren Kommandos aus seiner Ecke.
Sportlich bewegten sich beide Boxer auf Augenhöhe: athletisch, technisch stark, mit hoher Schlagfrequenz und beeindruckender Ausdauer. Arnold startete clever. Mit lockeren, immer wieder eingestreuten Jabs zum Körper arbeitete er sich heran, wollte den 25-jährigen Kasachen früh müde machen – eine Taktik, die aufging. Nach der ersten Runde hatte der 21-Jährige leicht die Nase vorne. Er wirkte beweglich, konzentriert und taktisch diszipliniert.
In den folgenden Runden war es jedoch Temirov, der die härteren Treffer setzte. Der Kasache erhöhte den Druck, suchte konsequent den Infight und brachte Arnold immer wieder in brenzlige Situationen.
Lucky Punch als Schlüsselmoment

Die entscheidende Aktion passierte schließlich in der dritten von zwölf Runden: Kurz vor dem Gong landete Temirov einen harten Treffer auf Arnolds Schläfe. „Da war mein Licht kurz aus“, schilderte der Fliedener. Ein Lucky Punch, wie er selbst sagt – aber einer mit massiver Wirkung.
Arnold taumelt, ein Raunen geht durch die Halle. Für einen Moment weiß er nicht, „wo oben und unten ist“. Der Gong rettete ihn in die Pause, wo er sich sammeln konnte. „Ich habe versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Es war einfach nur noch ein Überlebenskampf. Der Körper hat von selber gearbeitet“, so Arnold rückblickend.
Tatsächlich kam er erstaunlich gefasst aus der Ecke zurück. Doch das Gefecht hatte Spuren hinterlassen. Temirov blieb druckvoll, setzte weiter harte Treffer und ließ dem Fliedener kaum Zeit zur Erholung. Arnold ist überzeugt: „Ohne diesen Moment hätte der Kampf bis zur zwölften Runde auf Augenhöhe laufen können.“ Bis dahin sahen die Zuschauer in der Schilde-Halle ein Duell zweier ebenbürtiger Kämpfer – intensiv und vor allem technisch anspruchsvoll.
In der fünften Runde traf der Ringrichter aber eine Entscheidung: Abbruch. TKO, die erste Niederlage im Profilager für Domenik Arnold. „Ja, da kann man drüber diskutieren“, sagt der junge Sportler ehrlich. „Aber unterm Strich hat der Referee zum Schutz des Sportlers gehandelt.“ Er selbst hätte weitergemacht. Doch ob es dann „nur“ bei einem geschwollenen Auge geblieben wäre?
Stolz überwiegt
Temirov bestätigte derweil seine makellose Bilanz und krönte sich zum WBF-Weltmeister im Mittelgewicht. Und zeigte im Nachgang sportliche Fairness, in dem er „Arnold“-Gesänge mit den Zuschauern anstimmte.
Für den Fliedener ist es dennoch ein schmerzhafter Rückschlag. „Das ist natürlich scheiße“, sagte er mit Blick auf den verpassten Traum vom WM-Gürtel. Doch Resignation klingt anders. Vielmehr überwiegt der Stolz. Seit gerade einmal einem Jahr ist Arnold im Profilager – und bekommt bereits die Chance auf einen Weltmeistertitel. „Wir wollen Gegner auf Augenhöhe, die eine Herausforderung darstellen, an der wir wachsen und lernen“, betonte Trainer Alex Hergert.

WBF-Präsident Howard Goldberg war in diesem Abend ebenso zu gegen, hob insbesondere Arnolds Talent hervor und stellte ihm eine erneute Titelchance in Aussicht.
Text: Celina Lorei














