
Ein möglicher Kampf zwischen Tyson Fury und Anthony Joshua um einen WBA-Super-Titel wäre auf den ersten Blick ungewöhnlich. Das Regelwerk des Verbandes bietet dafür jedoch ausdrücklich Spielraum. Besonders die Bestimmungen zu „Special Permits“ öffnen der WBA weitreichende Möglichkeiten.
WBA besitzt beim „Super Championship“ weitgehende Sonderrechte
Entscheidend für die regulatorische Einordnung ist zunächst Rule C.17 – Super Champion Status. Darin heißt es:
„Unter außergewöhnlichen Umständen können das Championships Committee und der Präsident einen Champion zum Super Champion ernennen und Kriterien für eine Super Championship festlegen.“
Damit räumt sich die WBA ausdrücklich die Möglichkeit ein, unter außergewöhnlichen Umständen eigene Kriterien für einen Super-Titel festzulegen. Das betrifft unter anderem die Bedingungen für Pflichtverteidigungen und die Behandlung von Pflichtherausforderern.
Für sich allein betrachtet lässt die Vorschrift allerdings noch Interpretationsspielraum. Schließlich ist zunächst von der Ernennung eines bereits bestehenden Champions zum Super Champion die Rede.
„Special Permit“ kann reguläre Regeln außer Kraft setzen
Deutlich konkreter werden jedoch die Rules C.39 bis C.42. Rule C.39 behandelt sogenannte „Special Permits“, also Ausnahmegenehmigungen. Demnach kann die strikte Anwendung der regulären WBA-Regeln ausgesetzt oder verändert werden, wenn besondere Umstände dies rechtfertigen.
Als mögliche Gründe nennt die WBA unter anderem einen Kampf von „anerkannter Bedeutung und Relevanz für die Boxwelt“.
Noch entscheidender: Als ausdrücklicher Grund wird auch die Möglichkeit aufgeführt, eine Super Championship einzurichten. Ein großer Schwergewichtskampf zwischen Tyson Fury und Anthony Joshua könnte grundsätzlich in genau diese Kategorie fallen.
Nach Rule C.40 benötigt eine solche Ausnahmegenehmigung im Normalfall eine Zweidrittelmehrheit des Championships Committee sowie die Zustimmung des WBA-Präsidenten.
Auch Nicht-Champions können für einen Super-Titel zugelassen werden
Besonders interessant ist Rule C.42. Dort heißt es zunächst: „Grundsätzlich kann nur ein Champion eine Ausnahmegenehmigung beantragen.“
Direkt anschließend stellt das Regelwerk jedoch klar: „Ein Boxer, der kein Champion ist, kann eine Ausnahmegenehmigung beantragen, allerdings nur, wenn der Präsident dies gestattet.“
Noch eindeutiger ist der folgende Passus: „Die Genehmigung zur Teilnahme an einem Kampf um eine Super Championship […] kann auch ohne die Notwendigkeit eines Antrags auf eine Ausnahmegenehmigung geprüft werden.“
Damit enthält das WBA-Regelwerk ausdrücklich einen Mechanismus, durch den ein Kampf um eine Super Championship ermöglicht werden kann, ohne dass beide Boxer zuvor amtierende WBA-Weltmeister sein müssen.
Aus regulatorischer Sicht wäre ein entsprechender Titelkampf zwischen Fury und Joshua damit grundsätzlich möglich, sofern die zuständigen WBA-Gremien diesen Weg beschreiten. Allein wegen den zu erwartenden hohen Sanktionsgebühren, ist deswegen davon auszugehen.
Joshua vs. Klitschko liefert den Präzedenzfall
Besonders bemerkenswert ist, dass die WBA ein vergleichbares Verfahren im Schwergewicht bereits angewendet hat. Einer der beteiligten Boxer war damals Anthony Joshua.
Nachdem Tyson Fury seine WBA-Titel 2016 abgegeben hatte, war der Super-Titel im Schwergewicht vakant. In einer offiziellen WBA-Resolution vom 1. November 2016 entschied das Championship Committee: „Klitschko erhält eine Ausnahmegenehmigung, um gegen Anthony Joshua um die Super Championship anzutreten.“
Wladimir Klitschko war zu diesem Zeitpunkt kein amtierender WBA-Weltmeister. Joshua hielt den IBF-Titel, besaß jedoch ebenfalls keinen WBA-Gürtel. Trotzdem genehmigte die WBA den Kampf um ihren vakanten Super-Titel.
Joshua besiegte Klitschko schließlich am 29. April 2017 im Londoner Wembley-Stadion durch TKO in der elften Runde und sicherte sich damit neben seinem IBF-Titel auch den vakanten WBA-Super-Titel.
Der Fall Joshua vs. Klitschko zeigt somit, dass ein Kampf zweier Boxer, die zuvor nicht amtierende WBA-Champions waren, um einen vakanten WBA-Super-Titel keineswegs nur theoretisch möglich ist. Die WBA hat von genau diesem regulatorischen Instrument bereits Gebrauch gemacht.















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