Vom Charme deutsch-deutscher Duelle – Teil 1: Schwergewicht

Der Charme der deutsch-deutschen Duelle ist spätestens nach dem Aufeinandertreffen von Sebastian Formella und Angelo Frank ungebrochen. Das ist auch der einzige und richtige Weg, das Boxen hierzulande wieder salonfähig zu machen. Die Gründe liegen auf der Hand: Es lässt sich Publicity machen und andererseits finden die Duelle meist auf Augenhöhe statt, auch wenn die Boxer hier ihre Rekorde riskieren. Doch diese Duelle sind nun mal Garanten dafür, auch große Hallen wieder vollzubekommen und dies bedeutet: das große Geld. Eine Chance, die sich das deutsche Boxen, nachdem es lange Zeit am Boden lag, nicht nehmen lassen sollte.

Die Anfänge, Henry Maske und das vorläufige Ende

Anfangen wollen wir mit dem Duell der deutschen Schwergewichtslegenden Schmeling und Neusel, die sich Anfang der 1930er Jahre vor sage und schreibe 102.000 Zuschauern gegenüber standen – das ist bis heute unerreichter Rekord.

Henry Maske mit Graciano Rocchigiani (Foto: Mandoga Media / Alamy Stock Foto)

Die deutsch-deutschen Duelle gab es auch weiterhin, doch das Größte bzw. Bekannteste und Umstrittenste, dürfte zugleich das absolute Highlight der 1990er Jahre gewesen sein: das erste Aufeinandertreffen von Henry Maske und Graciano Rocchigiani in der Dortmunder Westfalenhalle. In einem umstrittenen Kampf, bezüglich der Scorecards der Judges, behielt jedoch der IBF-Weltmeister von 1993 und Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele 1988 in Seoul, Henry Maske die Oberhand und auch hier war das Boxen medial in aller Munde, bis Maske auch den Rückkampf im Oktober gewann.

 

Doch bereits Mitte der 2000er Jahre war man bei Universum und Sauerland nicht mehr bereit, diese Risiken einzugehen und somit wurden solche Duelle lange Zeitvernachlässigt.

Jüngere Vergangenheit – Abraham vs. Stieglitz, Huck vs. Arslan

Wiegen in Halle/Westfalen - Abraham vs. StieglitzIn den letzten Jahren besann man sich glücklicherweise wieder auf die alten Tugenden und brachte mehrere starke Duelle zustande – uns blieb dabei vor allem die Quadrologie zwischen Arthur Abraham und Robert Stieglitz in Erinnerung. Insgesamt viermal ausverkauftes Haus und jedes Mal ging es dabei auch um den WBO-Weltmeistergürtel im Supermittelgewicht. Abraham behielt dreimal die Nase vorn, einmal gewann Stieglitz. Wenngleich beim dritten Aufeinandertreffen nur eine Split Decision für den „Abrahammer“ dabei herauskam.

Foto: Facebookseite Firat Arslan

Auch die beiden Ringduelle von Marco Huck und Firat Arslan bleiben weiter in Erinnerung, denn beim ersten Duell hätte der Sieger auch Firat Arslan heißen können, ehe Huck beim zweiten Mal klar gewann. Und wie immer war es auch hier so: Publicity, Aufmerksamkeit, sehr gute Einschaltquoten und Menschen, die begeistert waren. Das sollte als kleine Einleitung dienen, ehe wir nun den Blick auf hoffentlich zukünftige Duelle werfen.

Teil 1 – Die schweren Jungs, deutsch-deutsche Duelle im Königslimit mit Tom Schwarz, Albon Pervizaj, Burak Sahin, Senad Gashi, Michael Wallisch, Agit Kabayel, Marco Huck und Manuel Charr

Tom Schwarz (21-0, 13 KOs) vs. Albon Pervizaj (9-0, 7 KOs)

Der Magdeburger Tom Schwarz und der Hamburger Albon Pervizaj betreiben schon massig Säbelrasseln und wir sind ebenfalls der Meinung, dass dieser Kampf früher oder später kommen muss. Denn hier stehen sich zwei Leute, denen auch von Experten in Zukunft einiges zugetraut wird, gegenüber. Nur richtig geprüft wurden beide bislang nicht. Das Schöne an dieser Konstellation ist zweifelsohne dass der Hamburger „#AP1“, Schwarz bei den Amateuren gleich doppelt besiegen konnte. Schwarz würde hier zwar einiges riskieren, doch aufgrund seiner größeren Profierfahrung und der körperlichen Überlegenheit könnte er sein bei einigen Fans beschädigtes Image mit einem klaren Sieg aufwerten und sich so weiter nach oben boxen.

Tom Schwarz (21-0, 13 KOs) vs. Senad Gashi (16-1, 16 KOs)

Hier schreit es förmlich nach einem Rematch. Nachdem sich beide bereits einen Kampf lieferten, der samt Schlägerei im Anschluss und Beleidigungen völlig ausartete, sinnt Gashi nach „Rache“. Sicherlich lag die unsaubere Kampfführung zu größten Teilen bei Gashi und der Kampf wurde zurecht abgebrochen, doch deckte er einige Mängel und Probleme bei Schwarz auf und lag nicht unberechtigt bei vielen Experten bis zum Abbruch auf den Scorecards vorn. Er ist Schwarz größentechnisch klar unterlegen, doch dies konnte er im ersten Kampf gut ausgleichen. Wir würden diesen Kampf sehr begrüßen und hoffen, dass er zustande kommt.

Michael Wallisch (19-0, 12 KOs) vs. Erkan Teper (19-2, 12 KOs)

Michael Wallisch könnte mit dieser Kampfpaarung sicherlich einige seiner Kritiker stumm stellen, die ihm vorwerfen, nur gegen ausgesuchte Gegner zu boxen. Teper hingegen wäre der erste dicke Prüfstein in der Karriere des schon 32-jährigen „Germanen“ Wallisch. Dazu wäre es ein Duell auf Augenhöhe, denn technisch dürfte Teper Wallisch unterlegen sein, wenngleich die größeren Namen und die Erfahrung beim 36-jährigen Teper liegen.

Er stand bereits mit Leuten wie Johann Duhaupas, David Price und Mariusz Wach sowie Christian Hammer im Ring. Gegen die letzten beiden verlor er zwar, jedoch gab es bei beiden Duellen Diskussionen über die Urteile. Da auch beide die gleiche KO-Quote aufweisen, ist hier kein Vorteil auszumachen. Im Endeffekt wäre das ein klasse Duell, auch wenn es unwahrscheinlich scheint, dass die deutschen Fans dieses Duell jemals zu Gesicht bekommen.

Agit Kabayel (18-0, 13 KOs) vs. Marco Huck (41-5-1, 28 KOs)

Foto Kabyel mit EBU Gürtel
Foto: Christian Büch

Der EBU-Europameister Kabayel gegen „Aufsteiger“ Marco Huck – das wäre zweifelsohne die Königspaarung in dieser Gewichtsklasse. Auf der einen Seite der Shootingstar Kabayel, dem sich mit dem Sieg über Dereck Chisora in Monte Carlo nach und nach alle Türen öffnen werden und auf der anderen Seite der Routinier Marco Huck, der neuerdings im Schwergewicht antritt und zuletzt den Koblenzer Yakup Saglam nach vier Runden bezwingen konnte.

Foto: Sebastian Heger

Da sich Huck im Schwergewicht noch einmal „Hüftgold“ umschnallen möchte, wäre das um in der Rangliste weiter nach oben zukommen, eine Paarung die ihm sehr gut zu Gesicht stünde. Das Risiko für Kabayel wäre durchaus größer, als es bei Huck der Fall ist. Bei einer klaren Niederlage würde er in den Ranglisten zurückfallen und seinen Europameistertitel verlieren. Sollte er allerdings gewinnen, wäre eine Top 10-Platzierung bei Boxrec garantiert und damit würde zeitnah ein weiterer Titelfight ins Haus flattern, z.B. gegen den in Deutschland lebenden Syrer Manuel Charr!

Technisch dürfte Huck dem 25-jährigen Kabayel nichts entgegenzusetzen haben. Körperlich sind die Vorteile ebenfalls bei Kabayel, denn der zählt vom Gewicht her zu den wirklich schweren Jungs. Einzig die Erfahrung und die Schlagkraft könnten bei Huck Vorteile bieten. Ein weiteres Duell, bei dem es im Vorfeld keinen eindeutigen Favoriten geben würde.

Agit Kabayel (18-0, 13 KOs) vs. Manuel Charr (31-4, 17 KOs)

Auch wenn der „Diamond Boy“ Manuel Charr keinen deutschen Pass besitzt, so ist er aber nach Tyron Zeuge der einzige mit einem Gürtel der großen Verbände, der in Deutschland lebt und boxt. Des weiteren verfügt der Kölner über eine gewisse Bekanntheit und das dürfte für Kabayel sicherlich ein wichtiger Grund sein gegen Charr anzutreten, falls es zu diesem Duell kommen sollte.

Denn die „Unbekanntheit“ der heimischen Boxer bei der großen Masse, dürfte der größte Grund sein, weshalb sich momentan viele nicht für Boxen interessieren können. Rein von den Fakten die sich uns bieten ist der SES Mann Kabayel gleichauf in Punkto Körpergröße und beim Kampfgewicht. Doch der große Vorteil von Charr liegt in der Erfahrung des 33-jährigen Syrers. Er hat definitiv die größeren Namen geboxt und verfügt über 120 Ringrunden mehr als Kabayel. Von der Schlagkraft her dürften beide in etwa gleichauf liegen. Das stünde dem Duell Kabayel vs. Huck zumindest in nichts nach.

Marco Huck (41-5-1, 28 KOs) vs. Alexander Dimitrenko (41-3, 26 KOs)

Alexander „Sascha“ Dimitrenko mit seinem Promoter Erol Ceylan

Ebenfalls ein „Traumduell“ für die deutschen Boxfans mit ungewissem Ausgang, auch wenn es unwahrscheinlich erscheint, dass es zustande käme. Doch dieses Duell wäre mit Sicherheit auch im Ausland vermarktbar und würde dementsprechend Aufmerksamkeit erzeugen. Körperlich ist „Sascha“ Dimitrenko klar überlegen, 13 cm größer und 12 cm mehr Reichweite. Dort dürfte für Huck auch die Crux liegen, es würde für ihn schwer werden in den Infight zukommen – doch sollte ihm das gelingen, dann dürfte es mit fortschreitendem Kampfverlauf nur einen Sieger geben und das wäre aufgrund größerer Reserven, der „Käptn“!

Erfahrungstechnisch ist Huck sowieso jedem in Deutschland momentan überlegen. Mehr als 13 Verteidigungen seines Gürtels im Cruiser sprechen für sich. Von der Schlagkraft her, spricht ebenfalls einiges für Huck, wenngleich im Schwergewicht die Vergleichswerte bislang fehlen.

Ausblick auf weitere Talente und Schlusswort

Sicherlich gäbe es auch noch interessante andere Duelle im deutschen Schwergewicht. Man denkt dort vor allem an Edmund Gerber, Dennis Lewandowski, Ali Kiydin, Burak Sahin oder auch den Münchener Granit Shala. Gerade bei Shala dürfen wir gespannt darauf sein, wo die Reise hingeht. Viele attestieren dem Nachwuchstalent eine gute Grundbasis, bemängeln jedoch das enorme Kampfgewicht. So trat er im letzten Kampf, im Mai 2018 gegen Gogita Gorgiladze, mit beinahe „Butterbean“-mäßigen 137 Kilogramm in den Ring. Dort müsste man definitiv Abhilfe schaffen.

Foto: World Boxing Super Series

Beim sympathischen Berliner Burak Sahin bleibt abzuwarten, ob er die hohen Erwartungen erfüllen kann. Bei Gerber steht nach zwei Jahren Ringpause der Neustart ins Haus. Dennis Lewandowski feierte zwar zuletzt vier Siege, glänzte dabei jedoch nicht mit bester Fitness. Ali Kiydin ist sicher einiges zuzutrauen, sollte er ordentlich gefördert und aufgebaut werden. Hier wäre ein Duell mit Burak Sahin oder einem der Lewandowski-Brüder sicher nicht die schlechteste Variante, um mehr ins Rampenlicht zu rücken!

 

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