Umar Dzambekov-Interview: „sehe ich mich als universellen Boxer“

Macht Karriere in den USA: Der Österreicher Umar Dzambekov.

Ein Wiener boxt sich in den USA zur Weltspitze. Vor einem entscheidenden Meilenstein spricht er im exklusiven Boxen1-Interview.

Viele Boxer in Europa träumen davon, in den USA zu kämpfen – am liebsten mit einem festen Vertrag, der ihnen ermöglicht, dauerhaft dort zu trainieren und aufzutreten. Für die meisten bleibt das ein Wunschtraum, doch für den Österreicher Umar Dzambekov (12-0) ist er seit einigen Jahren Realität geworden.

2003 aus dem Tschetschenienkrieg nach Österreich geflohen, machte er sich früh einen Namen im „Land der Berge, Strome, Äcker, Dome und Hämmer“. Einen Dampfhammer trägt er zudem selbst in den Fäusten: 8 seiner 12 Siege erzielte er vorzeitig.

Früh zeigte sich Dzambekovs Talent für die Kampfkünste – ein familiäres Erbe, denn schon sein Vater war Boxer. Kampfsport gehört für viele Tschetschenen selbstverständlich zum Alltag. In seiner Kindheit feierte er erste Erfolge im Judo, doch seine große Leidenschaft wurde das Boxen, in dem er bald zu den besten europäischen Amateuren zählen sollte.

Wichtiger Meilenstein für Dzambekov am Freitag

Ein echtes österreichisches Boxjuwel also, das auch international Begehrlichkeiten weckte. Der erfahrene Star-Promoter Tom Loeffler – mit deutschen Wurzeln, früher Wegbegleiter der Klitschkos und enger Vertrauter von UFC-Boss Dana White – erkannte frühzeitig Dzambekovs Potenzial. Seit 2023 kämpft der Wiener nun in den USA und trainiert im legendären Wild Card Boxing Gym in Los Angeles, wo auch Koryphäen wie Trainer Freddie Roach tätig sind.

Mit Erfolg: Dzambekov gewann bisher alle seine Profikämpfe und steht nun vor einem wichtigen Meilenstein – seinem ersten Hauptkampf in den USA am kommenden Freitag. Auch wenn der Kampf nicht um Titel geht, hat dieser Schritt eine klare Signalwirkung: „Du bist ein Weltklasseboxer, wir glauben an dich, du hast das Zeug, ein Boxstar in den USA zu werden!“

Diese Botschaft möchte Dzambekov in Santa Ynez gegen den Russen Artem Brusov (13-1) bestätigen. Zuvor sprach er exklusiv mit Boxen1 über seinen Weg an die Spitze.

Das Boxen1-Interview mit Umar Dzambekov

Boxen1: Hallo Umar, wie geht es dir?
Umar Dzambekov: Sehr gut. Ich habe morgen die Abwaage und bin bereit für den Kampf. Ich kann es kaum erwarten.

Du bist als Kind 2003 durch den Tschetschenienkrieg nach Österreich gekommen. Was bedeutet Dir Österreich?
Ich bin in Österreich aufgewachsen, es ist mehr oder weniger meine Heimat, auch wenn meine Wurzeln in Tschetschenien sind. Ich habe eigentlich mein ganzes Leben in Österreich verbracht.

Du hast früh Erfolge im Kampfsport vorzuweisen. Welchen Stellenwert hatten die Kampfkünste in deiner Familie?
Da mein Papa selbst geboxt hat, war das enorm wichtig in unserer Familie, vor allem bei meinen Brüdern und mir. Mein Papa hat da sehr viel Wert darauf gelegt.

Tschetschenien ist ja auch eine Kampfsporthochburg, da hat das nochmal einen ganz anderen Stellenwert?
Ja, genau. Wie man gerne in Österreich oder Deutschland Fußball spielt, macht man dort Boxen oder Ringen. lacht*

Deine ersten Erfolge hattest du allerdings im Judo?
Geboxt habe ich mein Leben lang wegen meinem Vater, aber im Judo habe ich die ersten Wettkämpfe bestritten.

Ein Teil des Wild Card Boxing Gym in Los Angeles sein

Umar Dzambekov im Wild Car Boxing Gym mit Freddie Roach und Marvin Somodio.

Nach Differenzen mit dem österreichischen Boxverband hast Du in den Staaten bei Tom Loeffler unterschrieben. Wie kam der Kontakt damals zustande?
Ich habe einen sehr guten Freund hier in den Staaten und ihn besucht. Ich habe auch das Wild Card Gym besucht und mich gut präsentieren können. Dann hat sich das so ergeben, dass sie mich unter Vertrag nehmen wollten und dass ich da bleibe.

Du sprichst das Wild Card Boxing Gym in Los Angeles an, wo auch Koryphäen wie Freddie Roach aktiv sind. Wie ist das Feeling dort?
Als Kind aufzuwachsen und dieses Gym in ständigen Highlight-Videos zu sehen – und jetzt ein Teil davon zu sein, das ist schon ein wirklich sehr schönes Gefühl.

Viele europäische Boxer träumen von einer Karriere in den Staaten. Was kannst Du denen empfehlen?
Wie du auch im Boxsport sein musst: Wenn du alleine so eine lange Reise hinter dir legen und durchziehen willst, dann braucht man viel Durchhaltevermögen. Man muss diszipliniert und zäh sein. Weil einfach in die Staaten gehen – ich bin jetzt dort – da hast du so viel Konkurrenz. Dann noch als Ausländer, wenn dort jemand von irgendwo dazukommt, dann ist man vielleicht sogar im Nachteil. Die haben ja auch ihre eigenen Boxer, also muss man sich umso mehr vor denen beweisen.

Du bist schon einige Jahre in den Staaten aktiv. Kommst du mit dem dortigen Lifestyle gut zurecht?
Ja, das hat aber auch was mit meiner Disziplin und Lebenseinstellung zu tun, warum ich damit gut zurechtkomme. Für Leute, die das Nachtleben genießen, ist Los Angeles, glaube ich, nicht ideal. lacht*

Am Freitag wirst Du auf den Russen Artem Brusov treffen. Wie schätzt du den Kampf ein?
Ein guter Gegner. Ich unterschätze ihn auf keinen Fall, alleine auch wegen seiner Bilanz. Er wird versuchen, offensiv zu sein, wahrscheinlich wird er hier und da Videomaterial von mir angesehen haben. Aber ob er über die Distanz boxen oder mit mir in den Nahkampf will, das werde ich versuchen im Kampf rauszufiltern und im Laufe des Kampfes gucken, wie ich es am besten meistern kann.

„Wenn mal nicht alles nach Plan läuft, sich dann umstellen zu können, das ist das, was wirkliche Champions ausmacht“

Boxlegende Manny Pacquiao und Umar Dzambekov.

Ist das eine deiner großen Stärken im Kampf – explizit Gegner lesen und sich auf diese einstellen zu können?
Ja, definitiv. Wenn Du mich als Boxer nimmst, dann sehe ich mich als universellen Boxer. Ich habe einen universalen Stil, kann Leute weghauen – boxerisch habe ich einen guten technischen Stil. Ich kann mich bewegen, vorwärts marschieren, die Stile wechseln während des Kampfes. Wenn mal nicht alles nach Plan läuft, sich dann umstellen zu können, das ist das, was wirkliche Champions ausmacht. Ich schätze mich als jemand ein, der das sehr gut kann.

Du hast zuvor erwähnt, dass Brusov wahrscheinlich von dir Videomaterial angeschaut hat – hast du ihn im Gegenzug selbst betrachtet?
Ja, natürlich. Ich gucke immer Videomaterial meiner Gegner an, egal wer es ist. Ich gucke mir immer 2–3 Kämpfe an: Was sind seine wiederholten Maschen, was macht er ständig? Da sind dann Dinge, die sie ihr Leben lang auch machen werden. Daraus versuche ich dann zu lernen.

Du bestreitest nun den 11. Kampf in Folge in den USA. Würdest Du vielleicht auch gerne nochmal in Österreich oder Europa kämpfen?
Ja, definitiv. Es wäre ein Traum für mich, in Wien, meiner Heimatstadt, eine große Halle zu füllen und einen guten Kampf gegen einen guten Gegner zu machen.

Wie realistisch ist ein Kampf in Wien? Die österreichische Kampfsportszene ist durchaus gefragt, wenngleich das Boxen sich eher in der Nische befindet. Verfolgst du es intensiv?
Intensiv würde ich nicht sagen, aber hier und da kriege ich das schon mit, weil ich auch viele Leute im Boxsport kenne. Von daher weiß ich auch zirka, was stattfindet, wer wo kämpft. Aber damit ich mal richtig Qualität dort hineinbringe, würde ich sicher wollen, einen guten Kampf in Wien zu machen. Ob und wann das stattfinden würde, das werden wir wohl in den nächsten 2 Jahren herausfinden.

Im Profiboxen zählt nicht nur sportliche Leistung, man benötigt auch gute Leute im Hintergrund. Was bedeutet Tom Loeffler für deine Karriere?
Er ist ein sehr großer Bestandteil meiner Karriere. Natürlich muss ich die ganze harte Arbeit im Sinne des harten Trainings machen – aber es ist sehr wichtig, dass du einen sehr guten Trainer hast, auf den du dich verlassen kannst. Einen Promoter oder eventuellen Manager, die dich gut führen. Die sich um Dinge kümmern, die außerhalb des Ringes stattfinden, das ist sehr wichtig. Denn als Boxer ist es meine Aufgabe, topfit zu sein und die Leistung im Ring zu bringen. Außerhalb die Last, die mir genommen wird, hilft mir umso mehr, mich auf mein Training zu konzentrieren.

Zwar dreht sich bestimmt viel um deine Profikarriere, welchen Traum hat Umar Dzambekov aber abseits davon?
Ich will zufrieden sein mit dem, was ich gemacht habe in meinem Leben. Mich um meine Familie kümmern, um die nahestehenden Leute. Einfach glücklich sein, das ist mein Hauptziel – mit dem, was ich gemacht habe. In Wien ein gutes Leben haben – oder auch immer dort, wo ich mich wohlfühle, aber ich fühle mich in Wien wohl.

Abschließende Frage: Warum sollten alle Boxsportfreunde in der Nacht zum Samstag den UFC Fight Pass einschalten?
Warum? Weil Umar Dzambekov, momentan die Nummer 17 der Welt laut Boxrec, kämpft und noch höher anvisiert hat. Wenn ihr Action sehen wollt, grandioses Boxen, dann bin ich definitiv der richtige Typ dafür, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum.

Umar Dzambekov bestreitet am Freitag seinen ersten Hauptkampf in den USA

Hollywood Fight Nights: Dzambekov vs. Brusov.

Wie die Profikarriere des österreichischen Halbschwergewichts Umar Dzambekov weiter verläuft, zeigt sich am morgigen Freitag in Santa Ynez. Der Wiener wird bei den Hollywood Fight Nights erstmals einen Hauptkampf in den Staaten bestreiten.

Das Event wird in der Nacht von Freitag auf Samstag ab 4 Uhr (MESZ) live im UFC Fight Pass übertragen. Der Hauptkampf mit Dzambekov wird gegen 6 Uhr erwartet.

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