Schattenboxer Teil 1: Ricky Womack

Schattenboxer – das ist Hinterhof. Das ist die Farbschicht, die von Betonwänden abblättert, an denen verblichene Bilder ebenso verblichener Boxer kleben. Das ist der modrige Geruch selten gelüfteter Gyms, in denen Menschen sich quälen, am Rande der Gesellschaft, eigenwillige Typen, die eines gemeinsam haben: Sie verbrennen sich selbst, damit andere im Licht strahlen können. Einer dieser Schattenboxer war Ricky Womack. Er versuchte über seinen Schatten zu springen, aber immer gingen die Lichter aus.

Schattenboxer – Die Geschichte von Ricky Womack

„Sie haben mir gesagt, dass es mir gut geht.“

Es heißt: „Man kann in der Hölle schmoren und dennoch glücklich sein. Denn wenn man nichts anderes als die Hölle kennt, beginnt man sie zu lieben.“ Für Ricky Womack musste diese Weisheit wie ein Schlag ins Gesicht wirken: Geboren 1961 in Armut, aufgewachsen im Ghetto von Detroit, erlebte er von klein an die Hölle auf Erden.

Alfred Womack, Rickys Vater, war Alkoholiker. Und jähzornig. Er verprügelte Frau und Kinder fast täglich. Die gesamte Familie litt in ständiger Furcht vor seinen unkontrollierten Wutausbrüchen. Die Lage eskalierte, als Alfred eines Tages im Suff völlig durchdrehte, Ricky halb tot schlug und Mutter Marlene vor den Augen ihrer vier Kinder niederschoss. Marlene überlebte schwerverletzt. Ricky und seine Geschwister wurden auseinandergerissen und in verschiedene Kinderheime verfrachtet.

Nachdem Alfred später bei einem Raubüberfall gewaltsam ums Leben gekommen war, versuchte Marlene die Kinder wieder zusammenzubringen, doch sie scheiterte letztendlich an ihrer Drogensucht und der finanziellen Abhängigkeit von der Prostitution. Erneut landeten die Kinder in Heimen, verloren den Kontakt untereinander, während ihre Mutter nach einer Überdosis verstarb.

Rickys Leben war aus den Fugen geraten, ein Trümmerhaufen. Regelmäßig riß er aus, hatte Probleme mit Autoritäten, tat sich schwer Regeln zu akzeptieren, geschweige zu befolgen. Psychologische Gutachten attestierten Ricky Verhaltensauffäligkeiten sowie Störungen in der geistigen Entwicklung. Er streunte herum, schlief auf den Straßen. Seine Psyche war dunkel, verletzt, angegriffen. Mit Gewalt, Aufmüpfigkeit und Zorn setzte er sich zur Wehr. Bis er mit 13 Jahren im Boxsport ein Ventil für seine aufgestaute Wut, seine Ängste und Agressionen entdeckte.

Emanuel Steward trainierte Ricky Womack, Roderick Moore und Frank Tate im legendären Kronk Gym

Das legendäre Kronk Gym in Detroit war damals bekannt dafür besonders den Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen eine Zuflucht zu geben. Neben der Trainerlegende Emanuel Steward standen zahlungskräftige und einflußreiche Sponsoren hinter Kronk. Die vielen Kronk-Boxer versprachen Ruhm und Erfolg, boten so für Investoren eine perfekte Mischung aus finanziellen Gewinnmöglichkeiten und Steigerung des persönlichen Prestiges durch politsche Wohltätigkeit. Schließlich landete auch Ricky in dieser Maschinerie. Vor allem, weil sich schnell herausstellte, dass er mit einem überragenden Boxtalent gesegnet war.

Womack kämpfte sich in den 70ern nach oben und gehörte bald der US-Nationalstaffel an. Er wurde zu einem Star bei den Amateurboxern, errang viele nationale und internationale Meisterschaften. Doch soviel Ricky boxte und siegte, er konnte die Dämonen seiner Vergangenheit nicht überwinden. Er neigte zu Gewaltausbrüchen, Depressionsschüben und Disziplinlosigkeiten. Dauernd kam er während seiner Boxerlaufbahn mit dem Gesetz in Konflikt. Mit 17 Jahren musste er das erste Mal für vier Jahre ins Gefängnis. Als er 1981 entlassen wurde, nahm Emanuel Steward ihn abermals auf. Vielleicht aus einer Art väterlichen Liebe? Vielleicht aber auch nur um des sportlichen Nutzens Willen.

Womack bekam von Steward freie Kost und Logis sowie für zwei Jahre einen Boxvertrag mit einem garantierten Gehalt von 150.000 Dollar. Dennoch ergriff Rickys schwarze Seite weiter von ihm Besitz. Er hatte eine Vorliebe für besonders grausame Gewaltvideos und blutrünstige Horrorfilme. Dazu seine verletzte Kindheitseele, schlechter Umgang und die Aussicht auf den Glanz des schnellen Geldes! Für eine zerrissene Persönlichkeit eine äußerst explosive Mischung. In der Euphorie des Emporkömmlings funktionierte Womacks Gehirn schließlich nur noch mit Schwachstrom. 1985 kam es zur großen Fehlzündung.

Ricky hatte Freundin, Geld, Wohnung, Auto und die Aussicht auf eine lukrative Karriere als Profiboxer mit zehn Siegen in zehn Kämpfen. Doch innerhalb weniger Tage knockte er sich selbst aus, indem er mit Waffengewalt zwei Raubüberfälle begang. Das erste Mal bedrohte er eine weibliche Sicherheitsangestellte mit einer Pistole, schlug sie damit und erbeutete ein paar hundert Dollar sowie eine Handvoll Videos. Bei der zweiten Tat versuchte er einen Einbruch, wurde dabei überrascht, geriet bei der Flucht in Panik und verletzte einen Verfolger mit mehreren Schüssen schwer. Für diese Verbrechen wurde Ricky Womack 1986 zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt.

„Ich frage mich selbst, warum das passiert ist und finde keine Antwort“, erklärte Ricky dem Gericht. Auf der Fahrt ins Gefängnis blickte er geistesabwesend aus dem Fenster auf einige Vögel am Himmel, versuchte sie mit seiner Hand auf der Scheibe nachzumalen und sagte dabei zu seinem Bewacher: „Ich wette, es ist schön dort oben. Deine eigene Freiheit. Niemand, der dir sagt, was du zu tun hast. Ich wette, es ist schön, denn Freiheit herrscht nicht.“

In der Haft beschäftigte sich Ricky viel mit Büchern, Sport und Gott. Und er erhielt Besuch von einem vermeintlichen Schutzengel in der Gestalt von Dr. Stuart Kirschenbaum. Kirschenbaum, der damalige Boxkommissionär von Michigan, war ein begeisterter Boxfan aus Leidenschaft und hatte die Karriere von Ricky Womack von Anfang an aufmerksam verfolgt. Eine Verletzung bei den Amateuren bedeutete für Kirschenbaum selbst zwar das frühe Ende seiner aktiven Boxambitionen, dennoch blieb er seinem geliebten Sport als Offizieller jahrelang treu.

Kirschenbaum war vom Schicksal des jungen Detroiters sehr betroffen, weil er ihn persönlich kannte und glaubte, einige Parallelen zwischen ihm und sich zu entdecken. Also nahm er Kontakt auf und mit der Zeit lernten sich beide über Briefe, Besuche und Telefonate näher kennen. Der Doktor entwickelte sich für Ricky zu einem väterlichen Freund. Sie unterhielten sich über das Leben, den Glauben, das Boxen und Kirschenbaum nährte allmählich Hoffnung in Ricky, gab ihm das Gefühl noch etwas erreichen zu können in seinem künftigen Leben mit seinen Gaben, die ihm von Gott selbst in die Wiege gelegt wurden.

2000 durfte Womack die Gitter hinter sich lassen. Draußen fielen sich er und Kirschenbaum in die Arme. Nun war es an der Zeit, die Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Wie Ricky Vertrauen in den Vaterersatz steckte, versprach sich auch der Doktor etwas von seinem neu gewonnenen Sohn. Der Junge aus Detroit sollte sein Ticket zurück in die glitzernde Welt des Boxzirkus sein. 1992 hatte der lokale Boxverband Kirschbaum ausgebootet und ihn von seiner Arbeit als Boxkommissionär enthoben. Kirschenbaum entsann sich alter Kontakte, engagierte Bill Miller als Trainer und die Arbeit im Gym konnte beginnen.

Die Jahre im Zuchthaus schienen spurlos an Ricky vorübergegangen zu sein. Er wog zwar mehr als zu Beginn seiner Karriere, aber er hatte ausschließlich Muskelmasse zugelegt. Kein Gramm Fett zuviel an seinem Körper, äußerlich frisch und stark, überhaupt nicht gealtert. Miller und Kirschenbaum waren begeistert. Doch sie übersahen, dass Ricky nie mit einem der anderen Fighter in der Trainingshalle sprach. Er blieb verschlossen, bearbeitete den Sandsack mit starrem Gesichtsausdruck und in allen Sparringseinheiten ging es für ihn um Leben und Tod, als ob er mit jedem Punch etwas zerstören, vernichten wollte. In Interviews sprach er dagegen von Jesus und seiner Liebe, doch seine Augen blickten dabei seltsam kalt ins Leere.

2001 war es soweit: Detroits Sorgenkind kehrte in den Ring zurück und besiegte innerhalb eines halben Jahres eindrucksvoll drei Gegner. Die Boxmedien überschlugen sich mit Lob für das gelungene Comeback und sahen in Womack bereits eine ernste Gefahr für die amtierenden Champions. Kein Wunder, der alte amerikanische Traum war immer für Schlagzeilen gut. Selbst wenn er nur Fassade ist. Sogar Kirschenbaum träumte schon von einem lukrativen WM-Fight.

Wieder hatte Ricky alles, was man sich wünschen konnte: Der quadratische Ring schien ihm zu gehören und den runden Ring steckte er im gleichen Jahr Angela, seiner neuen Liebe, an den Finger. Doch für das Böse ist das Gute das Böse. Ricky hatte viele schlechte Gedanken. Eifersucht und Misstrauen plagten ihn, wenn er trainierte und nicht bei Angela war. Er behandelte sie wie sein Eigentum, sperrte sie ein, überwachte und kontrollierte sie. Immer häufiger kam es zum Streit mit Angela, der sich negativ auf seine sportlichen Leistungen auswirkte. Im Gym schien er abwesend, von Selbstzweifeln geplagt. „Am Sandsack sah Ricky wie eine boxende Gelddruckmaschine aus, doch nach jedem Sparring wollte er von mir wissen, ob er wirklich noch so gut ist wie früher“, berichtete Miller.

Kirschenbaum wollte von Womacks Problemen nichts wissen. Der Fight gegen Willie Chapman im November 2001 musste unbedingt stattfinden. Zuviel stand auf dem Spiel. Der Kampf sollte auf ESPN übertragen werden. Ein glanzvoller Sieg noch und Ricky würde ganz oben sein, eine Titelchance bekommen. Obwohl Ricky seinen väterlichen Freund inständig darum bat, die Auseinandersetzung abzusagen, lehnte Kirschenbaum ab. Schließlich mussten Verträge eingehalten und geschäftliche Verpflichtungen erfüllt werden. In die Ecke gedrängt stimmte Ricky dem Kampf niedergeschlagen zu.

„Bald brauchst du dir keine Sorgen mehr machen wegen mir, Stu“, waren die letzten Worte, die Womack in der Boxarena zu Kirschenbaum sprach. Dann versteckte er sich schweigend in der Toilette der Umkleidekabine, bis man ihn zum Kampf in die Halle rief. Auf dem Weg in den Ring jubelte ihm die Menschenmenge zu. Wegen Ricky waren sie gekommen, doch der Mann aus Detroit war an diesem Abend nicht in der Lage, die hohen Erwartungen zu erfüllen. Er fightete unmotiviert, wurde hart getroffen und wirkte müde, gelangweilt. Schnell wechselte das Publikum die Fronten.

Am Ende behielt Womack knapp die Oberhand, gewann vor 10.000 aufgebrachten Zuschauern umstritten nach Punkten, aber man pfiff ihn gnadenlos aus. Auch Kirschenbaum war enttäuscht. Soviel hatte er in Ricky investiert, auf ihn gesetzt und was war der Dank? Enttäuschung pur!

„Am Telefon hat mir Angela weinend erzählt, dass Ricky sie bedroht hat. Er hat geschworen uns alle umzubringen. Er hat uns alle bei Namen genannt. Dabei waren wir seine einzigen Freunde, die ihm geholfen haben. Ich verstehe das nicht“, erzählte Kirschenbaum fassungslos der Presse, nachdem ein depremierter Ricky Womack nur 57 Tage nach dem Kampf seinem Leben selbst ein brutales Ende gesetzt hatte, „Vor den Augen seiner Frau hielt sich Ricky eine Pistole an den Kopf und drückte ab.“

Ricky Womack geboren 1961, gestorben 2002

Auszug eines Briefes, den Dr. Kirschenbaum 1997 aus dem Gefängnis von Ricky erhalten hat:

…Wie ich dir einmal gesagt habe, mein lieber Freund, es gibt Türen, die offen sind und die niemand schließen kann. Und es gibt Türen, die geschlossen sind und kein Mensch öffnen kann. Während ich diese Zeilen schreibe, versuche ich die Tränen meiner inneren Schmerzen irgendwie zu bekämpfen. Irgendwann, wenn ich den Tod nicht mehr fürchte, sondern verstehe, wird mein Kampf den Schlußgong hören…

Schattenboxer Teil 1: Ricky Womack
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