Respekt, Leyla! Tolle Kämpfe in der Hamburger Markthalle

Talkrunde „gegen Gewalt“ wurde zu einer stern-Stunde

Ein Bericht von Wolfgang Weggen

Respekt, Digga! Unter diesem Motto stand die BOX-OUT-Veranstaltung in der Hamburger Markthalle am Hauptbahnhof, die zu einer stern-Stunde im Kampf gegen die Gewalt werden sollte – und auch wurde. Dabei wollten/sollten hochkarätige Talk-Gäste auch die Frage klären, wie die Gewalt denn in den Griff zu bekommen ist. Etwa durch den Boxsport? Die Antwort nach zweistündiger Diskussion lautet ganz klar „ja“! Denn beide Talkrunden waren sich einig darüber, dass wohl in keiner anderen Sportart Disziplin, Fairness und Respekt eine so überaus wichtige Rolle einnehmen. Und eben diesen Sport, das Amateurboxen, demonstrierten anschließend eine Hamburger Auswahl und Gäste aus Polen in neun heißen Gefechten eindrucksvoll.

Respekt, Senator! Auch Ties Rabe, Hamburgs Senator für Schule und Bildung, stellte sich den Fragen der stern-Moderatoren. Der ehemalige Lehrer überraschte allerdings mit seiner Statistik. Rabe: „Jugendgewalt geht zurück. Sie ist bei den unter 21-Jährigen dramatisch gesunken. Wir gucken jetzt genauer hin. Schulen sind sicherer geworden. Die Brutalität nimmt nicht zu. Trotzdem gibt es aber viel zu tun“.

Mit dieser Einschätzung konnte Rabe allerdings Derk Langkamp, Kriminalhauptkommissar außer Dienst, und auch den Großteil der Zuschauer und Zuhörer in der Markthalle nicht überzeugen. Sein Eindruck: „Was die offiziellen Delikte angeht, mag das wohl stimmen, was Herr Rabe sagt, aber die Dunkelziffer der nicht angezeigten Fälle ist sehr, sehr hoch“.

Hochinteressant die Schilderung von Lukas Küster, seine schmerzhafte Begegnung mit Jugendlichen am Bahnhof Holstenstraße in Hamburg. Was war da passiert? Der Gymnasiast wollte einer Frau helfen, die von mehreren jungen Männern bepöbelt wurde. Er ging mutig dazwischen, nahm die Frau in den Arm, wollte sie so aus der Gefahrenzone bringen. Wurde nix draus, jetzt bezog er Prügel. Eine tiefe Platzwunde am Kopf – ab ins Krankenhaus. Übrigens wurde Lukas für seine mutige Tat als „Hamburger des Jahres 2012“ ausgezeichnet.

Mahir Oral, erfolgreicher Profiboxer und Trainer bei BOX-OUT: „Ich habe zum Glück schon als 17-Jähriger auf der Straße gelernt, dass man Respekt nicht durch den Einsatz der Fäuste einfordern kann, Respekt ist eine Sache des Kopfes“.

Ex-Weltmeisterin Regina Halmich, die Schirmherrin von BOX-OUT war extra aus Karlsruhe angereist: „Das Boxen hat mich stark gemacht für das Leben danach. Deshalb glaube ich, dass ich alles richtig gemacht habe“!

Oktay Urkal, Silbermedaillengewinner 1996 in Atlanta und Europameister bei den Amateuren und Profis: „Disziplin ist alles im Boxsport, nur damit erreichst du etwas. Und du lernst auch sehr schnell, deinem Gegner Respekt entgegen zu bringen – ganz gleich ob du den Ring als Sieger oder Verlierer verlässt“.

Interessant, was die Deutsche Ex-Meisterin Leyla Horn, die sich jetzt bei BOX-OUT zur Fitness-Kauffrau ausbilden lässt, zu berichten weiß. Das „böse Mädchen“, das früher in der Schule und auf der Straße ihren Willen mit den Fäusten durchsetzte: „Auseinandersetzungen auf der Straße gibt es für mich nicht mehr. Ich bin jetzt diszipliniert. Ich habe Erfolg beim Boxen, muss niemanden mehr etwas beweisen“.

Dem konnte Hiltrud Kneuer, Leiterin der Schule auf der Veddel, nur beipflichten: „Leyla war bei uns ein Mädchen außer Rand und Band. Es ist als ein Glücksfall anzusehen, dass Leyla sofort starkes Interesse am Boxsport gefunden hatte. Sie ist den richtigen Weg gegangen und darauf bin ich stolz“. Die Schulleiterin weiter: „Beim Boxen gibt es feste Regeln, daran muss sich jeder halten. In der Schule gibt es dagegen viele Möglichkeiten, sich zu verstecken. Schulstrafen kommen bei den Jugendlichen gar nicht an und unsere Sanktionsmöglichkeiten sind begrenzt“.

Stichwort etwas beweisen. Das wollte Leyla nach dem Talk im Ring. Ihre Gegnerin in der 57-Kilo-Klasse: Sandra Kruk aus Polen, die Erfahrung aus 105 Kämpfen mitbrachte. Die kleine polnische Kampfmaschine, Europameisterin und WM-Teilnehmerin, machte auch sofort mächtig Dampf, es kam zum Schlagabtausch Fuß bei Fuß. Leyla hielt stark dagegen, doch die Polin hatte meist eine Faust mehr im Ziel. In Runde 2, 3 und 4 wurde die mutige Hamburgerin jeweils einmal angezählt – dann brach der Ringrichter den Kampf ab. Trotzdem: Respekt, Leyla!

Im zweiten Hauptkampf des Abends besiegte der für BOX-OUT kämpfende Mittelgewichtler Sebastiano Lo Zito von der Nordschmiede den Schweriner Thor Gunnar Bratek, bei dem Christian Morales und Sebasttian Zbik in der Ecke standen, nach Punkten.

Fazit von BOX-OUT-Boss und Veranstalter Christian Görisch: „Bei unserer Sternstunde 5 hat es deutlich gefunkelt, großer Glanz. Die Markthalle stand jahrelang neben der Musik für gesellschaftspolitisch relevante Themen. Geboxt wurde hier auch schon – zum ersten Mal 1976. Nun sind wir in der Markthalle. Ich bin zufrieden mit unserem ersten Event, trotz einiger Schwierigkeiten“.

Görisch weiter: „BOX-OUT will und muss neue Wege gehen, um seine Ziele in der Umsetzung der gemeinnützigen Jugendhilfearbeit zu erreichen – hier mit „Podiumstalk und Boxen“. Wir wollen ein Forum bieten zu Information, Diskussion und Möglichkeiten der Lösungsfindung zu einem der relevantesten gesellschaftspolitischen Themen unserer Zeit, der Jugendgewalt-Prävention in Verbindung mit Integration und Bildung. Und gleichzeitig sollen der Schlüssel und die Klammer unserer Arbeit, das ist der olympische Boxsport, erstklassig repräsentiert werden, auch oder gerade vor Gästen aus Wirtschaft und Politik. Vor denen also, die wir als Jugendhilfeträger und die der Boxsport braucht. Damit kann das Image und das Interesse an unserem fantastischen Sport neu belebt werden und wir alle profitieren – die Gesellschaft und der Boxsport.“ Respekt, Christian Görisch!

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