Ransicht, Mayweather vs. PAC-Man: Der Jahrhundertkampf

Tobias Drews - Chefkommentator Boxen, Sat.1

Was bleibt nach solch einem Wochenende, nach der langen Warterei auf einen Kampf der Superlative? Unterm Strich zumindest soviel:

Floyd Mayweather schraubt seine Siegesserie auf beeindruckende 48 Siege in Folge, gewann auf allen drei Punktrichterzetteln deutlich und komfortabel.

Aber es bleiben auch noch einige offenen Fragen. Hier mein Versuch mit entsprechenden Antworten.

War es ein „Jahrhunderkampf“?

Was die finanziellen Dimensionen betrifft sicherlich. Die Einnahmerekorde sind reihenweise gefallen. Mehr Umsatz war im „Big Business“ des Boxens noch nie. Und das will etwas heißen, denn die Sportkameraden Mike Tyson, Evander Holyfield und Oscar de la Hoya zählen mit Karriere-Einnahmen im dreistelligen Millionenbereich ja nun sicher nicht zu den Geringverdienern.

Es war aber vor allem der „Hype des Jahrhunderts“, wenn sogar über 10.000 Fans zehn US-Dollar Eintritt für das Wiegen bezahlen. Ich habe schon solche Wiege-Veranstaltungen vor WM-Kämpfen erlebt, da hätte man keine 100 Fans zusammen bekommen, wenn man jedem 10 Dollar AUSgezahlt hätte…. Top Marketing, perfekte Inszenierung.

Der Kampf selber war spannend, interessant, zeitweise mitreißend. Aber kein „Jahrhundertkampf“ im Stile eines Ali-Frazier oder Ali-Foreman. Und sicherlich nicht mal der „Kampf des Jahres 2015“, wenn zu Weihnachten wieder die Jahresinventur gemacht wird.

Ist die Siegesserie von Mayweather im Boxen einzigartig?

Mayweather steht nun bei 48 Siegen, ohne Niederlage. In diesem Zusammenhang wird immer gerne der Rekord des ehemaligen Schwergewichts-Weltmeisters Rocky Marciano angeführt, der nach 49 Siegen (ohne Niederlage) seine Karriere beendete und als Weltmeister ungeschlagen abtrat. Dieser Zusammenhang ist wichtig, also „ungeschlagen“ und „als WM abgetreten“. Nur dann ergibt sich daraus der Rekord. Andere schafften ähnliches, aber mit weniger Kämpfen. Joe Calzaghe trat als WM ab – mit einer Bilanz von 46-0. Auch Sven Ottke gelang dieses Kunststück, finale Bilanz des Karlsruhers: 34-0.

Aber „ungeschlagen“ blieb auch Ricardo Lopez: 51 Siege, null Niederlagen, aber ein Unentschieden. Dann trat er nach seinem 52. Kampf als WM ab. Er blieb also länger „ungeschlagen“ als Marciano, hatte aber eben dieses eine Unentschieden.

Und als reine Serie an Siegen sind die 48 Siege des Herrn Mayweather ohnehin weit von einem Rekord entfernt:

* Julio Cesar Chavez schaffte 87 Siege in Folge, ehe er ein Unentschieden gegen Pernell Whitaker erboxte.

* Willi Peps Rekord stand bei 62-0, ehe er das erste Mal verlor.

* Sugar Ray Robinson stand bei 40-0, bevor er gegen Jake LaMotta verlor. Danach blieb er in 88 Kämpfen umgeschlagen und boxte zweimal unentschieden.

Wichtig also: den genauen Rekord von Marciano kann man nur dann brechen, wenn man ungeschlagen bleibt und als amtierender WM zurücktritt. Eventuell ist aber eben Lopez der Rekordhalter – Geschmackssache. Aber die 49 Marciano-Siege am Stück alleine sind sicher Weltklasse – aber kein Rekord.

Wie wertet man genau und wie aussagekräftig ist die Schlagstatistik?

Wichtigstes Kriterium für die Bewertung eines Kampfes ist die Anzahl der Treffer. Das ist Qualitätsmerkmal Nummer 1. Schläghärte, Effizienz, Aktivität, etc: diese Kriterien zahlen alle ebenfalls auf die Bewertung ein, aber ohne Treffer gewinnt man keine Runden! (Ausnahme: der Gegner trifft auch nicht und man hat ihn mit Meidbewegungen dennoch ausgeboxt. Der legendäre Willi Pep hat so durchaus Runden gewonnen. Kann aber beileibe nicht jeder.)

Die Gesamtschläge und die Erhebung der offiziellen Daten der Firma „Compubox“ (die auf diesem Gebiet auf jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken kann) spricht da für den Kampf vom 02. Mai eine deutliche Sprache:

Mayweather schlug 435 mal, traf 148 mal.

Pacquiao schlug 429 mal, traf dabei mit 81 Schlägen.

Kling deutlich, könnte aber auf die falsche Fährte locken. Denn die Runden werden ja einzeln bewertet und wenn Mayweather seine 148 Treffer in nur 4 Runden gelandet hätte, könnte er natürlich nur schwerlich einen 12-Runden Kampf gewinnen.

Man muss also detailliert auf die jeweiligen Treffer der einzelnen Runden schauen. Hier wird deutlich: die Fährte ist komplett richtig und ergibt auch hier ein klares Bild.

Nach Gesamttreffern hatte Mayweather in zehn der zwölf Runden die Nase vorn.

Ein Blick auf die Treffer mit der Führhand? Da entschied Mayweather 10 Runden für sich, eine ergab ein Unentschieden, eine ging an Manny Pacquaio.

Power-Punches (also Schlaghände): 8 Runden Mayweather, drei Runden an Pac-Man, eine Unentschieden.

Die Trefferanzahl kann man drehen, wenden, und schütteln – am Sieg ist nichts zu deuteln. Hier hat Mayweather einmal mehr seine wahre Größe gezeigt. Er kann einen Kampf „lesen“ und sich auf den Stil des Gegners nahezu perfekt einstellen. Er hatte immer die am Ende entscheidenen Hände im Ziel.

Wie geht es nun weiter? Floyd will nun alle Titel in den kommenden Tagen offiziell niederlegen und noch einen weiteren Kampf bestreiten. Diesen dann voraussichtlich im September. Das wird vor allem die Weltverbände hart treffen, da Sie ja anteilig an den Kampfbörsen verdienen. Angedeutet hatte sich diese Entscheidung bereits vor dem Duell. WBO-Präsident Paco Valcarcel schrieb mir, dass Mayweather nicht um den WBO-Titel von Pacquiao geboxt habe. Bei einem Sieg von Mayweather – so ist es ja nun gekommen – würde der Titel vakant. Nun hat Floyd sich also entschieden, dieses Vorhaben auch auf die anderen Gürtel auszuweiten. Nachvollziehbar: ein Boxer „macht“ den Gürtel bekannt, nicht der Gürtel einen Boxer. Und es passt hervorragend in das Selbstbild des Floyd „Money“ Mayweather als selbsterklärter „bester Boxer aller Zeiten“, dass er es nun ohne Weltverbände und Gürtel probieren will. Er hält sich für Größer als der Sport – und könnte zumindest aus geschäftlicher Sicht damit Recht haben. Vielleicht spricht diese Entwicklung aber auch für einen anderen Plan: Dass Floyd sich für seine einzigen acht Niederlagen aus Amateurtagen revanchiert und in einer Art „Ein-Abend-Turnier“ diese Kontrahenten hintereinander boxt. Gegen jeden über 3 oder 4 Runden – es wäre die große Floyd-Show, für die man keine Weltverbände braucht.

Ein Rückkampf gegen den Pac-Man ist nach wie vor möglich, hängt aber von mehreren Faktoren ab: wie zufrieden sind alle beteiligten Parteien am Ende nach dem Kassensturz? Und wie schlimm ist die Verletzung von Pacquaio an der rechten Schulter? Ist der Filipino auch bereit, in einem Nicht-Titelkampf anzutreten? Oder boxt er lieber um einen der vakanten Titel, die Floyd hinterlässt? Die nächsten Wochen werden da etwas mehr Erhellung bringen.

„SAT.1 ran Boxen“

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