Nicht alles in unserer Vergangenheit war schlecht – Berliner Boxmanager reden Klartext

Helmut Lange und Winfried Spiering- Nicht alles war schlecht (Foto by Wolfgang Wycisk)

Harald Lange, Präsident der Eintracht Berlin und Winfried Spiering, Chef des Wiking Box-Teams im Interview

Während sich das Frauenboxen zum Hoffnungsträger des Deutschen Boxverbands (DBV) entwickelt, wenden sich ihre männlichen Pendants dem Profisport zu.

Der Elite-Kader dünnt aus. Denjenigen, die für die Abtrünnigen nachrücken, fehlt es an Erfahrung, um international bestehen zu können.

Harald Lange ist der Präsident der Eintracht Berlin, dem erfolgreichsten Amateur-Box-Club Berlins. Er und Winfried Spiering, Chef des legendären Berliner Wiking Box-Teams reiben sich im Interview an den latenten Problemen des deutschen Boxsports. Weiterhin verrät Spiering, dass er zwei Kubaner unter Vertrag nehmen wird. Einen möglichen Gegner für seinen neuen Schwergewichtler hätte er auch schon.

Herr Lange, Ornella Wahner hatte bei der Eintracht Berlin trainiert. Jetzt hat sie als erste deutsche Amateur-Weltmeisterin Boxsportgeschichte geschrieben.

Lange: Ich bin unendlich stolz auf das, was Ornella erreicht hat. Leider hatte Ornella damals in Berlin schlicht und ergreifend nicht das Umfeld, um sich derart zu entwickeln. Das konnte man ihr jedoch in Halle bieten. Deshalb habe ich sie dahin vermittelt.

Ornella Warner wurde Weltmeisterin, Nadine Apetz gewann Bronze. Bei den Frauen läufts.

Lange: Aus meiner Sicht war die hervorragende Zusammenarbeit zwischen den Sportlerinnen und ihren Trainern ausschlaggebend für den Erfolg. Die Trainer gaben den boxerisch gut ausgebildeten Mädchen Zeit zu reifen und hetzten sie nicht von Turnier zu Turnier. Bei der Frauen-WM in Indien war die Zeit der Ernte.

Die Männer sind nicht gerade vom Erfolg verwöhnt.

Spiering: Die Erfolgslosigkeit bei den Männern hat nichts mit schlechten Sportlern zu tun. Im Gegenteil, wir haben klasse Jungs. Aber ein Amateur braucht Jahre, um sich einen Platz in der internationalen Spitze zu erarbeiten. Doch anstatt sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, wechseln unsere Talente immer jünger zu den Profis.
Deshalb bekommen die, die jetzt bei den Amateuren in der ersten Garde stehen, keine Zeit, sich für ihre schweren Aufgaben zu entwickeln.

Ich verfolge den Trend seit Jahren. Asse gingen zu den Berufsboxern, obwohl ihre internationale Amateur-Karriere erst begonnen hatte. Die Lücken müssen durch noch jüngere, unerfahrenere Athleten geschlossen werden und das Reservoir an talentierten Jungs fängt nun an zu tröpfeln. Die Breite im Nachwuchsbereich fehlt.

Bei den Frauen ist dieses Wechseln bisher nicht so ausgeprägt. Aber auch hier gibt es schon unheilvolle Signale. Wenn nicht dagegen gearbeitet wird, dann wird das Frauenboxen in wenigen Monaten vor dem gleichen Problem stehen.

Woran liegt das?

Spiering: Das größte Problem ist, dass Funktionäre ohne entsprechendes Fachwissen und Erfahrungen im Boxsport das Sagen haben. Das Definieren, Festlegen und Kontrollieren von Zielen und Schwerpunkten kann nicht denen überlassen bleiben, die mit dem Boxsport kaum oder gar nicht befasst waren. Es braucht gestandene Fachleute mit visionärem Blick und dem richtigen Händchen, die das deutsche Boxen wieder nach oben führen können.

Oder schauen sie auf den Chemiepokal. Der DBV will das wertvollste Boxturnier Deutschlands einstellen. Angeblich würde Geld fehlen. „Der DBV hätte bereits über vier Jahre darauf hingewiesen, dass die Organisation des Chemiepokals eine stabile finanzielle Grundlage erfordert“, war auf der Internetseite des Verbands zu lesen. Statt Probleme zu lösen, weist man lapidar auf sie hin. Und man sucht einen Schuldigen. Beim Chemiepokal ist es das Land Sachsen-Anhalt.
Besser kann man die eigene Unfähigkeit nicht demonstrieren. Aber wer zieht eigentlich die Funktionäre für ihre katastrophalen Fehlentscheidungen zur Verantwortung? Und über die Geldverschwendung wollen wir erst gar nicht reden.

Lange: Erfolge müssen die Messlatte werden! Und ein schlechtes Abschneiden bei Europa- und Weltmeisterschaften, oder gar den Olympischen Spielen ist letztlich das Resultat einer schlechten Führung!

Spiering: Dann fehlen den Boxern sichere Perspektiven! Beispiele gibt es viele: Ein junger Sportler war jahrelang im Sportclub, wurde Vize-Europameister und beendete seine aktive Laufbahn im Alter von 22 Jahren, weil er Schwierigkeiten im sportlichen Umfeld hatte. Schulabschluss und berufliche Ausbildung blieben auf der Strecke.

Ein anderer erfolgreicher Athlet, Deutscher Meister und Medaillengewinner bei vielen internationalen Turnieren, freut sich auf Olympia und bekommt ohne jegliche Erklärung einen Profi vorgesetzt, der an seiner Stelle zu Olympia fährt und in der ersten Runde verliert. Der Sportler beginnt frustriert von der Ignoranz der Funktionäre eine Profi-Laufbahn und der reamateurisierte Profi verschwindet wieder von der Bildfläche.

Mittlerweile dreht sich das Wechselkarussell rasant, die Sportler, die darinsitzen, werden immer jünger. Waren sie vor zwei, drei Jahren noch 22 Jahre alt, so sind sie heute erst 17.

Das ist doch das Eldorado für die Wikinger und alle anderen Profiställe.

Spiering: Das Wiking Box-Team konzentriert sich ausschließlich auf die Sportler der vermeintlich zweiten Reihe. Wir haben noch nie einen aktiven Nationalstaffelboxer abgeworben.

Ich möchte hier eine Lanze für alle anderen Profiställe brechen. Ich bin mir sicher, dass auch sie die aktuelle Entwicklung mit Argwohn sehen.

Das müssen sie erklären.

Spiering: Denken wir einmal folgendes Szenario durch. Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn wechselt ein Amateur zu den Profis. Bis dahin hat er die Erfahrung von, sagen wir, 100 Kämpfen gesammelt. Würde er als Jugendlicher mit beispielsweise 50 Kämpfen zu den Profis wechseln, dann würden ihm an seiner sportlichen Entwicklung 50 Kämpfe fehlen.

Diese Erfahrungslücke kann er bei den Profis niemals schließen. Das wird er spätestens merken, wenn er auf einen Boxer trifft, dem die Zeit gegeben wurde, als Amateur genügend Erfahrungen zu sammeln. Und diese Erfahrung ist für die Profi-Entwicklung enorm wichtig. Das wissen die Ställe natürlich auch.

Herr Lange, sie sind Chef der Eintracht Berlin, Herr Spiering sie stehen neben ihren Profis auch einem Amateur-Verein in Wolgast vor. Sie wollen für die Zukunft ihre Zusammenarbeit intensivieren. Wie soll das aussehen?

Spiering: Wir beginnen damit, dass Wolgast und Eintracht Berlin ihre Trainingsinhalte abstimmen. Wir wünschen uns, dass unsere Trainer einen gemeinsamen Trainingsplan entwickeln.

Lange: Die Ergebnisse können dann in Wettkämpfen überprüft werden. Hierfür werden wir nicht nur Veranstaltungen initiieren, sondern auch Wettkampf-Sparrings organisieren.
Darüber hinaus ist der soziale Rückhalt das Wichtigste, dass wir unseren Sportlern geben müssen. Früher war es das „A und O“ unsere Sportler in Lehrstellen oder Jobs zu vermitteln. Mit der aktuellen Situation am Arbeitsmarkt hat sich das grundlegend geändert. Heute müssen wir aufpassen, dass sie ihre Stellen nicht hinwerfen, sondern bei der Arbeit am Ball bleiben. Das ist für ihr Leben und ihre weitere Entwicklung im Boxsport notwendig. Erfolge fallen nicht vom Himmel und die Boxer müssen immer ein Ziel vor Augen haben.

Kuba arbeitet doch mit einer ähnlichen Strategie. Der Verband entwickelt Vorgaben für die unterschiedlichen Leistungsstände, vom Olympia-Teilnehmer bis hin zum 10-Jährigen Anfänger.

Spiering: Das ist nicht nur in Kuba so, sondern auch in der Ukraine, Kasachstan und in England. Erfolgreiche Amateurboxer aus diesen Ländern werden Weltklasse-Profis. Das war damals bei uns auch so. Nicht alles, was wir in unserer Vergangenheit hatten, war schlecht.

Apropos Kuba. Herr Spiering, es war zu lesen, dass sie zwei Kubaner unter Vertrag nehmen werden.
Spiering: Richtig. Ein bei den Amateuren erfolgreicher Schwergewichtler als Jung-Profi und den Supermittelgewichtler William Scull. William hatten wir bereits für drei Tryouts nach Deutschland geholt.

Der Schwergewichtler steht am Anfang seiner Profikarriere. Seine Erfolge als Amateur muss er nun als Profi bestätigen. Bei ihm sehe ich Parallelen zum Hamburger Schwergewichtler Peter Kadiru, der sich ja vor kurzem auch vom DBV getrennt hat. Sowohl Peter als auch der Kubaner waren Jugendweltmeister und Jugendolympiasieger. Ein Fight zwischen den beiden als Auftakt zu ihren Profi-Karrieren wäre etwas, wonach sich die Fans um die Karten und die Fernsehsender um die Rechte reißen würden.

Worauf könnten wir uns dann einstellen?

Spiering (lacht): Rum und Rumba auf den Rängen. Feinstes Kubaboxen im Ring. Mit oder ohne Peter Kadiru, es wird fantastisch.

Vielen Dank für das Gespräch.

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