Nach brutalem KO: Michał Soczyński aus dem Koma erwacht 

Nach einem brutalen Kampf ringt der polnische Boxer Michal Soczynski um sein Leben.
Foto: boxingphotos.pl

Am Samstag erfolgte in Polen einer der härtesten Kämpfe des Jahres. Das aufstrebende Cruisergewicht Soczyński wurde dabei gestoppt und ins Koma versetzt.

Am vergangenen Samstag lud die größte Promotion in Polen, KnockOut Promotions, zum Kampfabend in Chełm ein. Bei der KnockOut Boxing Night 42 standen wieder zahlreiche aufstrebende polnische Boxer im Ring und wollten im polnischen Staatssender TVP Sport ihr Können unter Beweis stellen.

Insbesondere der Hauptkampf ließ aufhorchen. Dort duellierte sich der zuvor ungeschlagene Michał Soczyński (11-1) mit dem Ukrainer Ramazan Muslimov (9-0) um den WBC-Baltic-Titel im Cruisergewicht. Soczyński hatte sich bereits in Großbritannien einen Namen gemacht, wo er beispielsweise den Oronzo-Birardi-Bezwinger Aloys Youmbi (11-1) besiegte. Auch in den USA war der Pole schon erfolgreich aktiv gewesen und freute sich nun, bei der KnockOut Boxing Night seinen ersten internationalen Titelhauptkampf zu bestreiten.

Ihm gegenüber stand jedoch ein starker, ungeschlagener Ukrainer. Muslimov wies im Profibereich zwar noch keine große Bekanntheit auf und bestritt seine bisherigen Kämpfe ausschließlich in der Heimat – doch er blickte auf eine fundierte Amateurlaufbahn zurück, die ihn als ernsthaften Gegner qualifizierte. Dies sollte sich schließlich mehr als deutlich bewahrheiten.

Niederschläge auf beiden Seiten – eine der verrücktesten Auftaktphasen des Jahres

Der Kampf begann maximal dramatisch. Umgehend war der Favorit Soczyński schwer angeschlagen, und Muslimov suchte die harten Hände. Soczyński ging insgesamt zweimal zu Boden, spuckte dann den Mundschutz aus und verschaffte sich eine unfair lange Pause von über 30 Sekunden. Ein ziemlicher Skandal, da der Ringrichter auch nicht wirklich Druck machte, um den Trainer zur Eile zu bewegen. Danach ging es weiter, und Muslimov deckte Soczyński mit schweren Treffern ein, wodurch es fast unvermeidbar erschien, dass der Kampf gestoppt werden musste. Soczyński schluckte jedoch jede Hand und schleppte sich über die erste Runde.

Die Frage war nun, ob sich der Pole nach dieser fatalen ersten Runde überhaupt noch erholen könnte. Und plötzlich sah Chełm eine völlig andere zweite Runde. Muslimov erschien müde von der Schlagserie aus Runde 1 und musste verschnaufen, während Soczyński losstürmte und selbst einen Niederschlag erzielte, der den Ukrainer in Bedrängnis brachte. Ein Spektakel sondergleichen bahnte sich an, bei dem in jeder Sekunde etwas passierte.

Auch in der dritten Runde änderte sich am Rocky-Modus nichts. Soczyński versuchte den Kampf zu drehen, stürmte direkt los und klingelte den Ukrainer nach wenigen Sekunden an. Beim Versuch nachzusetzen lief er jedoch selbst in einen harten Konter und musste schwer zu Boden. Es war ein völlig wilder Kampf, der hin und her ging.

Brutale K. o.-Niederlage für Soczyński

Ramazan Muslimov stoppt Michal Soczynski.
Foto: boxingphotos.pl

Man bewegte sich hier in einer epischen Schlacht, die sicherlich das Potenzial hatte, zu den legendärsten Kämpfen aller Zeiten zu zählen. Doch ab der vierten Runde schaffte es Muslimov, sich boxerisch tatsächlich gut zu etablieren. Er suchte fortan häufig den Rückwärtsgang und punktete mit zahlreichen Jabs, die Soczyński immer wieder voll mit dem Gesicht nahm, das bereits stark blutig erschien. Nach drei Niederschlägen in den ersten drei Runden war der Pole zwar stets bemüht und bewies enormes Kämpferherz, doch seine eklatant offene Defensive blieb ein großes Problem. Zudem wirkte er auf den Beinen zunehmend langsam und konnte Muslimov immer weniger stellen.

Nach einer etwas ruhigeren fünften Runde musste Soczyński in der sechsten erneut zu Boden und wirkte bereits deutlich gezeichnet. Auch wenn die ständigen Jabs für die Zuschauer nicht unbedingt brutal aussehen, richten sie großen Schaden an – insbesondere dann, wenn man nach schweren Treffern ohnehin angeschlagen ist und einen Schlag nach dem anderen kassiert. Entsprechend kamen erste Zweifel auf, ob man den Kampf nicht zum Schutz des Boxers abbrechen müsse, nachdem Soczyński bereits viermal am Boden war.

Doch der Kampf ging weiter, und die schicksalhafte siebte Runde folgte. Muslimov landete eine harte Kombination, woraufhin Soczyński angeschlagen war und ein Knie nahm. Auch hier hätte man den Kampf ohne Weiteres beenden können, doch Soczyński stand sofort wieder auf, wirkte nicht wackelig und signalisierte Entschlossenheit. Der Kampf wurde freigegeben – und kurz darauf folgte eine brutale Rechte, einer der härtesten Knockouts des Jahres. Soczyński ging schwer zu Boden und blieb regungslos liegen.

Zuschauer beginnen zu weinen – Soczyński wird bewusstlos abtransportiert

Ramazan Muslimov bangt um seinen polnischen Kontrahenten.
Foto: boxingphotos.pl

Das angeheizte Publikum hatte einen dramatischen und brutalen Kampf erlebt und feuerte den Lokalhelden ununterbrochen mit Sprechchören an. Doch als Soczyński so heftig niederging, legte sich eine bedrückende Stille über die Halle. Der polnische Boxer lag regungslos am Boden und wurde sofort medizinisch versorgt. Zahlreiche Zuschauer brachen in Tränen aus. Als Soczyński bewusstlos aus dem Ring getragen wurde, gab es emotionale Sprechchöre für den schwerverletzten Athleten.

Soczyński wurde anschließend ins Krankenhaus nach Lublin gebracht, wo ein Bruch der Augenhöhle sowie Schwellungen – vermutlich auch am Gehirn – diagnostiziert wurden. Er wurde aufgrund seiner Verletzungen in einen pharmakologischen Schlaf versetzt. Am Montag soll er aus dem Koma erwacht sein und auf erste Familienmitglieder reagiert haben, was eine erste vorsichtige Entwarnung darstellt. Sein Genesungsverlauf ist noch lange nicht abgeschlossen, zeigt jedoch eine positive Tendenz.

Boxen1 wünscht Michał Soczyński eine gute Genesung!

Nach der schweren K. o.-Niederlage einschließlich der künstlichen Beatmung und Komaversetzung entfachte in Polen rasch Kritik, ob der Kampf nicht deutlich früher hätte abgebrochen werden müssen. Im Nachgang lässt sich diese Forderung natürlich leicht stellen, und viele Boxsportfreunde sind schnell unzufrieden, wenn ein Abbruch ihrer Meinung nach „zu früh“ erfolgt. In diesem Fall hätte man Soczyński jedoch schon in der ersten Runde herausnehmen können. Auch danach folgten noch drei weitere Niederschläge, ehe der fatale Knockout geschah. Es war gewiss ein Grenzfall, bei dem man rückblickend früher hätte eingreifen sollen – was jedoch nicht geschah.

Miłosz Grabowski siegt im Duell der Prospects

Milosz Grabowski bezwingt Tobiasz Zarzeczny.
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Nach dem fatalen Hauptkampf fällt es durchaus schwer, einen Blick auf die zuvor ausgetragenen Undercard-Kämpfe zu werfen. Im Co-Mainevent stand ein empfehlenswertes nationales Prospect-Duell im Supermittelgewicht an. Miłosz Grabowski (9-0-1) traf dabei auf den ebenfalls zuvor ungeschlagenen Tobiasz Zarzeczny (7-1) – ein Duell, das bei den Buchmachern nahezu als 50/50 bewertet wurde.

Grabowski war der Aggressor, Zarzeczny suchte im Rückwärtsgang seine Akzente und boxte lang. Das gelang ihm phasenweise gut, aber insgesamt zu selten. Die höhere Aktivität entschied das Duell schließlich knapp mit 3× 58-56 zugunsten von Grabowski.

Kamil Slędak überzeugt mit vorzeitigem Sieg über Vladimir Idranyi

Kamil Slendak stoppt Vladimir Idranyi.
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Im Cruisergewicht trat Kamil Slędak (5-1) gegen Vladimir Idranyi (7-25-2) an. Ein Duell, das numerisch wenig reizvoll wirkt, doch Idranyi gilt als erfahrener Prüfstein, den man nicht ohne Weiteres stoppen kann.

Davon zeigte sich Slędak jedoch unbeeindruckt: Er deckte Idranyi von Beginn an mit präzisen und technisch sauberen Treffern ein. Früh wurde Idranyi in die Ecke gedrängt und von einem brutalen Uppercut erwischt, der ihn schwer ins Wanken brachte. Da er sich kaum noch effektiv verteidigte, ging die Ringrichterin korrekt dazwischen. Idranyi ging zwar nicht zu Boden, wackelte aber auch nach dem Abbruch sichtbar durch den Ring.

Eine beeindruckend starke Leistung von Slędak, der sich damit als interessanter Mann im Cruisergewicht empfiehlt.

Rafał Wołczecki stoppt einen unmotivierten Kim Poulsen

Kim Poulsen lässt sich in der ersten Runde auszählen gegen Rafal Wolczecki.
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Im Supermittelgewicht war zudem Rafał Wołczecki (16-0) zu sehen, der gegen Kim Poulsen (32-10) antrat. Poulsen hätte eigentlich schon eine Woche zuvor bei der Universum Boxing Night 16 gegen Edison Demaj boxen sollen, sagte dort aber kurzfristig ab und trat stattdessen nun in Polen an – offenbar wegen einer besseren Börse.

Beim Wiegen gab es bereits Ärger: Der untrainierte Poulsen wog über sechs Kilogramm zu viel. Er musste zumindest noch 1,5 kg abnehmen, blieb aber weiterhin deutlich über dem vertraglich vereinbarten Limit.

Wołczecki störte all das wenig. Er trieb den unprofessionell auftretenden Poulsen durchs Seilquadrat, bearbeitete ihn an den Ringseilen und deckte ihn mit harten Treffern ein. Poulsen verharrte in der Doppeldeckung und gab einen besseren Sandsack ab, ging zweimal zu Boden und ließ sich prompt in Runde 1 auszählen – schließlich wird er für acht Runden bezahlt. Für künftige Einsätze hat er sich mit diesem Auftritt sicher nicht empfohlen.

Aleksander Berezewski bezwingt in einem sehenswerten Kampf Kamil Urbanski

Kamil Urbanski musste einiges nehmen gegen Aleksander Berezewski.
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Zuvor gab es einen deutlich attraktiveren Kampf im Superweltergewicht. Aleksander Berezewski (11-0) wollte seine makellose Bilanz gegen den toughen Kamil Urbanski (3-3) ausbauen. Beide agierten viel in der Nahdistanz, hatten einen ähnlichen Körperbau und Boxstil. So entwickelte sich ein intensiver Infight mit hohem Tempo, in dem beide immer wieder mit Haken punkteten.

Berezewski war insgesamt etwas effektiver, doch Urbanski hatte ebenfalls starke Momente und zeigte trotz gezeichnetem Gesicht großen Einsatz. Am Ende werteten die Punktrichter 2× 78-74 und 79-73 einstimmig für Berezewski – ein Urteil, das vielleicht eine Runde zu deutlich ausfiel.

Nächster Punktsieg für Olympiateilnehmer Mateusz Bereźnicki

Mateusz Bereznicki schlägt Dmitrii Cosciug aus dem Ring.
Foto: boxingphotos.pl

Im Opener stand das Cruisergewicht Mateusz Bereźnicki (4-0) im Ring. Bereźnicki zählt zu den besten Amateuren Europas, nahm an den Olympischen Spielen in Paris teil und gilt als große Zukunftshoffnung. Gegen Dariusz Skop (6-8) litt er zuletzt unter einem zermürbenden Kampf, da Skop durchweg nur klammerte.

Nun traf Bereźnicki auf den zuvor ungeschlagenen Dmitrii Cosciug (1-1), der ebenfalls eine gute Amateurbasis hat. Es entwickelte sich sofort ein flotter Kampf, beide suchten den Vorwärtsgang und schlugen hart zu. Bereźnicki zeigte einen physischen Stil, der weniger auf saubere Technik, sondern auf Druck abzielte.

Die erste Runde war recht ausgeglichen, in Runde 2 erzielte Bereźnicki einen Niederschlag. Cosciug blieb jedoch zäh und drehte in der vierten und letzten Runde nochmals auf, da der Favorit konditionell Probleme zeigte. Insgesamt ein guter Auftaktkampf, den Bereźnicki einstimmig mit 39-36 und 2× 40-35 gewann – auch wenn das Amateurversprechen im Profibereich noch nicht vollends überzeugt.

Gesamte Veranstaltung ist kostenlos abrufbar

Die gesamte Veranstaltung, inklusive des brutalen Hauptkampfs, ist kostenlos bei TVP Sport abrufbar.

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