Krzysztof Włodarczyk stoppt Adam Balski und ist neuer Interims-WM!

Der fast 44-jährige Krzysztof Włodarczyk siegt tatsächlich um die WBC-Interimsweltmeisterschaft im Bridgerweight.

Der polnische Veteran siegt tatsächlich mit fast 44 Jahren in seiner Heimat und ist neuer WBC-Interimsweltmeister im Bridgerweight.

Boxen besitzt eine besondere Faszination – auch deshalb, weil man immer wieder mit altbekannten Namen konfrontiert wird, die man längst vergessen glaubte. Ehemals große Champions kehren nach vielen Jahren plötzlich zurück auf die große Bühne, und nicht wenige Fans staunen, dass diese Kämpfer tatsächlich noch aktiv sind. Allzu oft erlebt man diese einstigen Helden allerdings in eher tragischen Konstellationen – als Boxer, die den Absprung verpasst haben und gegen deutlich jüngere Athleten kaum noch mithalten können.

So ähnlich dürfte es einigen Beobachtern gestern in Polen ergangen sein, als der polnische Boxveteran Krzysztof Włodarczyk (66-4-1) noch einmal zu einer seiner letzten großen Schlachten antrat. Der frühere langjährige Cruisergewichts-Weltmeister blickt auf eine großartige Karriere zurück, deren Glanz allerdings schon seit rund 15 Jahren spürbar verblasst ist. Dennoch blieb „Diablo“ aktiv, zeigte sich schlagstark, stoppte in den vergangenen zwei Jahren drei seiner letzten vier Gegner vorzeitig – und hielt sich fit für den großen Moment, der sich nun in Kalisz ereignete.

Kalisz zählt zu den ältesten Städten Polens und wurde bereits um 150 n. Chr. urkundlich erwähnt – vielleicht ein gutes Omen für den Ex-Champion, der mit fast 44 Jahren noch einmal einen bedeutenden Titel erringen konnte?

Włodarczyk musste sich der Nummer 1 des WBC-Rankings stellen

Krzysztof Wlodarczyk vs. Adam Balski.

Ganz so einfach war es dann doch nicht. Kalisz wurde als Austragungsort ausgewählt, weil es die Geburtsstadt von Włodarczyks Gegner, Adam Balski (20-3), ist. Der fast zehn Jahre jüngere Landsmann rangierte auf Platz 1 des WBC-Bridgerweight-Rankings (neue Gewichtsklasse bis 101,6 kg) und war damit als Teilnehmer für diese Interimsweltmeisterschaft gesetzt.

Da beide Boxer bei derselben Promotion – KnockOut Promotions – unter Vertrag stehen, konnte man den Austragungsort intern recht unkompliziert bestimmen. Die Wahl fiel auf Kalisz nicht zufällig: Man erwartete, dass sich der jüngere Balski durchsetzen würde, zumal er als das größere Zukunftspotenzial galt – im Gegensatz zu einem fast 44-jährigen Ex-Champion.

Balski galt als Favorit – und brachte Włodarczyk in Runde 5 zu Boden

Krzysztof Wlodarczyk vs. Adam Balski

Dass Krzysztof Włodarczyk nicht mehr der Jüngste ist, konnte man ihm seit Jahren deutlich ansehen. Seine einstige Explosivität war zwar nicht vollständig verschwunden, aber spürbar gedämpft. Besonders auffällig war der Rückgang seiner Schlagfrequenz – er boxte inzwischen sehr ökonomisch. Adam Balski galt als der schnellere Mann, zeigt sich aber grundsätzlich nicht abgeneigt, in einen offenen Schlagabtausch zu gehen. Obwohl er als klarer Favorit in den Kampf ging, blieb stets das Risiko also bestehen, dass er in Włodarczyks gefürchtete Schlagkraft läuft – die bekanntlich das Letzte ist, was ein Boxer verliert.

Der Kampf begann, und Balski zeigte sich gut eingestellt. Er bewegte sich viel, überließ Włodarczyk die Ringmitte und zwang ihn so, permanent nachzusetzen. Der Veteran versuchte, Balski zu stellen, doch das gelang ihm kaum – er lief größtenteils hinterher. Wenn er dann doch zum Angriff ansetzte, konterte Balski schnell und dynamisch – seine Antworten waren alles andere als ungefährlich. So gingen die ersten Runden klar an Balski, da Włodarczyk kaum nennenswerte Treffer setzen konnte.

In der fünften Runde erfolgte das erste krachende Highlight: Balski brachte den Ex-Weltmeister mit einem linken Haken in Richtung Ohr zu Boden – Włodarczyk wirkte angeschlagen. In der Wiederholung war jedoch zu erkennen, dass dem Treffer auch ein ungewollter Kopfstoß vorausging, der in Kombination mit dem Schlag die verheerende Wirkung erzielte. Zu diesem Zeitpunkt schien es, als würde sich der 43-Jährige sang- und klanglos von der großen Bühne verabschieden.

Włodarczyk landet zwei Niederschläge und stoppt Balski sensationell in Runde 10

Krzysztof Wlodarczyk vs. Adam Balski.

Eine vorzeitige Niederlage lag in der Luft – doch Włodarczyk erholte sich erstaunlich gut vom Niederschlag und blieb im Kampf. Da es sich um einen Titelkampf über zwölf Runden handelte, musste man ihn weiterhin ernst nehmen. Er lauerte geduldig auf eine Gelegenheit, seine Schlagkraft endlich effektiv einsetzen zu können – und die kam tatsächlich noch.

Man merkte zunehmend, dass Balskis beweglicher Kampfstil Körner kostete. Zwar war er weiterhin aktiv auf den Beinen, doch Włodarczyk gelang es nun immer öfter, ihn abzuschneiden und in den Infight zu zwingen – ein Bereich, in dem er sich deutlich wohler fühlte. In der achten Runde stellte er Balski an den Seilen und schickte ihn mit einem kurzen linken Haken beeindruckend zu Boden. Ein vorzeitiger Sieg lag plötzlich in greifbarer Nähe – doch das Rundenende rettete Balski vorerst.

Viele erwarteten nun, dass Włodarczyk in Runde neun den K.o. sofort suchen würde, doch der erfahrene Veteran blieb ruhig. Er wusste, dass ihm noch vier volle Runden blieben – ein Zeichen für seinen enormen Erfahrungsschatz.

Die neunte Runde verlief ohne große Akzente – doch in der zehnten änderte sich das Bild schlagartig: Włodarczyk verwickelte Balski in einen Clinch, löste sich geschickt und feuerte anschließend einen harten linken Haken ans Kinn – Balski ging schwer zu Boden und wurde schließlich gestoppt.

Die Sensation war perfekt! Włodarczyk, der von vielen bereits abgeschrieben wurde, krönte sich im Alter von fast 44 Jahren in einem dramatischen Comeback zum WBC-Interimsweltmeister im Bridgerweight.

Włodarczyk kämpft mit den Tränen – und gesteht, dass er sich vor dem Kampf ins Krankenhaus begeben musste

Nach dem Sieg überkamen Krzysztof Wlodarczyk die Emotionen.

Da Adam Balski bis zur zehnten Runde praktisch jede Runde für sich entschieden hatte, blieb Krzysztof Włodarczyk nur ein Knockout als einzige Möglichkeit, den Titelkampf noch zu gewinnen – und genau das gelang ihm auf beeindruckende Weise. Mit einem späten, spektakulären K.o. schockte er Kalisz und krönte sich im Alter von fast 44 Jahren erneut zum WBC-Interimsweltmeister im Bridgerweight.

Im Anschluss an den Kampf überkamen den sonst so stoischen Polen die Emotionen – er kämpfte mit den Tränen. Włodarczyk gestand, dass er vor dem Kampf gesundheitlich schwer angeschlagen war. Während des Trainingslagers in Spanien litt er unter Fieber und konnte phasenweise nicht trainieren. Kurz vor dem Kampf musste er sich sogar für 24 Stunden ins Krankenhaus einweisen lassen – der Start im Titelkampf war lange ungewiss.

„Am Mittwoch bin ich im Krankenhaus gelandet, wo ich einen Tag verbracht habe. Ich wusste nicht, ob ich an diesem Kampf teilnehmen würde. Mir ging es schlecht. Ich habe die Organisatoren und meine Mutter angerufen. Ein Krankenwagen hat mich abgeholt, weil ich leicht ohnmächtig geworden bin“, gestand er unter Tränen.

Wie es nun weitergeht, ließ Włodarczyk offen. Der Titelgewinn könnte durchaus einen würdigen Abschluss seiner langen Karriere darstellen. Andererseits ist er nun offizieller Pflichtherausforderer des Südafrikaners Kevin Lerena (31-3), dem amtierenden WBC-Weltmeister im Bridgerweight. Ob er diesen Weg tatsächlich gehen wird, weiß er selbst noch nicht.

„Ich weiß wirklich nicht, was ich angesichts dieser Ereignisse weiter tun soll. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nach dem Gewinn dieses Gürtels meine sportliche Karriere nicht beenden werde und denke darüber nach. Meine engsten Angehörigen, besonders meine Mutter, nehmen das sehr mit. Ich habe meine Mutter noch nie so aufgewühlt gesehen wie in jener Nacht, als ich um Mitternacht ins Krankenhaus gebracht wurde. Gesundheit und Familie sind für mich das Wichtigste. Boxen ist ein Vergnügen.
Im Juni werden es 30 Jahre, seit ich boxe. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Sicherlich werden wir darüber nachdenken und eine Reihe von Untersuchungen machen, die zeigen sollen, wie es weitergeht.“

Der gesamte Kampfabend ist kostenlos auf TVP Sport abrufbar.

 

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