Kontroverser Punktsieg von Alexander Okafor über Elija Ülküseven

Trotz eines starken Kampfes endete der Titelkampf für Elija Ülküseven mit einer Punktniederlage.
Foto: Marco Baumann

Beim Kampf um die Deutsche Meisterschaft im Cruisergewicht kam es zu einem kontroversen Punkturteil inklusive hitziger Diskussionen.

Am gestrigen Freitag lud Ringside Zone zum großen Kampfabend in die SAP Arena in Mannheim ein. Neun hochklassige Kämpfe wurden geboten, wobei sich ein sportliches Highlight an das nächste reihte. Das zeigte sich auch daran, dass bereits die ersten Kämpfe des Abends einiges boten – darunter reichlich Gesprächsstoff.

Die hitzigsten Diskussionen entstanden zweifellos beim Kampf um die Deutsche Meisterschaft (BDB) im Cruisergewicht. Dort duellierten sich der Frankfurter Alexander Okafor (4-0) und der Heidelberger Elija Ülküseven (8-1) um den vakanten Titel. Ein mit Spannung erwartetes nationales Prospect-Duell, bei dem beide Männer ihre weiße Weste riskierten und somit etwas wagten. Genau solche Konstellationen braucht es, um packende und spannende Kämpfe zu präsentieren. Leider wurde im Nachgang jedoch einmal mehr hauptsächlich über die Punktrichter diskutiert.

Okafor beginnt stark und erzielt einen Niederschlag

Veranstalter des Abends war Ringside Zone, wo Okafor als Zugpferd aufgebaut werden soll. Dieses Potenzial wird ihm maßgeblich dadurch zugesprochen, dass er auf eine exzellente Amateurlaufbahn zurückblickt und nur knapp an der Olympianorm für Paris scheiterte. Eine Enttäuschung, die jedoch dazu führte, dass er sich fortan auf die Profilaufbahn konzentrierte.

Von Beginn an wurde Okafor bei den Profis nicht geschont. Selbst bei seinem Profidebüt, bei dem typischerweise Gegner mit zahlreichen Niederlagen vor die Fäuste gesetzt werden, musste sich Okafor im vergangenen Juli einen harten und ausgeglichenen Kampf mit Üsame Bozkurt (6-3) liefern.

Nun stand mit dem hungrigen Ülküseven bereits im vierten Profikampf die Titelchance über zehn Runden bevor. Ein erneuter Beweis dafür, wie ambitioniert man Okafor aufbaut und wie überzeugt man von den Qualitäten des eigenen Schützlings ist.

Der Kampf begann auch durchaus vielversprechend für den Frankfurter. Zwar nahm Ülküseven die Ringmitte ein und versuchte Druck zu erzeugen, doch Okafor verstand es, aus dem Rückwärtsgang heraus die präziseren Treffer zu landen. Ohnehin erkannte man die bessere Grundausbildung, seine technischen Vorträge wirkten explosiver.

Dennoch war der Kampf von Beginn an durchaus ausgeglichen, da Ülküseven enorm viel investierte und pausenlos arbeitete. In Runde drei kam es jedoch zu einer Schrecksekunde, als Ülküseven hart zu Boden musste und angeschlagen wirkte. Okafor suchte das Finish, fand es jedoch nicht, und Ülküseven überstand diese heikle Sequenz.

Nach den ersten vier Runden musste man davon ausgehen, dass Okafor den Kampf im Griff hatte – doch dies sollte sich lediglich als Momentaufnahme erweisen.

Ülküseven dreht auf und verliert dennoch

Wer nach der dritten Runde gedacht hatte, dass Okafor den Kampf nun komfortabel herunterboxen würde, irrte sich. Vom Frankfurter kam ab der Mitte des Kampfes durchgehend weniger. Immer wieder ließ er sich statisch am Seil von Ülküseven stellen und bearbeiten. Zwar gingen viele Aktionen auf die Deckung, dennoch konnte Ülküseven insbesondere zum Körper durchaus punkten und immer wieder schöne Uppercut-Serien ins Ziel bringen.

Fortan musste man Ülküseven ein klares Momentum attestieren, der mit seinem leidenschaftlichen Vortrag das Publikum auf seine Seite zog und den Favoriten vor große Schwierigkeiten stellte.

Insgesamt kam in der zweiten Kampfeshälfte viel zu wenig von Okafor, der auch konditionell Schwierigkeiten zu haben schien, sich jedoch noch durchbiss. Am Ende entwickelte sich ein packender und intensiv geführter Kampf über die volle Distanz von zehn Runden, bei dem sich Ülküseven bereits als Sieger sah.

Doch im Boxen darf man sich nie auf die Punktrichter verlassen – insbesondere dann nicht, wenn man als sogenannte B-Side in den Kampf geht und zusätzlich die Hypothek eines Niederschlags verkraften musste.

Dies bewahrheitete sich auch in diesem Beispiel, denn Okafor erhielt unter massiven Pfiffen den geteilten Punktsieg. Ein Punktrichter sah Ülküseven mit 96:93 vorne, zwei weitere hingegen Okafor jeweils mit 95:94.

Hitzige Diskussionen nach dem Urteil

Alexander Okafor siegt umstritten und ist neuer Deutscher Meister im Cruisergewicht.
Foto: Marco Baumann

Die Stimmung in Mannheim kippte, und Ülküseven war kaum zu bändigen. Wütend fluchte er durch die SAP Arena. Beide Boxer versuchten anschließend im Interview, die Situation einzuordnen, wobei Okafor ausgepfiffen wurde.

„Am Ende des Tages hat jeder eine Meinung. Ob ich gewonnen habe, ob es ein Unentschieden war oder Elija gewonnen hat“, sagte Okafor nüchtern und verwies auf die Punktrichter. „Hier sind drei Punktrichter, die diesen Kampf bewertet haben.“

Ülküseven zeigte sich deutlich emotionaler und wirkte schockiert vom Punkturteil.

„Ich habe gewonnen, ich habe ganz klar gewonnen. Ich brauche diesen Gürtel, gib mir diesen Scheißgürtel!“, erklärte Ülküseven herzzerreißend.

„Ich habe in den letzten Monaten so viel geblutet, ich habe so viel geschwitzt. Das kann doch nicht sein. Ich habe so viel geopfert, nur damit ich beschissen werde. Ich habe in jeder Runde mein Leben gegeben!“, polterte Ülküseven weiter.

Schnell kam die Frage nach einem Rematch auf.

„Wir können früher oder später gerne ein Rematch machen“, zeigte sich Okafor bereitwillig.

Für Ülküseven gab es an diesem Abend jedoch nur das Hier und Jetzt:

„Ich brauche diesen Gürtel jetzt, nicht in acht Monaten, wenn ich wieder alles links liegen lasse und opfere“, sagte Ülküseven.

Punkturteile bleiben ein ewiges Streitthema

Der Kampf zeigte einmal mehr, wie groß das Konfliktpotential rund um die Wertungen doch ist. Durch den Niederschlag in Runde drei sowie die frühen Runden zugunsten Okafors blieb der Kampf trotz des starken Finishs von Ülküseven insgesamt eng.

Dennoch sorgte das Urteil in sozialen Netzwerken und unter vielen Zuschauern für Diskussionen. Dabei sollte jedoch differenziert werden: Ein Promoter bewertet Kämpfe nicht selbst. In diesem Fall lag die Verantwortung bei den offiziellen Punktrichtern des BDB.

Der ambitionierte Aufbau von Okafor führte überhaupt erst dazu, dass er bereits früh in seiner Karriere einen derart engen und anspruchsvollen Kampf bestreiten musste. Viele andere Talente erhalten deutlich vorsichtigere Aufbaugegner, wodurch solche kontroversen Situationen kaum entstehen.

Das grundlegende Thema rund um Punkturteile bleibt dem Boxsport allerdings seit Jahrzehnten erhalten. Diskussionen über Wertungen gehören nahezu untrennbar zur Sportart. Gerade deshalb wünschen sich viele Fans mehr Transparenz und eine offenere Analyse fragwürdiger Punktkarten.

Denn eines wurde in Mannheim ebenfalls deutlich: Der deutsche Boxsport kann Zuschauer emotional begeistern. Damit diese Begeisterung langfristig erhalten bleibt, braucht es jedoch Entscheidungen, die von möglichst vielen als nachvollziehbar empfunden werden.

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