Jake Paul und das Problem fingierter Boxkämpfe

Foto: Cris Esqueda/Golden Boy

Am Samstag bezwingt Paul den Sohn einer Legende und lässt sich feiern. Anstatt einen Shitstorm zu erhalten, belohnt die WBA ihn mit einem Ranking.

Als Liebhaber des Boxsports muss man ein dickes Fell besitzen. Insbesondere der Profiboxsport wirkt zu dysfunktional, um die zahlreichen Defizite nicht beinahe täglich zu spüren. Man darf sich nichts vormachen: Mit Sport und Leistung hat der professionelle Zirkus kaum noch etwas zu tun. Es ist ein großes Geschäft, das unter dem Deckmantel des Sports abläuft. Wo Geld im Spiel ist, da lauert auch viel Potenzial für zwielichtige Machenschaften, die dem Sport schaden. Sei es Doping, profitorientierte Weltverbände, zweifelhafte Entscheidungen von Offiziellen oder rücksichtsloses und unverschämtes Matchmaking – all das gehört zur traurigen Realität. Auch Kampfabsprachen sind ein leidiges und alltägliches Thema.

Die Liste der Defizite im Profiboxen ist lang

Es gibt gute Gründe, weshalb der Boxsport beispielsweise in Deutschland medial kaum noch stattfindet und auch beim Wetten verbannt wurde. Die Anzahl abgesprochener Kämpfe ist nicht marginal oder selten – sie gehört bei kleinen Veranstaltungen oft zum Alltag. Aktive Boxer werden darüber selten offen sprechen, da dies den ohnehin schlechten Ruf des Boxsports weiter beschädigen und somit auch ihrer eigenen Karriere schaden würde.

Zumeist sind diese Kämpfe unscheinbar, doch auch auf großer Bühne lassen sich fragwürdige Vorgänge beobachten – so etwa am vergangenen Samstag beim PPV-Event in Anaheim, Kalifornien. Dem boxenden Influencer Jake Paul wird bereits seit Beginn seiner Profikarriere unterstellt, dass seine Kämpfe inszeniert seien. Für manche stand das von Anfang an fest, andere zogen es zumindest in Zweifel, da es vereinzelt auch zu brachialen Knock-outs kam, die man sich kaum freiwillig zufügen lassen würde. Was jedoch am Samstag gegen Julio Cesar Chavez Jr. zu sehen war, wirkte sehr eindeutig.

Chavez Jr. war auf dem Papier eine logische und dankbare Gegnerwahl

Jake Paul ist grundsätzlich prädestiniert dafür, in dubiosen Kämpfen zu stehen. Er bringt enormes Marktpotenzial mit, ist aber boxerisch nicht professionell ausgebildet. Durch intensives Training hat er sich zweifelsohne stark verbessert, verfügt über erstklassige Trainingsbedingungen – und gewiss auch über verbotene Hilfsmittel, die ihn körperlich noch leistungsfähiger erscheinen lassen. Die entscheidende Frage lautet: Reicht das aus, um als Quereinsteiger in wenigen Jahren gestandene Profiboxer auf faire Weise zu besiegen?

Eine durchaus berechtigte und interessante Überlegung. Nach einigen abgehalfterten MMA-Veteranen und einem beinahe 60-jährigen Mike Tyson, der phasenweise zuvor kaum mehr gehen konnte und wirkte, als würde er jeden Moment kollabieren, stellte sich Paul nun immerhin einem ehemaligen Weltmeister: Julio Cesar Chavez Jr., knapp unter 40 Jahre alt.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Chavez Jr. seine beste Zeit vor über 15 Jahren im Mittelgewicht hatte. In den letzten Jahren fiel er weniger durch sportliche Leistungen, sondern vielmehr durch Eskapaden und Drogenprobleme auf. Im Ring war er nur noch selten aktiv – und wenn, dann in miserabler Verfassung. Zudem profitierte er massiv vom Namen seines Vaters, der Boxlegende Julio Cesar Chavez Sr., was ihm Kämpfe auf großer Bühne ermöglichte. Chavez Jr. war daher ein dankbarer Gegner für Paul – und man durfte sich zu Recht fragen, ob es nicht realistisch sein könnte, dass Paul einen shoten Ex-Weltmeister wie ihn besiegt.

Paul gewinnt eine lockere Sparringseinheit – und wird von der WBA belohnt

Die Erwartungshaltung an Chavez Jr. war bereits sehr niedrig – doch selbst diese konnte er im Kampf noch unterbieten. Laut CompuBox warf der Mexikaner in den ersten drei Runden, also über neun Minuten, lediglich 14 Schläge. Davon trafen zwei Jabs und ein Powerpunch. Diese Aktivitätsrate ist derart gering, dass es fast schwieriger ist, so wenig zu schlagen, als aktiver zu sein. Angesichts der eigenen Schlagwirkung, die man im Ring ohnehin kassiert, wäre es zumindest naheliegend, gelegentlich eigene Angriffe zu versuchen – Chavez Jr. unterließ das jedoch konsequent.

Seine Intention wirkte klar: Paul durfte unter keinen Umständen verletzt werden. Als Chavez Jr. im späteren Verlauf bereits uneinholbar zurücklag, erwachte plötzlich sein Kampfwille – und er gewann sogar noch ein, zwei unbedeutende Runden. Das wirkte fast wie ein Beweis: Wenn er gewollt hätte, hätte er durchaus mehr leisten können. Er tat es nicht – mutmaßlich, weil die Niederlage im Vorfeld bereits beschlossene Sache war.

Für seine Reputation spielt das ohnehin keine Rolle mehr. Chavez Jr. gilt längst als wandelndes Meme im Boxsport – eine Figur, über die Fans spotten. Ob er am Ende seiner Karriere sechs oder sieben Niederlagen aufweist, wird ihm gleichgültig sein. Für ihn war es schlicht ein lohnendes Geschäft: eine große Börse für ein wenig Sparring. Damit kann er weiterhin seinen Lastern frönen. Für Jake Paul war es ohnehin ein Triumph.

Für den Boxsport aber ist das eine Farce – noch verstärkt durch die Ankündigung der WBA, Jake Paul nun auf Rang 14 der Cruisergewichtsrangliste zu führen. Er wird hofiert, gefeiert, promotet – denn er verspricht Geld. Und solange sich alle mitreißen lassen vom Glanz des Kommerzes, geht der Niedergang des Boxens weiter. Diese Entwicklung wird erst enden, wenn der Boxsport endgültig ausgezehrt ist. Danach zieht der Zirkus weiter – vielleicht zum MMA –, um dort die nächste fingierte Show zu inszenieren.

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2 Kommentare

  1. Mit dem Finger auf Jake Paul zeigen ist einfach! Aber die Namen betrügender deutscher boxer werden von euch einfach tot geschwiegen. Die deutsche Nr. 1 im halbschwergewicht ist mohamad mardenli. die Nr.6 ist david kerkmann. BEIDE können beide nicht einmal die elementaren dinge des boxens. aber sie „gewinnen“ und sind hoch geranked………..und keiner aus der deutschen boxszene fühlt sich bemüsigt dies mal zur sprache zu bringen! denn im verhältnis zu mardenli oder kerkmann ist jake paul die reincarnation von sugar ray robinson. und mardenli und kerkmann sind nur die spitze des eisberges. die ganze szene um den „next generation fight club“ in landau wie auch der „black wolves fight club“ in wiesbaden haben ein ganzes system für diesen betrug etabliert. Und von der „Presse“ kein wort dazu. schämt euch.

  2. Extrem unprofessionell Dinge einfach so zu behaupten wie in einer Facebook Kommentarspalte….

    „…verfügt gewiss über verbotene Hilfsmittel“? Woher wisst ihr das? Habt ihr irgendeinen halbwegs seriösen Hinweis dafür oder schreibt ihr einfach so was ihr auf Social Media lest?

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