Jahresrückblick im Supermittelgewicht mit Artur Reis

Quelle: Artur Reis

Im Jahr 2022 gab es im Supermittelgewicht aus deutscher Sicht einige Überraschungen. Der vielleicht größte Überraschungserfolg aus deutscher Sicht ist Artur Reis (9-0-0) gelungen. Ende Oktober wurde er kurzfristig als Gegner für Davide Faraci (16-2-0) angefragt. Austragungsort war Sissach in der Schweiz – also klares Heimspiel für den Italo-Schweizer Faraci. Artur Reis gelang der „Upset“, indem er seinen Gegner bereits in der ersten Runde ausknockte. Damit ist der Wolfsburger gemäß Boxrec auf Platz 2 der deutschen Rangliste – direkt hinter Felix Sturm – vorgerückt. Daher ist der 30-jährige der ideale Ansprechpartner für einen sportlichen Rückblick des Jahres im Supermittelgewicht aus seiner persönlichen, aber auch aus deutscher Sicht.

Quelle: Artur Reis

Boxen1: Befindest du dich schon im Weihnachtsurlaub oder bereitest du dich im Augenblick auf einen Kampf vor?

Artur Reis: Eigentlich hätte ich sogar gestern (am 03.12.2022) boxen sollen, aber wir haben den Kampf wegen einer kurzfristigen Anfrage aus Kroatien gestrichen. Stattdessen werde ich in 2 Wochen in Kroatien gegen Bruno Knjezevic (6-0-0) antreten. Also bin ich gerade in der Vorbereitung.

Boxen1: Du bist seit 2018 Boxprofi. Für die Fans, die dich noch nicht von früher kennen: welche Erfahrungen konntest du als Amateurboxer sammeln?

Artur Reis: Ich hatte 98 Amateurkämpfe – die 100 habe ich nicht mehr vollgemacht. Ich war mit Seelze deutscher Mannschaftsmeister. Bei der Elite war ich außerdem 2012 deutscher Vizemeister, habe damals gegen Kevin Künzel im Finale verloren. Außerdem habe ich bei den Junioren und bei der Elite viele große Namen geboxt: Serge Michel, Tyron Zeuge oder Dennis Radovan.

Boxen1: Du hast auch einige Jahre professionell Kickboxen betrieben. Wieso hast du dich letztlich für das Boxen entschieden?

Artur Reis: Beim AKBC Wolfsburg gab es Kickboxen und Boxen parallel. Mein Trainer hat mich gefragt: „Kannste kicken“. Da habe ich gesagt: „Denke schon.“ Meine erste Kickboxmeisterschaft hatte ich gleich nach einer Woche. Im Kickboxen ging es für mich sofort steil aufwärts. Bei den Profis wurde ich 3-mal Weltmeister. Bei den Amateuren war ich Vizeweltmeister. Das lief für mich aber auch lange parallel. Damals bin ich beispielsweise nur einen Tag nach der Kickbox-Weltmeisterschaft bei den deutschen Meisterschaften der Elite im Boxen angetreten. Ich hatte wenig Losglück und musste im ersten Kampf mit müden Muskeln gegen Serge Michel ran (lacht). Ich wollte eigentlich schon früher Profiboxer werden, aber die Verhandlungen mit einem Promoter zogen sich zu lange hin. Dann habe ich sogar mal 5 MMA-Kämpfe gemacht.

Boxen1: War MMA nicht dein Ding? Wie bist du wieder zum Boxen gekommen?

Artur Reis: Ich hatte im MMA schwere Verletzungen, habe mir z.B. den Ellenbogen gebrochen. Außerdem ist mir klar geworden, dass der Bodenkampf sehr umfangreich ist. Damit hätte ich einfach früher anfangen müssen. Also habe ich mich wieder voll aufs Boxen konzentriert. SES hat mich damals als Sparringspartner für Adam Deines geholt. Da konnte ich überzeugen. Dirk Dzemski hat mich, nach einigen Jahren als Sparringspartner, aufgenommen und trainiert mich jetzt. Das ist eine super Zusammenarbeit. Ich bin mega zufrieden.

Boxen1: Du warst dieses Jahr sehr aktiv. Du hast bereits 4-mal geboxt und der Kampf in Kroatien kommt in 2 Wochen noch dazu. Was waren deine Beweggründe so oft zu boxen?

Artur Reis: Mein Wunsch war es sogar 10-mal zu boxen. Aber das war auf jeden Fall ein gutes Jahr für mich. Ich konnte mich schnell in den Rankings nach oben arbeiten.

Boxen1: Dein größter Erfolg war sicher dein Sieg gegen Davide Faraci. Es ist schwer von dem Kampf Bilder zu finden. Erzähl uns also gerne, wie du den Kampf erlebt hast.

Artur Reis: Ja, die haben eine Woche nach dem Kampf alles aus dem Netz genommen (lacht). Ich kam rein als krasser Außenseiter. Ich war damals in der Weltrangliste irgendwo über 200, Faraci an Nummer 41. Außerdem ist Faraci als Halbschwergewichtler gelistet und ich als Supermittelgewichtler. Dazu kam noch der Heimvorteil für Faraci, weil wir in der Schweiz geboxt haben. Die haben mich einfach unterschätzt! In der ersten Runde habe ich mit einer der ersten Aktionen meinen rechten Cross über seine Linke drüber an sein Kinn geschlagen. Er ist zu Boden gegangen und der Ringrichter hat ihn angezählt. Als es weiterging, habe ich sofort wieder den rechten Cross ins Ziel gebracht. Das wurde aber nur als Ausrutschen gewertet. Ich habe gleich eine Serie mit Haken zum Körper nachgesetzt. War eine schnelle Nummer! Die Halle war erstmal still. Aber später kamen immer mehr Leute und haben mir gratuliert.

Boxen1: Im Supermittelgewicht gab es dieses Jahr aus deutscher Sicht ein paar spannende Kämpfe. Wir würden uns natürlich im Sinne eines Rückblicks für deine Meinung interessieren. Fangen wir an mit Felix Sturms Niederlage gegen Istvan Szili. Was ist deine Meinung dazu?

Artur Reis: Apropos: Der Istvan Szili stand sogar bei meinem Kampf gegen Davide Faraci in der Ecke. Aber sein Kampf mit Felix Sturm war eindeutig. Felix ist und bleibt eine Legende. Aber ich denke seine Zeit ist leider vorbei. Ich will nicht überheblich klingen, aber falls ich gegen ihn kämpfen würde, würde ich ihn stoppen.

Boxen1: Außerdem hat dieses Jahr Emre Cukur in Frankreich gegen Kevin Lele Sadjo um die EBU-Europameisterschaft geboxt. Leider hat er vorzeitig verloren. Hast du den Kampf gesehen? Was ist deine Meinung dazu?

Artur Reis: Ja, das habe ich mitbekommen. Da war Emre einfach nicht konditionell fit genug. Mein Tipp wäre, dass er da mal ein bisschen zulegt. Der Wille war da. Man braucht auch Mut nach Frankreich zu fahren. Es gibt auch Boxer, die den Kampf abgelehnt hätten, weil der Gegner zu stark ist. Also Hut ab an ihn und jeden, der ins Ausland für die großen Kämpfe fährt.

Boxen1: Angenommen es gäbe im kommenden Jahr ein Round-Robin Turnier mit vier deutschen Boxern aus dem Supermittelgewicht. Welche drei Boxer sollten außer dir noch dabei sein? Und wer würde gewinnen?

Artur Reis: Emre Cukur sollte mit dabei sein. Felix Sturm ist vielleicht ein bisschen zu alt… obwohl man ihn als Legende auch dazu nehmen sollte. Alexander Rigas hätte ich aus Neugier auch mit reingenommen. Der wird aktuell in seiner Region so gehyped. Also würde mich interessieren, was der so kann. Aber ehrlicherweise bin ich im Augenblick der stärkste Supermittelgewichtler in Deutschland und würde folglich auch ein solches Turnier gewinnen.

Boxen1: Lass uns abschließend über deine Pläne für 2023 sprechen. Was nimmst du dir vor? Was sind deine Ziele?

Artur Reis: Ich würde gerne 4 mal im kommenden Jahr boxen. Ich hoffe auch auf einen Titelkampf. Toll wäre, wenn jetzt ein Angebot für einen großen Kampf im Ausland reinkäme. Mein Ranking gibt das her. Ein Kampf in Amerika oder in England wären ein Traum. Ich bin jedenfalls immer im Training und bereit.

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