
Istvan Szili ist mittlerweile ein wertgeschätzter Trainer und betreut zahlreiche Schützlinge, darunter Altin Zogaj. Im Boxen1-Interview gibt er Einblicke in die Trainerwelt.
Der gebürtige Ungar Istvan Szili galt viele Jahre als hervorragender Boxer in Europa. Das Mittelgewicht stand in zahlreichen großen Kämpfen und begeisterte 2022 das Publikum bei seinem letzten Kampf in Deutschland, in dem er Felix Sturm verdient bezwang. Ein IBO-Titelkampf sollte daraufhin folgen, kam jedoch nicht mehr zustande.
Szili beendete anschließend geräuschlos seine aktive Karriere und konzentrierte sich fortan auf eine Trainerlaufbahn. In seiner neuen Heimat betreibt er gemeinsam mit seiner Frau das Boxing Palace Basel und hat sich dort innerhalb weniger Jahre einen großen Namen gemacht. Zahlreiche talentierte Boxer arbeiten mit Szili zusammen, darunter auch das Stuttgarter Halbschwergewicht Altin Zogaj, der am Donnerstag einen großen Kampf in Kanada bestreiten wird. Im Vorfeld dieses Kampfes bekam Boxen1 die Gelegenheit, mit Szili, der sich aktuell in Montréal befindet, ein ausführliches Interview zu führen.
Was zeichnet einen guten Trainer aus, was hat sich in den letzten Jahren im Profiboxen verändert und welche Ziele verfolgt er langfristig?
Das Boxen1-Interview mit Istvan Szili
Boxen1: Hallo Istvan, du befindest dich aktuell in Kanada, wo du Altin Zogaj coachst. Wie ist es dort?
Istvan Szili: Hallo, grüß dich. Bis jetzt ist alles gut gelaufen. Wir hatten eine Flugverspätung von vier Stunden, aber trotzdem sind wir gestern Abend gut angekommen. Altin hat gestern ein kleines Training gemacht und heute hatten wir bereits ein Pressetraining. Wir sind sehr positiv gestimmt für den Kampf.
Der Kampf findet in Montréal, Kanada, statt. Wie ist es dort, wie war das Pressetraining?
Ja, wir waren jetzt bei Eye of the Tiger im Gym und dort haben wir ein Pressetraining gemacht. Da waren die Boxer auch, Ünal und andere Hauptkämpfer wie Ramirez. Es ist alles gut gelaufen und wir sind auch extrem begeistert von dem Kampf. Das wird nicht so einfach, wie alle denken.
Du warst bis vor ein paar Jahren selbst noch ein starker Boxer. War es für dich schon immer klar, eines Tages Trainer zu werden?
Also ich muss sagen, in meiner ganzen Karriere habe ich schon gedacht, dass ich nach meinem Karriereende unbedingt als Trainer arbeiten will. Dann bin ich auf die Idee gekommen, während meiner Karriere ein eigenes Gym aufzumachen. Das war in Basel, damals in der Boxakademie. Das hat zwei Jahre lang gut funktioniert, aber dort hatten wir dann einen Brandfall. Nach meinem letzten Kampf habe ich gesagt, komm, starten wir noch einmal und regeln es familiär. Zusammen mit meiner Frau haben wir vor zwei Jahren den Boxing Palace Basel aufgemacht. Dort arbeite ich mit meinen Amateuren und den Profis.
Und welche Profiboxer betreust du momentan?
Ich habe einen aus Frankreich, Nurali Erdogan, der ist bei 66 Kilo. Zudem habe ich den Junioren-Weltmeister Eris Bajra, auch bei 66 Kilo. Neu dazugekommen ist Drilon Rama, ein Mittelgewicht mit 72 Kilo. Dann habe ich noch Altin und Umut Camkiran, ein Superschwergewichtler. Also momentan sind das viele.
Ich habe meine Karriere mit einem schönen Sieg beendet

Foto: Torsten Helmke
Als aktiver Boxer hast du in deinem letzten Kampf Felix Sturm bezwungen, was vermutlich dein bester Sieg gewesen ist. Weshalb kam danach kein Kampf mehr?
Ja, jeder sagt, das war mein bester Kampf. Aber ich denke, ich habe bei den Amateuren und Profis schon bessere Kämpfe geliefert. Leider kam dieser Sieg sehr spät in meiner Karriere und ich habe mir von Anfang an gesagt, dass ich nur bis 40 boxen möchte. Dann habe ich den Kampf gewonnen und hatte die Option, um den Weltmeisterschaftstitel zu boxen. Leider gab es vertragliche Probleme und ich habe mir gesagt, dass ich aufhöre. Ich habe meine Karriere mit einem schönen Sieg beendet und danach nur noch als Trainer gearbeitet.
Das ist aber schon etwas schade, weil es hieß, dass du um den IBO-Titel gegen Lerrone Richards hättest kämpfen sollen, der zufälligerweise am Donnerstag den Hauptkampf bestreitet.
Genau, wie klein die Welt ist. Jetzt habe ich ihn getroffen, wir haben uns kennengelernt und er hat gelacht – ich habe auch gelacht. Das ist Sport. Aber jetzt, nach drei Jahren, sage ich: Alles im Leben hat einen Grund. Ich bin glücklich mit meinen Jungs. Eris ist Junioren-Weltmeister, Umut boxt bald wahrscheinlich auch um die Weltmeisterschaft und jetzt bin ich hier mit Altin, wo es auch um einen Titel geht. Ich bin wirklich glücklich darüber.
Du sprichst Altin an, der vor seinem größten Kampf in seiner bisherigen Karriere steht. Was zeichnet Altin als Boxer aus?
Er ist auf jeden Fall sehr, sehr ehrgeizig. Das hätte ich selbst nie gedacht, dass er so viel macht. Ich kenne ihn schon als Teamkollegen, wir waren damals bei Conny Mittermeier. Er war auch damals immer fleißig, aber ich muss schon sagen: Das letzte halbe Jahr, das wir zusammen gearbeitet haben – und was er bei Sepp Maurer mitgemacht hat –, da muss ich wirklich meinen Hut ziehen.
Er ist gerade in einer sehr starken Form. Wir haben die letzten zweieinhalb Monate extrem hart trainiert und Stück für Stück hat er sich verbessert. Seine Werte sind auch bombe geworden. Wir sind sehr, sehr optimistisch für den Kampf.
Ihr habt eine lange Vorbereitung absolviert. Wo lag dabei der Schwerpunkt, woran habt ihr besonders intensiv gearbeitet?
Also erst mal mussten wir sein Gewicht realisieren und das hat er bei Sepp Maurer gemacht, als er im Bayerischen Wald war, so wie damals ich auch. Dort hat er vier Wochen trainiert und die restlichen sechs Wochen war er bei mir in Basel.
Ich wollte ein bisschen mehr Lockerheit in sein Boxen bringen und mit mehr Frequenz arbeiten. Nicht diese typische deutsche Schule mit Jab, Jab und Eins, Zwei – wir wollten mehr reinbringen, Serien schlagen und seine rechte Hand verbessern. Das ist, denke ich, in der kurzen Zeit gut gelungen.
Die Physis wird sicherlich entscheidend für den Kampf sein. Da ist Altin nun bestens aufgestellt, oder?
Ja, auf jeden Fall. Wenn man Altin anschaut und das mit vor einem Jahr vergleicht, das ist ein ganz anderer Mensch. Er hat früher nie auf Ernährung geachtet. Wir wollten viele neue Sachen ins Training einbauen, die er vorher so nicht gemacht hat. Ich hatte aber auch Glück, dass ich mit Altin einen sehr guten Athleten von Conny bekommen habe, das muss man schon sagen. Conny ist einer der besten Trainer in Deutschland und ich bin froh, so jemanden wie Altin bekommen zu haben.
Du sprichst Conny Mittermeier an. Was konntest du früher von Conny abschauen, was dich heute als Trainer voranbringt?
Ich habe wirklich Glück gehabt, dass ich mit Conny trainieren durfte, weil er ein einzigartiger Trainer ist. Er hat seinen ganz eigenen Stil, nicht wie die meisten anderen Trainer, und das habe ich übernommen. Mit der Zeit wurde auch das ein oder andere reformiert. Es gibt eine neue Generation, das wird später mit mir auch so sein. Viele, die bei mir boxen, werden später selbst Trainer sein.
Es verändert sich viel mit der Zeit, das wird immer besser. Neue Trainingsmethoden und so weiter. Die Basics bleiben natürlich dieselben, aber jüngere Trainer probieren immer neue Sachen. Ich selbst probiere auch viel aus – nicht nur für diesen Kampf, sondern schon die letzten zwei, drei Jahre. Das habe ich kombiniert mit dem, was ich von Conny mitgebracht habe.
Man muss sich als Trainer wohl auch immer weiterentwickeln. Wo siehst du momentan das größte Entwicklungspotenzial?
Heutzutage sind die neuen Boxer extrem beweglich, ganz anders als noch vor zehn Jahren, das muss man ehrlich sagen. Früher hatte ein Boxer nur einen Boxtrainer, heute gibt es Konditionstrainer, Athletiktrainer und mehr. Meine Philosophie ist es, als Team zu denken. Deshalb gibt es neben mir auch andere Trainer, wir sprechen sehr viel miteinander, analysieren gemeinsam, was wir verbessern können, und arbeiten so zusammen.
Du bist noch nicht lange inaktiv und vergleichsweise ein junger Trainer. Glaubst du, dass du dadurch vielleicht einen gewissen Vorteil hast, weil du das Kampfgeschäft noch mehr fühlst?
Mein Vorteil und mein Charakter ist, dass ich sehr kreativ bin. Ich probiere immer viele Sachen aus. Ich habe keine Angst, neue Dinge auszuprobieren.
Viele der neuen Sachen probiere ich wirklich selbst aus, weil ich noch fit bin. Mir ist es wichtig, konditionell alle sehr stark zu machen. Als ich Profi- oder Amateurboxer war, war mein Vorteil immer, psychisch und konditionell stark zu sein. Daran arbeite ich viel mit meinen Leuten.
Wenn du zurückblickst, Istvan, welche Trainer waren für dich ganz entscheidend? War das vielleicht noch jemand aus deiner ungarischen Amateurzeit?
Ja, ich habe zehn Jahre in der ungarischen Nationalmannschaft geboxt und 2008 habe ich es nicht geschafft, mich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Danach bin ich nach Deutschland gegangen. Erst einmal zu Universum für eine Zeit, dann kam 2009 die Wirtschaftskrise. Danach war ich bei Sauerland und später bin ich mit Conny Mittermeier in die Schweiz gegangen und bin seitdem auch dort geblieben.
Es war keine so gute Zeit. Nach 2005 ging es im deutschen Boxsport ein bisschen bergab, sogar bei den Profis. Universum ist kaputtgegangen, dann Sauerland auch, es war keine tolle Zeit. Jetzt ist es auch nicht viel besser, aber die Jugendlichen haben mehr Möglichkeiten, als wir sie damals hatten. Früher brauchte man mindestens eine Medaille bei der Europameisterschaft, der Olympiade und so weiter. Heute reicht es, wenn du ein ganz gutes Netzwerk hast. Social Media – vieles hat sich geändert.
Verfolgst du die ungarische Boxszene eigentlich noch aktiv? Zuletzt machte Hell Boxing Kings ja große Schlagzeilen.
Wir haben viele gute Amateure, aber bei den Profis kommen wir nicht weiter, weil große Sponsoren fehlen, wie Hell Boxing Kings. Aber was ich gehört habe, sind sie nun auch ausgestiegen. Das kostet alles sehr viel Geld, das weißt du selbst.
Momentan kämpfen wir auch in Ungarn darum, wieder erfolgreich zu sein. Wir sind auf einem guten Weg, aber wir brauchen Zeit – mindestens zehn Jahre. Bis wir wieder eine olympische Medaille holen, wieder gute Sponsoren gewinnen und Sportler für eine neue Generation haben. Wichtig sind auch Erfolge auf Social Media, die wir aktuell nicht haben.
Hell Boxing Kings ist im Social-Media-Bereich ja schon sehr stark. Was wäre, wenn sie dich für ein Comeback noch einmal anfragen würden?
Nein, auf keinen Fall! *lacht Wenn es eine Charity-Veranstaltung ist, dann sehr gerne, weil ich sehr viel für arme Tiere spende. Das würde ich machen, aber kein richtiges Comeback. Meine Meinung ist: Wenn man einmal richtig aufgehört hat, dann kann man nicht mehr zurückkommen.
Das hat die Zeit schon oft gezeigt. Du musst immer dranbleiben und arbeiten, aber wenn du einmal eine große Pause von zwei bis drei Jahren machst, dann kannst du nicht zurückkommen. Und die Gesundheit geht immer vor.
Wir sprachen viel über Ungarn, du bist aber in der Schweiz aktiv. Wie ist das Boxen in der Schweiz? Mit Ramadan Hiseni gibt es ja aktuell einen Boxer, der international gut mithalten kann.
Als ich vor 15 Jahren in die Schweiz kam, waren wir weit entfernt vom internationalen Bereich, sowohl amateur- als auch profimäßig. Jetzt muss ich sagen, dass wir uns wirklich gut entwickelt haben. Es gibt viele Ausländer – Türken, Albaner –, die richtig trainieren und Fortschritte machen. Es gibt auch eine neue Generation an Trainern, die erfolgreiche neue Boxer formen.
Wir brauchen aber auch noch Zeit. Bei uns ist das Problem, dass alle Profi- oder Amateursportler nebenbei noch acht bis zehn Stunden arbeiten. So ist es sehr schwer. Hätten wir mehr Erfolg, dann kämen auch die Sponsoren und man müsste weniger arbeiten und hätte mehr Zeit, sich sportlich zu verbessern.
Glaubst du, dass man im Profiboxen wirklich erfolgreich sein kann, wenn man nicht Vollzeitboxer ist?
Das ist schwer zu sagen. Ich habe vorher Altin noch gesagt, dass ich damals, vor 30 Jahren, als ich angefangen habe zu boxen, ein halbes Jahr nur Beinarbeit trainiert habe. Heute lernen die Leute viel schneller. Es braucht nicht unbedingt einen Olympiasieger, um ein guter Profi zu werden. Die Masse ist auch nicht mehr so stark wie früher. Aber man muss auch Glück haben. Das Wichtigste, was ein Sportler braucht, ist meiner Meinung nach Glück.
Man spricht immer von Ehrgeiz und Talent im Sport, du siehst aber den Glücksfaktor noch wichtiger?
Ja, der Glücksfaktor ist das Wichtigste. Du kannst das beste Talent sein, es bringt nichts, wenn du keine Chance bekommst. Heute kannst du sehr talentiert sein, aber wenn du auf Social Media nicht gut aufgestellt bist, bekommst du schnell keine Chance.
Hell Boxing Kings zum Beispiel: Wir haben Boxer wie Balázs Bacskai, der Europameister war und Olympiateilnehmer. Den Hauptkampf hat aber ein Sänger gemacht, weil er auf Social Media die meisten Zuschauer gebracht hat. Heute ist das alles einfach anders als früher.
Mein Wunsch ist es, in den nächsten zehn Jahren ein eigenes Tierheim in Ungarn aufzubauen

Wir sprachen viel über das Boxen. Was ist dir abseits davon wichtig, Istvan?
Ich bin noch altmodisch. Für mich ist Pünktlichkeit sehr, sehr wichtig. Man muss korrekt sein. Heute ist das leider nicht mehr so. Ich rede sehr viel mit meinen Sportlern, war selbst vor drei Jahren noch aktiver Sportler. Heute sind sie aber nicht mehr so wie früher. Damals war ich loyal. Heute sind die Sportler nicht mehr so, sogar die Menschen. Alles ist sehr kurzfristig geworden, viele kommen und gehen.
Für mich ist es aber sehr wichtig, dass man loyal ist und pünktlich erscheint. Und man darf niemals jemanden anlügen, das zerstört den menschlichen Kontakt.
Du meintest zuvor, dass du einen Charity-Kampf für Tiere bestreiten würdest. Hunde liegen dir sehr am Herzen, oder?
Pass auf, ich erzähle dir was. Ich habe sehr viel darüber nachgedacht, was ich neben meiner Karriere in Zukunft noch machen kann. Mein Wunsch ist es, in den nächsten zehn Jahren ein eigenes Tierheim in Ungarn aufzubauen. Das ist mein Ziel. Neben dem Boxen noch mit Tieren zu arbeiten.
Das ist sicherlich ein schönes Ziel. Abschließende Frage, Istvan: Warum sollte am Donnerstag kein Boxsportfreund den Kampf von Altin Zogaj verpassen?
Weil dieser Kampf sehr interessant ist. Es wird ein sehr, sehr harter Kampf, wirklich. Wir boxen auswärts und wollen zeigen, dass wir das können. Jeder Sportler muss verstehen, dass man nicht immer zu Hause boxen kann. Wir müssen zeigen, dass man selbst mit einer Tüte auf einen anderen Kontinent gehen kann und den Kampf gewinnt.
Altin Zogaj boxt am Donnerstag in Montreal

Der große Kampf von Altin Zogaj im Casino Montreal findet am Donnerstag bei einer Veranstaltung von Eye of the Tiger statt. Er trifft dort auf den türkischen Olympiateilnehmer Mehmet Ünal, der als furioser Volumepuncher bekannt und berüchtigt ist. Im Main-Event des Abends wird ebenfalls im Halbschwergewicht Albert Ramirez (22-0) kämpfen, der gegen Lerrone Richards (19-1) um die WBA-Interimsweltmeisterschaft boxt.
Die Veranstaltung beginnt in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um 0:30 Uhr europäischer Zeit. Der Kampf von Zogaj wird gegen 2 Uhr erwartet. Der Streamingdienst Punchinggrace.com wird weltweit im kostspieligen Quartalsabo für 58 US-Dollar auf Sendung sein.
Alternativ sei erwähnt, dass die Sender TVA Sports 2, Fox Sports Brasil und ESPN Lateinamerika ebenfalls übertragen.
𝗦𝗢𝗠𝗘𝗢𝗡𝗘’𝗦 0️⃣ 𝗛𝗔𝗦 𝗚𝗢𝗧 𝗧𝗢 𝗚𝗢!
Mehmet Unal (14-0) affronte Altin Zogaj (17-0) jeudi soir! Qui conservera sa fiche parfaite? Don’t blink!
(📺https://t.co/82DfaKfbHW)#NousCombattonsEnsemble | #EottmArmy pic.twitter.com/AUlyfLiCp6
— Eye of the Tiger (@eottm_boxing) February 3, 2026














