IBA-Event Istanbul: Stars, Szenen & Storys vom Klassentreffen

Unvermittelt legt jemand seinen Arm um mich und greift mich kumpelhaft an der Schulter an. Ich stehe mit dem Rücken zur Situation mit Blick auf das goldene Horn in Istanbul und spüre nur einen festen Griff und drehe mich zuckend um. „You know your Shit“, flachst David Haye. Natürlich umarmt mich David Haye – was sonst?

Zuvor haben wir uns ein paar Minuten über alles Mögliche unterhalten. Wie das damals war bei seinem Retirement-Match, das ich kommentieren durfte. Derek Chisora stand ein paar Meter weiter. Mit ihm wollte Haye aber „lieber nicht unbedingt reden, heute“, sagte er schelmisch. Es gäbe da „eine Geschichte“. Wir sprechen über die Klitschkos, dass ich damals mit meinem Bruder in Hamburg war, obwohl wir uns kaum ein Hotelzimmer leisten konnten. Er liebt es. Und wir sprechen über Agit Kabayel, der allgegenwärtig war, obwohl er nicht da war.

Ich erinnere, dass er Agit nach seinem Kampf gegen Chisora eine große Zukunft prognostizierte. Weil ich mich erinnere, freut sich Haye und fragt meinen Begleiter wer ich sei und was ich mache. Er sagte es ihm und Haye war „all in“. Wir vereinbaren ein Interview für DAZN für den nächsten Tag. Der „Haymaker“ – und ich soll ihn damit zitieren -, „garantiert“, dass Kabayel einmal Weltmeister würde.

Istanbul ist am Pool

Dienstagabend in Istanbul. Kurz vor dem Sonnenuntergang an einem Infinity Pool. Wir sprechen an diesem Abend nicht nur David Haye. Wir treffen Johnny Nelson, der unbedingt wissen wollte, was Henry Maske so macht. Er erkundigt sich nach Bernd Bönte, als er hört, wir arbeiten für DAZN. Jeder trägt mir Grüße auf für Bernd, der weiterhin schwer geschätzt wird in der Boxwelt. Gareth A. Davies erzählte mir fünf Minuten, welch toller Kollege Bernd sei. „Oh, I know“, sage ich ihm bestätigend. Wir sprechen mit Derek Chisora, mit Roy Jones Jr. über Slawa Spomer. Daniel Jacobs erzählte bestens gelaunt ausgedehnt von seinem Fight gegen Canelo.

Johnny Nelson und Uli Hebel

Der Weltboxverband IBA – ich weiß, sehr umstritten – lud mitten in der türkischen Metropole zu einer Art Klassentreffen der Boxwelt. Als ich die Einladung zur Pressekonferenz für die Türkei bekam, wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Man sagte mir, einige der größten Namen im Boxen seien anwesend. Und das Ganze ginge ca. zwei Tage. Das war, was ich wusste. Auf meine Nachfrage, ob ich Interviews für DAZN machen dürfe, antwortete man mir knapp: „Natürlich.“ Also fragte ich unseren Live-Producer, Daniel Kerst, ob er mich mit einer Kamera begleiten könne. Daniel kümmert sich bei DAZN um jeden großen Boxkampf als mein Chef und Leiter der Sendung. Unsere Idee: Interviews sammeln für den großen Fight am 19. Juli – bei uns!

Der Kampf ist natürlich Thema Nummer Eins bei jedem Frühstück. An jedem Tisch. Wer gewinnt? Warum? Es bricht eine Diskussion los. David Haye ist sich sicher, Dubois dürfe keineswegs wieder versuchen mitzuboxen. Nelson und alle anwesenden Engländer hoffen fast, dass Dubois seine Physis nutzen kann. Zutrauen mag es ihm kaum jemand so richtig. Aber ihr Herz ist mit Dubois. Es ist jedem anzumerken.

Gleich soll das offizielle Wiegen für den für Mittwoch geplanten Kampfabend stattfinden. Deshalb sind die, die Dienstag schon angereist sind, draußen an der Meerbühne, die eigens aufgebaut wurde. Mit den letzten Sonnenstrahlen werden die Zahlen genommen und verlautbart. Ich treffe sogar den deutschen Promoter Alex Petkovic wieder, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen haben.

Als ich mich mit Daniel am nächsten Vormittag zum Frühstück verabrede, bin ich schon fünf Minuten eher in der Lobby. Viel Hektik. Super viele Selfies während ich noch nicht einmal erkenne, wer gerade bildlich festgehalten wird. Nach einigen Minuten sind die Fotos geknipst und ich erkenne: Terence Crawford ist hier. Und mit ihm das zweite dominierende Thema der Woche. Sein Fight gegen Saul Alvarez im September. Daniel und ich vereinbaren auch mit ihm, später ein Interview aufzuzeichnen.

Tyson Fury: kontrolliertes Chaos

Die nächste Traube bildet sich noch vor dem Frühstück. Trainer, Athleten und vor allen Dingen viele, viele Kameras umringen den Mann, dessen Anwesenheit alles dominierte – dafür sorgte er schon. Tyson Fury war im Hotel. Und offenbar schon trainieren. Verschwitzt kam er aus dem Stock des Gym-Bereiches. Bei ihm sein Manager, Spencer Brown. Fury sagt mal dies, mal das. Mal kommt er zurück, mal nicht – je nachdem, wer gerade fragt. Brown flucht. Er hatte wohl eine andere Strategie. Auch wir wollen Tyson Fury. Für DAZN. On Camera. Als er unser Logo sieht, winkt er ab.

Tyson Fury / Foto: Daniel Kerst

Er ließ uns weniger diplomatisch wissen, dass er nicht so glücklich mit dem Kommentar bei DAZN war. Ich sage ihm, wir seien aus Deutschland. Er überlegt nochmal. Spencer Brown zwinkert uns nur kurz zu. Wir würden später noch einmal ansetzen. Und – Spoiler – erfolglos bleiben. Fury beleidigt uns lächelnd und klatscht dann kollegial ab. Er findet uns cool und wolle sowieso bald in Deutschland boxen. Er scheint willkürlich hin und her zu entscheiden. Über Agit würde er reden wollen. Dann doch nicht. Das respektieren wir. Spencer zwinkert wieder und die Entourage zieht weiter zu einem Dokudreh.

Auf der Pressekonferenz am Mittwochmittag enthüllt die IBA allerlei. Umar Kremlev, der Präsident, leitet die „Golden Generation“ ein. Neue Gyms werden gebaut, der Sport gefördert und befördert, ein Videospiel und eine Fitnessstudio-Kollektion wurden vorgestellt. (Natürlich präsentiert von Naomi Campbell, die uns später am Mikrofon von ihrer Leidenschaft für das Boxen berichtet).

Mit ihm auf der Bühne: Rasheda Ali, Tochter von Muhammad Ali, die rührend von Atlanta 1996 erzählt, als ihr lange abgetauchter „Daddy“ wie sie ihn nennt, auch für die fernsehende Tochter überraschend das Olympische Feuer entzündet. Bud Crawford kommt kaum zu Wort, dafür ganz viel Tyson Fury, der einmal mehr sein Comeback andeutete. Fury wollte nicht nur auf der Bühne sitzen. Er wollte seine eigene haben. Wir stehen in der Zeit neben Spencer Brown. Brown flucht wieder und muss dann nur noch telefonieren. Er zeigt uns sein Handy. Niemand, der nicht anrief.

Gareth A. Davies versucht noch in der PK sein Glück bei Fury selbst. Und wird abgebügelt. Später, beim Abenddinner im hotelnahen Restaurant sehe ich – wie die ganze Welt auch -, dass Turki Alalshik twittert, Fury habe ihm für 2026 ein Comeback zugesagt. Messer und Gabel zur Seite. Wir entscheiden, gerade keine Privatperson zu sein, sondern Journalisten. Daniel dringt zu Spencer Brown durch. Spencer hat das Handy weggelegt, zeigt uns, wem er gerade nicht antwortet. Die Liste mit Anrufen in Abwesenheit ist albern prominent. Daniel sagt er, was zu sagen ist. Wir dürfen das auch vermelden – alles „cool“, lässt er uns wissen.

Live-Boxen als Nachmittagssnack

Vor dem Dinner gab es eine Live-Boxveranstaltung im benachbarten Ballroom. Pünktlich zu Beginn tauchen Crawford und Nico Ali Walsh auf, nehmen sofort in der ersten Reihe Platz. Bei Ihnen ist „Big Baby“ Miller, der später gut gelaunt mit Crawford im Medienbereich der Veranstaltung zügellos ein Wrestlingmatch nachstellte – und gleich mehrere Leute damit rammten. Carl Froch, der Geburtstag hatte, war inzwischen ebenfalls da. Gemeinsam mit Barry Jones und Liam Smith analysiert er gestikulierend alles. Conor Benn hat keine Zeit. Er macht „Media“ ruft er ihnen grinsend zu. Sergey Kovalev bevorzugt es zu stehen. Hier und da macht er ein Bild mit jemandem– lehnt aber meistens ab.

Die ca. dreistündige Fight-Night endet mit einem krachenden KO. Jazza Dickens gewinnt in Runde vier deutlich und beherzt gegen Albert Batyrgaziev. Die abgezocktesten Profis jubeln.Draußen werden dann wieder Interviews gegeben und Selfies geschossen. Die Veranstaltung war für Zuschauer geöffnet und so kamen neue Fans dazu. Gleich würden sich die Geladenen beim Essen nochmal treffen. Und später schlafen. Den Gesichtern am Donnerstagmorgen zu Folge ist das nicht allen gelungen.

Inzwischen haben sich die Gäste der verschiedenen Herkünfte und Professionen getroffen. Man kennt sich. Vom Sehen her. Vom Sprechen. Wir lernen Joe kennen am ersten Abend. Er hörte, dass wir über Politik sprechen. Ilya Mohini, Mitarbeiter des europäischen Parlaments, war mit uns am Tisch.

Joe setzte sich zu uns. Er arbeitet für „Boxrec“. Seine Chefin sei auch hier. Sie spreche deutsch. Da ist Dr. Marina Sheppard schon. Sie freut sich, ein deutsches Wort zu hören. Ich frage sie, soviel ich kann, ohne dass es unhöflich ist. Ich habe mir noch nie Gedanken gemacht, wer wie „Boxrec“ programmiert. Marina fragt mich, was ich verbessern würde, wenn ich könnte. Ich will irgendwas Kluges sagen. Das ist meine Chance. Was brauchen Journalisten und Fans? Ich schüttle mir aus dem Ärmel, dass eine Notizmöglichkeit für mich gut wäre. Marina findet das interessant. Joe solle das mal durchdenken – es ist sein Bereich. Donnerstagmorgen frühstücke ich mit Joe. Alles ist bereits in Auftrag. So laufe das bei Ihnen. „That´s the spirit“, sage ich beeindruckt.

Final Rounds

Uli Hebel mit Rolly Romero und DAZN-Kollege Daniel Kerst / Foto: privat

In der Lobby ist wie immer viel los. Abreisetag. Shannon Briggs wirkt manchmal so, als wüsste er nicht, wo er gerade ist. Immer wenn er uns sieht, lachte er und schreit uns entgegen: „Ich lieben Deutschländ“. Rolly Romero und er scherzen wie schon die vorherigen zwei Tage miteinander. Rolly sehe ich nach meiner Ankunft im Hotel als erstes. Ich wusste noch nicht, wer wirklich da sein würde. Das war übrigens der Moment, in dem wir klar wurde: Das werden surreale Tage! Unscheinbar steht er in der Lobby schaut auf sein Handy. Er trägt dunkelgraue Sporthorts, ein weißes Shirt und Kunststoffpantoffeln.

„Da ist Romero“, sage ich zu Daniel. Wir gehen zu ihm; er freut sich sichtlich. Ich berichte, dass ich gemeinsam mit meinem Experten, Andreas Selak, Samstagnacht auf Sendung noch gerätselt hatte, gegen wen er als nächstes kämpfen müsste. Er war sofort dabei bei der Diskussion, beteuerte immer wieder: Er wisse es wirklich nicht. Aber er boxe jeden! Andreas habe ich während der ganzen Zeit einfach nur Bilder geschickt. Der gehört hier hin, waren wir uns einig.

Langsam enden für uns zweieinhalb intensive Tage, die sich ausschließlich um den Boxsport drehten. Viele neue Telefonnummern, Eindrücke, einigen Interviews und so viele Diskussionen später endet der entspannte Szenenkongress. Jetzt kommt auch nochmal Tyson Fury. Er war wieder trainieren – wir wissen ja, wofür. Inzwischen gibt es online stündlich Wasserstände zum aktuellen Stadium. Er zwinkert Daniel noch mal zu, Spencer schickt ein „We keep in touch“ hinterher. Nächste Woche solle ich alles zu Kabayels nächstem Fight klären. Zweieinhalb Tage in Istanbul, an die wir vielleicht noch in Jahren erinnern werden. Fury erklärt sein Re-Retirement und ein ehemaliger Weltmeister zweier Klassen prognostiziert einen deutschen Weltmeister im Schwergewicht.

Uli Hebel und David Haye / Foto: privat

Da ist er auch schon wieder: David Haye. Daumen hoch für meine Sonnenbrille, die ich schon aufhabe für die Abfahrt. Er trägt seine sowieso pausenlos. Er schlägt nochmal ein, hält meine Hand für Sekunden so fest, dass ich denke, er will sie würgen und geht dann winkend zu seinem Flughafenbringdienst. So wie wir.

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