
© Torsten Helmke
Der Deutsch-Türke fordert den IBF-Weltmeister im Cruisergewicht am Samstag heraus. Zuvor sprach er mit Boxen1 über seine Leidenschaft.
Am Samstag findet in Gold Coast, Australien, ein großes Boxevent statt. Im Mittelpunkt steht dabei ein Deutsch-Türke, der seinen Traum lebt: die Rede ist vom IBF-Pflichtherausforderer Hüseyin Cinkara (23-0), der mit 40 Jahren seinen WM-Traum verwirklichen möchte. Seit 29 Jahren boxt der in Speyer, Rheinland-Pfalz, geborene Athlet bereits. Seit etlichen Jahren wird ihm vorgehalten, dass er eigentlich schon „zu alt“ sei. Cinkara aber hörte nie auf seine Kritiker, arbeitete intensiv an sich – und möchte nun am Samstag die Welt mit einem großen Upset schocken!
Unmittelbar vor dem Kampf gab er Boxen1 ein Interview und schilderte, was dieses Duell so besonders macht und weshalb kein Boxsportfreund es verpassen darf.
Das Boxen1-Interview mit Hüysein Cinkara
Boxen1: Hallo, Hüysein. Am Samstag steht der große Weltmeisterschaftskampf an. Wie fühlst du dich?
Hüysein Cinkara: Danke, ich fühle mich sehr gut und bin motiviert.
Du hast schon einige Kämpfe bestritten, blickst auf Erfahrung zurück. Fühlt sich dieser Kampf für dich aber nochmal anders an, oder unterscheidet sich das nicht?
Nein, eigentlich gar nicht. Viele haben Bedenken wegen dem Gegner, auch wegen dem Auswärtskampf, weit von zuhause weg – ehrlich gesagt spielt das für mich alles keine Rolle. Wir haben uns sehr gut vorbereitet. Opetaia ist einer der besten, aber das macht für mich nichts aus.
Du sprichst den Auswärtskampf in Australien an. Wie fühlt sich das dort für dich an? Es ist ja auch eine neue Erfahrung.
Ich bin fokussiert. Es ist ein anderes Land und Klima. Seit heute geht es langsam wieder besser, seit drei Tagen sind wir hier. Langsam komme ich rein, auch körperlich. Es passt eigentlich alles, morgen ist das erste Treffen mit dem Gegner. Eigentlich ist alles wie immer, für mich ist das nichts Neues.
Nimm uns mal mit in die Vorbereitung. Wie verlief sie, war sie womöglich für diesen großen Kampf besonders intensiv?
Ja, wir haben natürlich Opetaia beobachtet und seine Kämpfe analysiert mit meinem Trainer. Dementsprechend hatten wir auch Sparringpartner in der Türkei. Einer ist gerade am Wochenende U23-Europameister geworden. Auch ein sehr guter Mann und Rechtsausleger. Mit dem haben wir gearbeitet, Sparring gemacht über drei Wochen in der Türkei. Opetaia ist natürlich sehr schnell, dementsprechend haben wir einige Taktiken erarbeitet – aber es ist oft so: Nach dem ersten Treffer gibt es keinen Plan mehr. *lacht Wir haben aber versucht, alles zu automatisieren, damit alles automatisch kommt. Nicht nachdenken, einfach arbeiten, was ich kann.
Du sprichst die Taktik an. Was wird wichtig sein, damit du am Samstag Opetaia bezwingst? Er gilt als offensivstark, ist aber auch durchaus zu treffen. Suchst du am Samstag die harten Einzelaktionen und schlägst mit in die Aktionen?
Das Ding ist: Er presst sehr viel und kommt nach vorne. Er macht viel Druck, vor allem mit seinen Bewegungen. Unser Plan ist nicht nur wegzulaufen, dumm dazustehen oder einfach nur Gegendruck zu machen – sondern versuchen, ihn mal zu ziehen, mal Gegendruck zu machen, immer in Bewegung zu bleiben. Kontern, mitschlagen, wir haben eigentlich alles gemacht. Natürlich, jeder Kampf ist anders. Man kann viel analysieren, aber wenn der Gegner vor dir steht, dann merkt man erst, was läuft.
Wenn ich hier die Chance auswärts sehen sollte, dann werde ich auch direkt losschießen, damit ich den Kampf gleich beende

Hueseyin Cinkara (GER) – Juan Diaz (VEN)
© Torsten Helmke
Gerade die Anfangsphase eines Kampfes ist sehr wichtig. Wirst du dort zunächst mehr auf Sicherheit in den ersten Runden gehen oder direkt von Beginn an mutig mitboxen?
Ob Sicherheit oder schneller K.o., an sowas denke ich eigentlich gar nicht. Wir haben uns sehr gut vorbereitet. Wenn ich hier die Chance auswärts sehen sollte, dann werde ich auch direkt losschießen, damit ich den Kampf gleich beende. Das ist natürlich mein Ziel. Er wird wahrscheinlich in den ersten Runden direkt Druck machen, dementsprechend werde ich darauf antworten. Wie es weiterläuft, werden wir sehen.
Wenn man dich im Ring beobachtet, dann erkennt man zügig einen sehr individuellen Kampfstil, teilweise mit einer hängenden Deckung. Wie würdest du dich selbst im Ring beschreiben?
*lacht Ja, deswegen sage ich ja: Gegen jeden Gegner ist es anders. Manchmal komme ich schon mit der Deckung rein, aber danach, wenn ich die Sicherheit habe, geht sie runter. Ich schaue immer am Anfang: Wie schnell ist mein Gegner? Wie hart trifft er? Ist er präzise? Wenn ich mich dann sicher fühle, läuft es einfach. Anstatt die Deckung hoch zu haben, arbeite ich mehr mit den Beinen vor und zurück.
Wie ich mich beschreiben kann? Ja, schon technisch. Ich habe ein gutes Auge, wie ein Wolf halt. Manchmal denken meine Gegner, ich habe Respekt, und dann bekommen die einen Konterschlag. Es kommt auf den Gegner an, manche sind hart, manche mehr technisch. Bei dem ist es gemischt, der Junge hat alles drauf. Er ist schnell, präzise, Härte, Technik – er hat einfach alles. Wie er dann mit mir zurechtkommt, werde ich dann sehen.
Würdest du sagen, dass es für Gegner schwer ist, dich zu lesen, weil du auch sehr variabel boxen kannst?
Das denke ich schon. Das Beste ist ja, dass ich von meinen 23 Kämpfen nicht viel zeigen konnte. Bislang habe ich auch keine bekannten Gegner geboxt. Bei den letzten Kämpfen, wo ich immer fitter geworden bin – für viele bin ich ja alt *lacht –, aber vor allem die letzten zwei, drei Jahre, da bin ich immer fitter geworden. Ab da konnte ich auch nicht mehr viel zeigen, weil die Kämpfe immer in den ersten Runden zu Ende gegangen sind. Dadurch konnten sie nicht viel sehen. Auch nicht beim IBF-Final-Eliminator-Kampf gegen Xhoxhaj. Das ist mein Vorteil. Die sehen natürlich: Die Deckung ist unten. Sie analysieren ja auch. Das stimmt auch, die Deckung ist unten, aber man muss erst einmal treffen.
Jetzt mit 40 bin ich viel fitter als mit 25 oder 30
Das Alter ist bei dir stets ein großes Thema gewesen. Man sagte dir immer wieder zu verschiedenen Momenten, du seist zu alt. Wie blickst du darauf?
Mit 21 Jahren wollten sie mich als Sportsoldaten nehmen, da konnte ich nicht, weil ich geheiratet habe. Mit 25 wollte ich dann, da haben sie mir gesagt, ich sei zu alt. Dann mit 31 Jahren wurde ich dann Profi, da war ich auch zu alt. Mit 33 war ich dann verletzt, da sagten sie mir, die Karriere ist vorbei. Dann bin ich doch zurückgekommen und sie meinten: „Ja, okay, vielleicht Europameister.“ Dann habe ich alle Titel gesammelt und sie sagten mir mit 38 beim Eliminator-Kampf: „Der Gegner ist zehn Jahre jünger, du hast keine Chance.“ Jetzt bin ich 40 und boxe um die Weltmeisterschaft. Seitdem ich 25 bin, höre ich eigentlich immer nur das Gleiche. Jetzt mit 40 bin ich viel fitter als mit 25 oder 30. Viel disziplinierter und erfahrener, vor allem auch entschlossener. Das war ich früher nicht.
Du bereitest dich ja auch nun viel in der Türkei vor. Wie ist es dort, hilft dir das sehr in der Vorbereitung?
Ja, definitiv. Der Präsident der Nationalmannschaft hat mich eingeladen bei deren Trainingscamps. Auch bei einer Höhe von 1200 Metern, dort ist ein Stützpunkt. Es gibt viele gute Amateurboxer, mit denen habe ich trainiert. Es gab Einzeltraining, die sind dann auch zu mir gekommen, Partnersparring. Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt. Die haben alles für mich dort organisiert, es mir gut gehen lassen. Mir hat dort an nichts gefehlt. In der Heimat zu sein, ist natürlich auch schön. Ich hatte eine sehr gute Zeit dort, das Training war gut, die Ernährung sowieso. Sie haben extra für mich gekocht, das war sehr schön.
Du sprichst die Höhenmeter an. Ich habe da noch Firat Arslan im Kopf, der meinte beim Puhalo-Kampf, er habe sich auch im Höhentraining versucht und sei deutlich fitter dadurch geworden. Fühlst du das auch?
Dort habe ich die Höhe schon gemerkt, aber 1200 Meter sind jetzt nicht so hoch. Ich habe früher schon auf 2500 Metern trainiert, das habe ich total gemerkt. Nun die 1200 – ob das so ein großer Unterschied macht? Das werde ich wohl im Kampf dann merken. *lacht
Ursprünglich war angedacht, dass du den Kampf gegen Opetaia im Januar hättest bestreiten sollen, eine Verletzung kam dazwischen. Was hast du in dem Moment gedacht?
Als ich die Verletzung hatte, wurden auch Videoaufnahmen gemacht. Die wurden direkt an die IBF weitergeleitet. Jeder hat gesagt, es ist vorbei. Sogar das Team von Opetaia hat das gesagt. Als sie im Juni eine freiwillige Verteidigung machten, haben wir ihnen angeboten, dass sie gegen mich boxen können, ich wäre bis dahin fit. Sie haben mir dann sehr wenig angeboten. Da sagten wir: „Nein, was wir davor ausgemacht haben, dafür können wir gerne in Australien boxen.“ Die haben dann einfach eine freiwillige gemacht für kleines Geld, ich würde eh keine Chance mehr bekommen.
Bei mir war es aber so, dass ich durchgehend trainiert habe, vermutlich auch durch meinen Glauben. Innerlich wussten wir, dass der Kampf stattfinden wird. Es hieß: Titelvereinigung gegen Gilberto Ramirez und Badou Jack – aber ich dachte mir, der Kampf kommt. Spätestens Anfang 2026.
Ich boxe lieber für nichts, um meinen Traum zu ermöglichen

Dir wurden ja auch 150.000 $ geboten, damit du auf den Kampf gegen Opetaia verzichtest. Das kam für dich aber nie infrage, oder?
Nein, niemals. Ich bin 40 Jahre alt und boxe seit 29 Jahren, da spielt jetzt Geld keine Rolle. Wenn man nun gewinnt und Erfolg hat, dann kommt das Geld sowieso. Aber jetzt für Geld das aufzugeben – nein, das mache ich nicht. Ich boxe lieber für nichts, um meinen Traum zu ermöglichen – das ist mein Ziel. Ob ich es erreiche oder nicht, das werden wir sehen. Ich mache das doch nicht für das Geld. Natürlich will man auch Geld, das ist klar, aber das erste Ziel ist nicht das Geld. Ich möchte meinen Traum verwirklichen, deshalb bin ich hierhergekommen.
Das Ziel ist nun, IBF-Weltmeister zu werden. Doch der Gegner Opetaia ist die klare Nummer 1. Ist das ein Nachteil oder vielleicht gar ein Vorteil, weil dich das nochmal mehr motiviert zu gewinnen?
Ganz ehrlich: Das ist der stärkste Gegner. Ramirez, Jack oder wer auch immer – Opetaia ist der stärkste von allen. Das ist jetzt natürlich ein schwieriger Weg, man hätte auch einen anderen gehen können. Aber bei der Motivation, so wie du es sagst, motiviert mich das nochmal viel mehr jetzt. Wenn ich jetzt den stärksten Mann in Australien schlage, der Erfolg wäre viel mehr wert, als wenn du irgendwo in Deutschland oder der Türkei Weltmeister wirst. Das ist dann Geschichte schreiben. Das ist genau mein Ziel.
Danach kommt sowieso alles. Ob ich das schaffe oder nicht, darum geht es nicht – mein Ziel ist es aber, Geschichte zu schreiben. In Deutschland oder Türkei hätte ich das nicht machen können, das haben dort viele gemacht. Hier nach Australien zu kommen und gegen den besten Mann zu boxen, wo viele es für unmöglich halten, dass der alte Mann Cinkara einen zehn Jahre jüngeren schlägt – jeder hält das für unwahrscheinlich. Das motiviert mich umso mehr.
Abschließende Frage, Hüysein: Was werden alle Boxsportfreunde am Samstag von dir zu sehen bekommen?
Ich habe auch hier ein Interview gemacht, wie der Kampf aufgeht. Ich bin keiner, der groß vorher redet. Sie haben mich viel angesprochen und gemeint, ich solle dies und das sagen, aber das mache ich nicht – meine Art und Weise ist klar.
Eines steht aber fest: Wahrscheinlich wird er oder ich fallen. Ich bin für eine Schlacht bereit! Am Samstag wird es eine geben. Wie es dann aber genau ausgeht, ob es vielleicht über die Punkte geht, das weiß ich nicht. Bei uns sagt man: Eine Schlacht ist für Türken wie ein Fest. Am Samstag wird es für mich also ein Fest sein, weil es eine Schlacht gibt – und darauf freue ich mich.
Der große WM-Kampf von Hüseyin Cinkara erfolgt am Samstag auf UFC Fight Pass

Zuletzt gab es nur wenige Informationen bezüglich der Übertragung des großen Kampfes. In Australien wird das Event als kostspieliges Stan-Sport-PPV für umgerechnet rund 30 € angeboten. Am heutigen Donnerstag folgte jedoch endlich die erfreuliche Nachricht:
Außerhalb Australiens wird der Streamingdienst UFC Fight Pass das Event am Samstag ab 8:30 Uhr deutscher Zeit übertragen. Ein monatliches Abo kostet dort etwa 10 €.
Zuvor finden bereits um 6:30 Uhr die kostenlosen Prelims auf YouTube statt.














