
© Torsten Helmke
Als Cutman bereist man die Welt und steht doch nur selten im Mittelpunkt. Was zeichnet einen guten Cutman aus und welche Verbesserungen wünscht er sich?
Am Samstag steigt das nächste vielbeachtete Box-Event in Jeddah, Saudi-Arabien. Schwergewichtsstar Anthony Joshua wird den Hauptkampf bestreiten. Zudem kämpft der Deutsche Simon Zachenhuber um die WBO-Weltmeisterschaft im Supermittelgewicht.
Mit dabei ist erneut Markus Schwer, der als Cutman rund um den Globus ein gefragter Mann ist. In diesem Jahr betreute er bereits Hüseyin Cinkara bei dessen Weltmeisterschaft in Australien sowie Michael Eifert in Russland. Es waren viel beachtete internationale Kämpfe, bei denen die Boxer im Mittelpunkt standen, während der Cutman im Hintergrund seine Schützlinge entscheidend begleitete und unterstützte.
Boxen1 erhielt die Gelegenheit, Markus Schwer im Rahmen des Events in Jeddah zu interviewen und in die blutige Arbeitswelt eines Cutmans einzutauchen. Was zeichnet einen guten Cutman aus? Wie gestaltet sich der Umgang untereinander? Und welche konkreten Dinge würde er in seinem Beruf gerne verändern oder verbessern?
Das Boxen1-Interview mit Markus Schwer
Boxen1: Hallo Markus, du befindest dich momentan in Jeddah. Wie geht es dir?
Markus Schwer: Sehr gut. Wir sind total entspannt. Vonseiten der Promotion ist alles hervorragend organisiert. Die Zimmer sind klasse, die Betreuung ist super. Uns geht es wirklich sehr gut.
Du warst als Cutman bereits auf der ganzen Welt unterwegs. Welchen Eindruck hast du bisher von Saudi Arabien?
Einen sehr positiven. Natürlich merkt man sofort, dass man sich im Königreich Saudi-Arabien befindet. Hier gelten andere Regeln als in Europa. Es gibt beispielsweise keinen Alkohol und man sollte sich den Gegebenheiten des Landes respektvoll anpassen. Aber das sind keine schlimmen Regeln, sondern einfach andere.
Im Vergleich zu Dubai merkt man durchaus Unterschiede, obwohl beide Länder zur arabischen Welt gehören. Hier bewegt man sich etwas anders, manches ist strenger geregelt. Dafür wird man unglaublich freundlich empfangen. Die Gastfreundschaft ist beeindruckend.
Auch das Essen ist hervorragend. Ich habe inzwischen fast alles probiert, was die arabische Küche zu bieten hat. Wirklich ausgezeichnet – besser könnte es kaum sein.
Wie wird man eigentlich Cutman?
Das ist tatsächlich eine ziemlich kuriose Geschichte. Meine Tochter war damals ungefähr fünfeinhalb Jahre alt und wollte plötzlich mit dem Boxen anfangen. Kurz vor Weihnachten haben wir ihr deshalb bei Amazon einen Boxsack und Handschuhe bestellt. Anschließend haben wir einen Verein gesucht.
Einen klassischen Boxverein gab es bei uns damals nicht wirklich, aber einen Kickboxverein. Dort hat sie angefangen. Sie war zunächst das einzige Kind im Training und bekam deshalb sehr viel Einzelunterricht.
Bei ihrer ersten Veranstaltung ist mir allerdings aufgefallen, wie teilweise gearbeitet wurde. Die hygienischen Zustände und der Umgang mit Verletzungen haben mir überhaupt nicht gefallen. Es wurden dieselben Handtücher mehrfach benutzt, alles wirkte ziemlich unprofessionell. Da habe ich mir gedacht: Das muss doch besser gehen.
Ich habe angefangen, mich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe unter anderem mit Jacob „Stitch“ Duran telefoniert, außerdem mit Michael Schmidt in Deutschland. Gleichzeitig hatte ich das Glück, viele Ärzte aus unterschiedlichen Fachrichtungen zu kennen – Chirurgen, Unfallchirurgen und weitere Mediziner. Von ihnen habe ich unglaublich viel gelernt.
Da meine Tochter ohnehin fast täglich im Gym war, war ich ebenfalls ständig dort. Ich habe angefangen, das Bandagieren zu üben – jeden einzelnen Tag. Über Monate und Jahre hinweg. So entwickelte sich das Ganze Schritt für Schritt.
Später war ich zunächst international im Kickboxen unterwegs, anschließend mit Niki Holzken im Boxen. Danach kamen immer mehr Boxer hinzu.
Ohne meine Frau wäre das überhaupt nicht möglich gewesen
Den eigentlichen Durchbruch hatte ich nach dem Kampf von Niki Holzken gegen Callum Smith. Damals sprach mich Sauerland an und fragte, ob ich nicht direkt für sie arbeiten möchte. So kam ich zu Sauerland und war anschließend viele Jahre mit deren Trainern und Boxern weltweit unterwegs.
Das ist aber nichts, was von heute auf morgen passiert. Dahinter steckt unglaublich viel Arbeit, aber natürlich auch etwas Glück. Vor allem braucht man eine Familie, die das alles mitträgt. Ohne meine Frau wäre das überhaupt nicht möglich gewesen. Wenn du 40 Wochenenden im Jahr unterwegs bist, brauchst du jemanden, der dir zu Hause den Rücken freihält.
Deshalb sage ich auch immer: Eine Cutman-Schulung vermittelt dir vielleicht die Grundlagen. Aber ein wirklich guter Cutman wirst du ausschließlich durch Erfahrung. Du musst jahrelang am Ring arbeiten. Erst dann lernst du, in jeder Situation ruhig zu bleiben.
Welche Fähigkeiten braucht ein guter Cutman noch?
Ich habe da eine ganz klare Meinung. Das eigentliche Handwerk – also Bandagieren, Cuts versorgen oder Schwellungen behandeln – macht vielleicht 30 Prozent der Arbeit aus. Das muss man natürlich perfekt beherrschen. Die anderen 70 Prozent sind Psychologie.
Ein Boxer steht allein im Ring. Deshalb musst du ihm das Gefühl geben, dass in seiner Ecke jemand sitzt, auf den er sich hundertprozentig verlassen kann. Bereits vor dem Kampf musst du ihm vermitteln, dass er gewinnen kann. Dieses Vertrauen ist enorm wichtig.
Das Handwerk kann man lernen. Wenn jemand fleißig ist, kann er sich das in zwei oder drei Jahren aneignen. Aber Empathie kann man nicht lernen. Die hat man oder eben nicht. Mir geht es immer zuerst um den Sportler. Ich habe großen Respekt vor Kollegen wie Stitch Duran oder anderen internationalen Cutmen. Wir verfolgen letztlich alle dasselbe Ziel: den Sportler bestmöglich zu versorgen.
Was ich überhaupt nicht mag, sind Kollegen, die sich ständig selbst in den Mittelpunkt stellen mit ihrer Profilneurose.
Ich muss nicht auf jedem Foto sein oder mich ständig vor Fernsehkameras drängen. Ich habe den Boxer nicht trainiert, ich habe ihn nicht vorbereitet und ich stehe auch nicht im Ring. Meine Aufgabe beginnt erst dann, wenn Hilfe benötigt wird.
Viele vergessen leider, dass nicht wir der Mittelpunkt sind, sondern der Boxer. Ohne die Sportler gäbe es keine Veranstaltungen. Keine Zuschauer, keine Fernsehsender, keine Ringrichter – gar nichts. Deshalb sollte jeder wissen, welche Rolle er im Team hat.
Viele nutzen heutzutage Social Media, um sich selbst zu vermarkten. Ist das im Cutman-Bereich ähnlich?
Natürlich gibt es das. Aber Qualität setzt sich nicht über Social Media durch. Qualität spricht sich herum. Wenn ein Boxer zufrieden ist oder ein Trainer gute Erfahrungen gemacht hat, empfiehlt er dich weiter. Das ist die beste Werbung überhaupt. Bei mir läuft das seit Jahren genau so.
Irgendwann sagt ein Boxer zum anderen:
„Lass dich vom Markus bandagieren. Der macht das richtig.“
Deshalb bin ich heute so viel unterwegs. Nicht wegen Instagram oder Facebook. Sondern wegen Mundpropaganda. Ich bin wahrscheinlich noch etwas oldschool. Ich stelle lieber den Boxer in den Mittelpunkt als mich selbst.
Wie ist Deutschland im internationalen Vergleich aufgestellt?
Ich möchte jetzt keine Namen nennen. Aber wir haben in Deutschland vier oder fünf wirklich hervorragende Cutmen. Das Problem ist eher, dass man sich hier häufig gegenseitig bekämpft, anstatt zusammenzuarbeiten. Im Ausland ist das oft ganz anders. Dort unterstützt man sich gegenseitig deutlich mehr.
Natürlich gibt es viele, die irgendwann eine Schulung absolviert haben und dadurch eine Lizenz besitzen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber Erfahrung ersetzt das eben nicht.
England ist hervorragend aufgestellt. Die USA sowieso. Auch Kanada, Mexiko und Südamerika verfügen über ausgezeichnete Cutmen.
In unserer WCA haben wir Vertreter auf nahezu allen Kontinenten und stehen regelmäßig miteinander im Austausch. Probleme oder Streit erlebe ich ehrlich gesagt fast ausschließlich in Deutschland. Das liegt wahrscheinlich auch ein Stück weit an unserer Mentalität.
Trotzdem gibt es hier durchaus einige Kollegen, die Weltmeisterschaftskämpfe auf höchstem Niveau problemlos betreuen könnten.
Ein Cutman darf meiner Meinung nach niemals versuchen, Trainer oder Hauptdarsteller zu sein

Mit welchen Verletzungen werdet ihr als Cutmen am häufigsten konfrontiert?
Ganz klassisch natürlich mit Cuts und Schwellungen.
Beim klassischen Boxen kommt das sogar etwas seltener vor als im Kickboxen oder Muay Thai, wo ich ursprünglich herkomme. Dort habe ich unglaublich viel gelernt. Besser kann man dieses Handwerk eigentlich kaum lernen als in einer Sportart, in der regelmäßig Blut fließt.
Das Wichtigste ist, Ruhe zu bewahren. Man darf niemals hektisch werden. Der Boxer orientiert sich komplett an dir. Wenn du Nervosität ausstrahlst, merkt er das sofort. Deshalb muss ein Cutman absolute Ruhe vermitteln. Natürlich fiebert man innerlich mit. Aber während dieser einen Minute in der Ecke musst du vollkommen konzentriert arbeiten. Das ist deine Aufgabe.
Ein Cutman darf meiner Meinung nach niemals versuchen, Trainer oder Hauptdarsteller zu sein. Der Trainer gibt die Anweisungen, der Boxer setzt sie um – und ich sorge lediglich dafür, dass der Boxer körperlich so gut wie möglich versorgt wird. Mehr nicht.
Gab es einen besonders schweren Cut, der dir bis heute im Gedächtnis geblieben ist?
Da gibt es ehrlich gesagt viele. Aber wenn ich spontan an einen Kampf denke, dann fällt mir Artur Mann ein. Das war wirklich ein brutaler Cut. Die Wunde war extrem tief und hat richtig gepumpt. Solche Verletzungen erlebt man glücklicherweise nicht oft.
Wir haben trotzdem versucht, den Kampf fortzusetzen und die Blutung möglichst gut unter Kontrolle zu bekommen.
Was konntest du während des Kampfes überhaupt noch machen?
Solange der Ringrichter den Kampf weiterlaufen lässt, arbeitest du natürlich weiter. Irgendwann mussten wir sogar spezielle Zahnarzt-Tamponaden benutzen, weil die Wunde so tief war. Wir haben versucht, die Blutung zu stoppen und die Wunde so gut wie möglich zu verschließen.
Nach dem Kampf musste alles mit mehreren Stichen genäht werden. Das Verrückte war allerdings, dass die Wunde sogar später im Hotel noch einmal aufging und wieder anfing zu bluten. Da merkt man erst, wie schwer so eine Verletzung tatsächlich gewesen ist.
Das sind Momente, die einem natürlich im Gedächtnis bleiben.
Du warst inzwischen auf der ganzen Welt unterwegs. Welche Länder oder Promotions sind dir besonders positiv in Erinnerung geblieben?
Da gibt es einige. Ganz vorne stehen für mich Matchroom und Queensberry. Dort ist alles unglaublich professionell organisiert. Vom Shuttle-Service über die Hotels bis hin zur Betreuung funktioniert einfach alles. Man merkt sofort, dass dort Menschen arbeiten, die genau wissen, was sie tun.
Hier in Saudi-Arabien erleben wir momentan genau dasselbe. Wir werden hervorragend behandelt. Die Organisation ist erstklassig. Wirklich alles läuft reibungslos ab. Ich bin jetzt schon mehrere Tage hier und habe bis heute überhaupt nichts zu beanstanden.
Und wie sieht das im Vergleich zu Deutschland aus?
Auch in Deutschland gibt es sehr gute Veranstaltungen. Da möchte ich überhaupt keine Promotion hervorheben oder kritisieren. Jede Veranstaltung ist anders.
Natürlich haben die ganz großen Events im Ausland noch einmal andere finanzielle Möglichkeiten und dadurch häufig auch andere Strukturen. Aber grundsätzlich gibt es auch in Deutschland Veranstalter, die sehr professionell arbeiten.
Ich würde mir wünschen, dass es in Deutschland eine verpflichtende Lizenzierung für Cutmen gibt

Markus Schwer, Simon Zachenhuber und Conny Mittermeier.
Gibt es Dinge, die du in deinem Beruf gerne verändern würdest?
Ja, auf jeden Fall. Ich würde mir wünschen, dass es in Deutschland eine verpflichtende Lizenzierung für Cutmen gibt. Nicht, um irgendjemanden auszuschließen. Sondern ausschließlich, um die Boxer besser zu schützen. Wer eine Lizenz erhält, sollte nachweisen müssen, dass er wirklich weiß, was er tut. Das dient am Ende ausschließlich der Sicherheit der Sportler.
Außerdem fände ich es sinnvoll, wenn die Einnahmen aus diesen Lizenzen in einen Hilfsfonds fließen würden. Wenn sich ein Boxer schwer verletzt oder längere Zeit ausfällt, könnte man ihn daraus zumindest vorübergehend finanziell unterstützen.
Viele Profiboxer verfügen eben nicht über große Rücklagen. Wenn dann eine schwere Verletzung kommt, geraten manche sehr schnell in Schwierigkeiten. Das wäre für mich ein echtes Herzensprojekt. Ich möchte nicht, dass solche Gelder einfach irgendwo verschwinden. Sie sollten direkt den Sportlern zugutekommen.
Ich habe in den vergangenen Jahren oft genug erlebt, wie schwer manche Boxer nach Verletzungen zu kämpfen haben. Deshalb wäre das aus meiner Sicht eine wirklich sinnvolle Lösung.
Am Samstag betreust du Simon Zachenhuber bei seiner Weltmeisterschaft. Kribbelt es bei einer WM noch einmal mehr als sonst?
Natürlich. Eine Weltmeisterschaft ist immer etwas Besonderes. Trotzdem versuche ich, meine Arbeit genauso zu machen wie bei jedem anderen Kampf. Ich darf mir keine Nervosität anmerken lassen.
Innerlich freut man sich natürlich riesig. Vor allem, wenn ein deutscher Boxer die Chance bekommt, Weltmeister zu werden. Für solche Momente arbeitet man schließlich viele Jahre.
Natürlich fiebert man mit. Aber sobald der Gong ertönt, muss man wieder vollkommen ruhig und konzentriert sein. Dann zählt nur noch die Arbeit in der Ecke.
Also würdest du allen Lesern von Boxen1 empfehlen, am Samstag einzuschalten?
Natürlich. Im Boxen hat jeder eine Chance. Deshalb liebe ich diesen Sport. Simon hat schon einiges erlebt und bringt trotz seines jungen Alters bereits viel Erfahrung mit.
Wenn ich den Kampf einschätzen müsste, würde ich die Chancen ungefähr bei 70:30 für Hamzah Sheeraz sehen. Aber diese 30 Prozent sind vorhanden. Vielleicht auch 40. Und genau deshalb fährt man zu einer Weltmeisterschaft. Man fährt nicht dorthin, um nur dabei zu sein. Man fährt dorthin, um zu gewinnen!
Ich wünsche Simon von Herzen, dass er seine Chance nutzt. Im Boxen ist alles möglich – und genau deshalb sollte jeder am Samstag einschalten.
Simon Zachenhuber boxt heute um die Weltmeisterschaft in Jeddah
Der große Kampf von Simon Zachenhuber um die WBO-Weltmeisterschaft im Supermittelgewicht gegen Hamzah Sheeraz findet heute voraussichtlich gegen 22:30 Uhr statt. Die Veranstaltung wird im DAZN-PPV für 20 Euro übertragen.














