
„So kann es nicht weitergehen“
Es war ein Paukenschlag: Der Präsident des Deutschen Boxsport-Verbands (DBV), Prof. Dr. Jens Hadler, trat Ende Mai mit sofortiger Wirkung zurück. Grund war dessen Verurteilung zu einer mehrjährigen Haftstrafe durch das Landgericht Braunschweig im Zusammenhang mit dem VW-Diesel-Abgasskandal. Als kommissarischer Nachfolger präsentierte der DBV wenige Tage später Farid Vatanparast, den Präsidenten des Westfälischen Amateur-Box-Bezirks. Offenbar ein Anlass für dich, Raiko, die Facebook-Gruppe #TeamAmateurboxen zu gründen. Zunächst: Ist das eine Einzelinitiative von dir, oder hast du von Beginn an Mitstreiter gehabt?
Also vorweg erstmal danke, dass wir uns hier präsentieren dürfen.
Ja, aber nicht ohne kritisches Nachhaken…
Kein Problem. Tatsächlich bin ich damit allein gestartet, aber es ging ganz schnell, dass sich Menschen angeschlossen haben und mitmachen wollten. Die Follower-Zahlen, aber auch die Zuschriften auf Facebook und Instagram zeigen das. Ich bin wirklich beeindruckt, wie viele Menschen es dann doch bewegt.
Die Videos des neuen Interimspräsidenten Vatanparast, aber auch die gesamte und nach bestimmten Mustern ablaufende Vorgehensweise des DBV-Vorstands haben mich dazu bewogen, das #TeamAmateurboxen ins Leben zu rufen. Denn ich habe mir gedacht: So kann es jetzt nicht weitergehen. Es läuft genau schon wieder auf das hinaus, was die vergangenen Jahrzehnte immer wieder passiert ist.
Ich habe dann aber zu mir gesagt: „Mensch, Raiko, kannst du nicht einfach mal die Klappe halten? Kann ich das nicht einfach sein lassen?“ Ich habe schon im DBV-Vorstand gesessen, habe mich auch vorher schon viel engagiert, in der Halle, im Hamburger Amateur-Boxverband, HABV, und in der Kinder- und Jugendarbeit. Und irgendwann hatte ich mich auch politisch rausgezogen und von den Entwicklungen im DBV distanziert.
Und nun aber der Schritt in die Offensive…
Ja, denn was jetzt wieder passiert ist, dass wir beispielsweise über die Medien erfahren, dass der DBV-Präsident Jens Hadler zurücktreten musste, dass keine Vorbereitung da war, kein Plan, kein Prozess und keine Abstimmung, all das hat mich wirklich auf die Palme gebracht. Ehrlich, die Öffentlichkeitsarbeit war wieder mal eine Katastrophe. Unser Image ist schon im Keller.
Dann gab es irgendwann einen Onlinetermin mit den Landespräsidenten, dann einen Rücktritt, dann einen Interimspräsidenten. Dieses ganze intransparente Vorgehen hat mich dazu gebracht zu sagen: Ich muss mich nochmal einbringen, gleichgesinnte Boxsportfreunde zusammenbringen und einen neuen Versuch wagen. Mein bester Freund hat mir sogar zuerst abgeraten, aus Selbstschutz. Aber ich habe dann zu mir gesagt: Das geht nicht. Da ist so viel Potenzial in diesem großartigen Sport und wir verkacken’s, auf gut Deutsch, schon wieder.
Habe ich das richtig verstanden, du kritisierst unter anderem die fehlende Transparenz des DBV-Beschlusses, Farid Vatanparast als Interimslösung zu benennen, stimmt das?
Ich kritisiere klar den Weg, wie man diese Interimslösung installiert hat. Und ich sage bewusst: installiert. Denn genau das ist passiert. Die Landespräsidenten wurden lediglich darüber informiert, dass es jetzt einen neuen Interimspräsidenten gibt. Punkt.
Der geschäftsführende Vorstand, der durch den Rücktritt des vormaligen Präsidenten Hadler dezimiert war, hat das entschieden. Und ja, die Satzung lässt zu, dass man jemanden kommissarisch einsetzt. Aber: aus dem gewählten Präsidium. Nicht jemanden, der freiwillig in einer Wissenschaftskommission mitgearbeitet hat. Das ist etwas völlig anderes.
Und die Satzung, so wie ich sie lese, erlaubt eben nicht, jemanden, der noch nie von den Mitgliedern bestätigt worden ist, aus einer Arbeitsgruppe, einfach in das höchste Amt des DBV zu heben. Man hätte jemanden aus dem Vorstand nehmen können, einen Vizepräsidenten beispielsweise. Stattdessen wird wieder jemand aus einem großen Landesverband, in dem Fall aus NRW, einfach eingesetzt. Wieder dasselbe Muster. Alles läuft auf eine spätere Wahl hinaus, bei der es keine Überraschungen geben soll. Deshalb sage ich: Es gab gar keinen echten Beschluss. Der geschäftsführende Vorstand hat gesagt: „Du bist es.“ Und das war’s.
In deinen bislang veröffentlichten Videos auf der Facebookseite „TeamAmateurboxen“ hast du dich ziemlich auf Farid Vatanparast eingeschossen, so wirkt es zumindest. Direkt gefragt: Hältst du den kommissarisch eingesetzten DBV-Präsidenten für den Falschen auf dem Posten? Wenn ja, warum?
Zuerst einmal: Nein, ich habe mich nicht auf ihn eingeschossen. Aber er ist nun mal derjenige, der jetzt freiwillig an der Spitze steht, auch wenn er nicht gewählt ist. Und er steht auch in der Öffentlichkeit. Und er muss sich natürlich damit auseinandersetzen, wenn er was in die Öffentlichkeit stellt, dass die Menschen sich natürlich auch so ihre Gedanken machen und reagieren. Und das passiert gerade. Mehr nicht.
Was ich kritisiere, sind bestimmte Aussagen von ihm, wie zum Beispiel: „Ich bin keine Marionette, vielleicht verändere ich was.“ Vielleicht?! Wenn du Veränderungen willst, dann sage das klar und lasse dich nicht einfach einsetzen, sondern fordere einen offenen und fairen Wahlkampf. Hätte er das gemacht, dann Respekt. Aber er hat sich eben einen einfachen Weg aussuchen lassen. Und das hat wieder ein Geschmäckle.
Mag sein, aber was stört dich noch?
Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die die Videos von Vatanparast gesehen haben. Ich habe mir eine Meinung gebildet. Meine Statements und Kommentare waren keine Kurzschlussreaktionen. Und meine Meinung ist: Er geht die falschen Wege. Er spricht zum Beispiel mit den Ex-DBV-Präsidenten Erich Dreke und Jürgen Kyas. Für mich sind das zwei Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass das deutsche Amateurboxen in der Versenkung verschwunden ist. Aber genau deren Arbeit lobt er über den grünen Klee. Zugegeben, es gibt noch einige weitere Personen im Vorstand oder im Hauptamt des DBV, die für die desolate Lage mitverantwortlich sind.
Aber genau das brauchen wir nicht mehr. Keine Speichelleckerei, keine falsche Harmonie. Wir brauchen Leute mit Haltung. Wir brauchen jemanden mit Charisma, mit Ausstrahlung, mit Kraft. Und ganz ehrlich: Ich sehe das aktuell bei ihm nicht. Vielleicht ist er gut aufgehoben in der Wissenschaftskommission oder in einer Fachfunktion. Aber an der Spitze? Dafür fehlt ihm aus meiner Sicht das Profil.
Was hätte Farid Vatanparast stattdessen tun sollen?
Er hätte aber die Möglichkeit gehabt, ein starkes Zeichen zu setzen. Ein Gedankenspiel aus dem #TeamAmateurboxen: Der neue nicht gewählte Interimspräsident könnte als Beispiel den aktuellen Vorstand des DBV auffordern, im September komplett zurückzutreten. Er könnte sich eine neue Mannschaft suchen, diese offen präsentieren und seine Kandidatur daran knüpfen, dass es einen echten Neustart mit einem neuen Team gibt. Das wäre mutig, das wäre ehrlich, das wäre ein Zeichen für die Öffentlichkeit und Behörden. Wenn das nicht geschieht, ja, dann muss man sich fragen, wie ernst es ihm wirklich ist. Aktuell bleibt alles vage. Er sagt mal, er tritt an, er tritt nicht an, nichts Genaues weiß man nicht. Dabei steht doch schon alles fest, wie er in seinem letzten Video auf Facebook sagt: „Ab Oktober bin ich in Verantwortung.“ Das passt alles nicht oder eben doch genau wieder ins Bild des alten DBV.

Okay, ihr fordert „faire Strukturen“ und „transparente Entscheidungen“ im DBV. Ferner schreibt ihr, der Dachverband müsse grundsätzlich reformiert werden. Veränderungen braucht es also; nur, welche sind das konkret außer etwa einer Wahlrechtsreform im Verband? Und vor allem: Wie lassen sich solche Reformen umsetzen, durchsetzen – und von wem?
Die Reform beginnt für mich beim Wahlrecht. Ich habe viel darüber nachgedacht und mit Experten gesprochen, wie können wirkliche Veränderungen im DBV angestoßen werden? Und da kamen wir immer wieder auf diese eine Lösung. Das Wahlrecht ist der Kern jeder Veränderung oder deren Verhinderung.
Wenn drei Landesverbände aktuell alles dominieren, dann kann sich strukturell gar nichts verändern. Wir brauchen ein faires, modernes Wahlsystem, das nicht nur auf Größe basiert, sondern auf echter Beteiligung.
Es darf nicht sein, dass sich die „kleinen“ Landesverbände abgehängt fühlen, weil sie faktisch nichts mitbestimmen können. Und genau das führte zur Lethargie der zurückliegenden Jahrzehnte. Das kenne ich aus vielen Gesprächen mit Verbänden und Präsidenten, die sagen: „Wozu sollen wir uns noch einbringen?“ Dieser Zustand muss aufgebrochen werden. Der Hamburger Sportbund, HSB, hat sich vor einigen Jahren dahingehend reformiert. Dort hatte der Fußballverband die alleinige Stimmenmehrheit besessen und alle anderen Fachverbände überstimmt. Das wurde aufgehoben und reformiert. Es geht, wenn man nur will.
Das dürfte aber längst nicht alles sein, oder?
Gewiss nicht, die Reform des DBV muss über Wahlrechtsfragen deutlich hinausgehen. Wir brauchen etwa einen zentralen Bundesstützpunkt mit einem verantwortlichen und leistungsabhängigen Bundestrainer oder einer Bundestrainerin. Wir brauchen eine Bundesliga, die den Namen verdient, die medial sichtbar ist, mit Sponsoring, mit Streaming, mit Reichweite. Und wir brauchen endlich eine klare und transparente Struktur in den Verbandsabläufen.
Wir müssen anfangen, einfache Dinge umzusetzen: Zum Beispiel Vorstandssitzungen öffentlich machen, Protokolle inklusive Ergebnisse verschicken, die Landesverbände wirklich einbinden. Warum kann ein Spitzenverband nicht regelmäßige Online-Sprechstunden machen? Warum nicht monatliche Updates rausgeben? Wir haben die technischen Möglichkeiten, aber wir nutzen sie nicht. Stattdessen warten Vereine monatelang auf Antworten bei Anfragen und Anträgen auf Bildungsurlaub und Trainerlehrgängen. Das ist ein aktuelles Beispiel von einem Verein, der mich angeschrieben hat. Und davon gibt es tausende Beispiele aus der Vergangenheit.
Mehr noch, wir müssen anfangen, gemeinsam Formate zu entwickeln. Warum gibt’s kein gemeinsames Presseteam Nord, Süd, Ost, West? Warum kein Ehrenamtskoordinator? Wer ist Pressesprecher des DBV? Wer leitet eigentlich die Geschäftsstelle? Was ist mit dem Digitalisierungsprojekt? Was ist mit den digitalen Startbüchern? Warum gibt es kein öffentlich zugängliches Archiv mit Materialien, Vorlagen und Hilfen für Ehrenamtliche? Es gibt so viele praktische Ansätze, um das System zu verbessern. Aber dafür braucht es Mut, Organisation, Kompetenz und eben auch: Vertrauen. Und das ist im Moment einfach nicht da.
Diese Reformen sind kein Selbstzweck. Sie sind notwendig, um überhaupt wieder Menschen zu gewinnen, die mitmachen wollen. Denn viele sagen heute: „Was bringt’s?“ Wir müssen wieder dahin kommen, dass Menschen sagen: „Ich will was bewegen, und ich kann auch was bewegen. Und ich kann den Mund aufmachen ohne Repressalien für mich oder meinen Sportler zu fürchten!“ Und dafür müssen wir die Strukturen und den Umgang ändern. Sonst bleibt alles, wie es ist. Und das reicht einfach auf so vielen Ebenen nicht mehr.
Ist dabei auch eine Stärkung der Landesverbände notwendig? Bloß, sind jene personell und strukturell überhaupt in der Lage, sich groß verbandsorganisatorisch und -politisch einzubringen?
Ja zur Frage der Stärkung. Nein zur Frage, ob sie dazu in der Lage sind. Und das sage ich als Vize-Präsident des HABV ganz offen, auch über meinen eigenen Verband in Hamburg. Ich habe auf der vergangenen Mitgliederversammlung im März gesagt: Das letzte Jahr war nicht das meiner Glanzleistungen. Ich hatte andere Baustellen, auch beruflich. Aber ich will’s besser machen. Wir wollen zum Beispiel eine Ehrenordnung einführen, wir ehren nämlich gar nicht mehr. Das ist peinlich. Und ich will das ändern.
Und genau da zeigt sich doch das Problem: Die Landesverbände bestehen oft aus drei bis vier Aktiven. Der Rest macht nichts. Und das ist kein Vorwurf, die Leute kämpfen mit ihren Vereinen und mit privaten Themen, aber auch mit Machtmenschen, die nicht loslassen wollen und niemanden neben sich dulden. Der DBV muss Landesverbände aktiv unterstützen und nicht nur Gebühren für alles Mögliche einziehen. Der Spitzenverband muss Ressourcen schaffen, zum Beispiel einen Ehrenamtskoordinator ernennen. Und mitdenken, was die Verbände und Vereine wirklich brauchen. Nur dann bekommen wir wieder Energie.
Und wie sieht das bei den Vereinen aus – haben Klubverantwortlich ein Interesse am Engagement auf Verbandsebene?
Nicht am DBV, aktuell nicht. Aber an sich schon. Ich sehe das an unseren Vereinen in Hamburg: Manche machen ihr Ding, manche sind gar nicht sichtbar, andere wollen mitgestalten, wenn man sie lässt. Kommunikation ist der Schlüssel. Heute kann man per Teams-Meeting, WhatsApp, E-Mail alles regeln. Aber es passiert nicht. Und das ist ein strukturelles Problem.
Ein Verband, der seine Vereine nicht kennt, verdient kein Vertrauen. Der DBV kennt viele Vereine nicht oder interessiert sich nicht für die Arbeit und Sorgen an der Basis. Und deswegen engagieren sich viele auch nicht auf Verbandsebene. Warum auch? Was bringt’s? Wenn wir aber zeigen: Dein Engagement hat Wirkung. Deine Sportler*innen werden sichtbar. Dein Verein wird unterstützt, mit Struktur, mit Öffentlichkeitsarbeit und auch mit Geld, dann dreht sich der Wind. Dann engagieren sich auch wieder mehr Leute.

Ihr habt auch davon gesprochen, dass es „alte Seilschaften“ im DBV gäbe, die quasi Hinterzimmerpolitik betreiben würden. Ein harter Vorwurf. Welche Belege habt ihr dafür?
Ja, da muss ich lachen. Also, das Nähkästchen soll ich jetzt öffnen, sagst du? Ja, die alten Seilschaften. Also, ich glaube, wir haben in der gesamten Amateur-Boxsportwelt in Deutschland in jedem Landesverband Menschen sitzen, die ihre Geschichten dazu erzählen können. Aber auf die muss ich gar nicht zurückgreifen. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung sprechen.
Ich bin gespannt…
Ein kleines Beispiel: Ich habe zu meiner Zeit als DBV-Vorstandmitglied erlebt, wie Jens Hadler auf einmal in einer Vorstandssitzung des DBV als Person präsentiert wurde und in den DBV-Vorstand einfach eingesetzt werden sollte. Wieder einmal ohne Wahl, ohne Verfahren, auf einer einfachen Sitzung. Ich habe damals dagegengehalten. Andere trauten sich erst nach langen Gesprächen mit mir, überhaupt was dagegen zu sagen. Kurz danach kam eine anonyme Spende rein. Ich habe gefragt, woher die kommt. Antwort: „Such doch selber Sponsoren und kümmere dich um deine Sachen.“ Ich war Vize-Präsident zu der Zeit im DBV. Das war der Stil, wie mit Fragen umgegangen wurde.
Dann wurde Hadler doch installiert. Und später Präsident. Das war alles kein Zufall. Es waren Deals, es waren Absprachen in Hinterzimmern. Das ist nicht meine Interpretation, das ist meine Erfahrung. Ich habe die Mails, die Gesprächsnotizen und die Erinnerungen. Und ich könnte noch viel mehr erzählen. Aber ich will keine schmutzige Wäsche waschen, ich will Veränderung und nach vorne schauen.
Übrigens waren die letzten beiden DBV-Präsidenten Dreke und Hadler vorher Interimspräsidenten und wurden genauso positioniert wie der jetzige. Ein Schelm, wer Böses denkt. Und der Neue macht fleißig mit. So viel zum Thema: „Ich will keine Marionette sein.“
Ein spezieller Punkt: Ihr plädiert für die Box-Bundesliga gewissermaßen als Aushängeschild des DBV. Mit Verlaub, die Liga ist in den vergangenen Jahren nicht mehr als ein Miniaturformat mit drei, vier Vereinen; kurz: eine Karikatur einer Bundesliga. Wie und mit wem willst du das ändern?
Richtig, drei oder vier Vereine sind aktiv. Und das ist keine Bundesliga, das ist ein Wettkampf mit immer denselben Gegnern. Respekt an die Vereine, die sich das noch antun. Wir waren selbst mit den Hamburg Giants in der Bundesliga, drei Jahre lang. Und nach drei Jahren mussten wir sagen: Es geht nicht mehr. Kein Geld, keine Unterstützung, keine Struktur.
Dabei könnte die Bundesliga alles liefern, was der Boxsport braucht: Vorbilder, Medienpräsenz, Nachwuchsförderung, Fankultur usw. Aber dafür braucht es unter anderem Geld, eine eigene Ligagesellschaft, einen Mediaplan, Sponsoring, einheitliches Auftreten, Streaming-Formate, professionelle Steuerung und ein nachvollziehbares Konzept. Warum investiert der DBV da nicht rein? Die Bundesliga ist unbeliebt und uninteressant bei den meisten DBV-Funktionären. Davon hat man ja nichts. Persönlich vor allem.
Wir haben mit einigen Medienvertretern über eine echte Box-Bundesliga gesprochen, die haben mir ganz klar gesagt: Mit dem aktuellen Vorstand machen wir das nicht. Und das ist zehn Jahre her. Und es hat sich bis heute daran nichts geändert. Es ist ein Trauerspiel. Denn die Athleten und Vereine sind da, die Hallen sind da, die Menschen sind da. Aber der Verband liefert nicht.
Ein weiterer Diskussionspunkt: Die Grenzen zwischen olympischem und professionellem Boxen durchlässig machen, beide Disziplinen einer Sportart besser verzahnen. Eine gute Idee? Wenn nein, warum nicht?
Ich sage klar: Wir müssen uns annähern, aber mit Struktur, mit Haltung und mit gegenseitigem Respekt. Aktuell herrscht ein absolutes Nebeneinander und die Profis, das sage ich ganz offen, belächeln uns. Sie nehmen uns gar nicht ernst. Für viele sind wir nur die kleinen Amateurboxer, die ein bisschen im Kreis boxen. Und das liegt auch an der Art, wie der DBV sich präsentiert: schwach, unsichtbar und ohne klare Positionierung. Zudem arrogant und überheblich sowie absolut unwissend, wie das Profigeschäft funktioniert.
Ich selbst kenne beide Seiten. Ich habe mit sieben Jahren bei meinem Onkel Wilhelm Morales in Rostock angefangen zu boxen, war später am Leistungsstützpunkt in Schwerin, habe zirka 60 Amateurkämpfe gemacht, wurde dann Trainer, Funktionär im HABV, sitze in Gremien und war irgendwann mal auch für ein knappes Jahr DBV-Vizepräsident.
Der Amateurboxsport ist meine Heimat und meine Leidenschaft. Aber ich hatte auch intensive Einblicke ins Profigeschäft. So habe ich unter anderem mit Bernd Bönte zusammengearbeitet, war selbst Veranstalter zum Beispiel mit dem Format „Profis versus Amateure“ oder mit einem Boxsportfreund aus Rostock mit „Rostock-boxt“. Ich weiß, wie bei den Profis gedacht und agiert wird. Und ich weiß auch: Der Profiboxsport ist in vielen Fällen einfach nur ein Geschäft. Und genau da können wir ansetzen und mit unserem attraktiven Amateursport überzeugen. Wir schaffen es ihn nur nicht gebündelt und mit Stolz zu präsentieren. Und das ist auch die Aufgabe eines Spitzenverbandes.
Aber was braucht es konzeptionell?
Wir brauchen ein durchdachtes Konzept. Ich denke da zum Beispiel an ein gemeinsames Gremium als übergeordnete Struktur. Darunter zwei Kammern. Eine wäre der DBV, die andere wäre der Bund Deutscher Berufsboxer, der BDB. Dieses Gremium könnte Dinge beschließen, Arbeitsgruppen einrichten, Projekte aufsetzen und entsprechende Strukturen mit den Kammern umsetzen. Es geht nicht um Einheitlichkeit, sondern um Zusammenarbeit.
Die Bundesliga könnte dabei ein zentrales Projekt sein. Wir brauchen klare Regeln, wie der Wechsel vom Amateur- zum Profistatus funktioniert. Und auch: Wie geht man mit Rückkehrern um? Was ist mit Ausbildungsentschädigungen für Vereine und ehrenamtliche Trainer, die jahrelang Arbeit investiert haben? Alle verdienen Geld mit den Sportlern, aber die, die dafür verantwortlich sind, dass die Jungs und Mädels laufen gelernt haben, gehen leer aus.
Wenn wir eine ehrliche und durchdachte Verzahnung schaffen, dann kann das ein dauerhaftes und erfolgreiches System werden, von dem die Amateure und Profis gleichermaßen profitieren. Wie im Fußball: Ein Spieler wird ausgebildet, wechselt zu einem Profiklub, und es gibt eine Ablöse. Warum nicht auch bei uns? Dann fließen Mittel zurück an den Ausbildungsverein, an die Bundesliga und an den DBV. So entstehen Anreize. So entstehen nachhaltige Strukturen. Und so entsteht auch Respekt.
Nur, wie realistisch ist das?
Aktuell nicht. Ich glaube nicht, dass der BDB, zumindest unter dem derzeitigen Präsidenten, irgendein Interesse daran hat. Und der DBV? Der schaut zu. Keine Initiative, keine Vision, keine Kooperation. Und das ist das eigentliche Problem.
Ich habe mit Präsidenten internationaler Profiverbände gesprochen, die fanden die Idee einer starken Bundesliga spannend. Da ist Interesse da. Aber es braucht einen DBV, der das auch will. Einen DBV, der nicht nur verwaltet, sondern gestaltet. Einen DBV, der die Athlet*innen stärkt. So sehr, dass sie gar nicht mehr sofort zu den Profis gehen müssen. Weil sie wissen: Hier werde ich gefördert, hier habe ich Perspektive, hier verdiene ich vielleicht sogar irgendwann Geld, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Und wenn ich dann wechsle, dann profitieren mein Heimatverein, mein Verband und meine Community aber auch der Profiboxstall davon, dass ich top ausgebildet und schon in der Öffentlichkeit positioniert bin.
Und ich rede nicht über die begrenzten Stellen für Sportsoldat*innen bei der Bundeswehr, die sehr wertvoll sind, aber bei weitem nicht ausreichen.
Ich denke da, um noch einmal auf die Bundesliga zurückzukommen, an ein etabliertes Ligaformat mit Sponsoren, Übertragungen, Fangemeinschaften und so weiter die ein flächendeckendes System entstehen lassen kann, welches reizvolle Perspektiven für unsere Sportler*innen schafft. So entsteht eine echte Wertschöpfungskette im Boxsport. Und nur so holen wir uns den Respekt zurück. Nicht durch schöne Worte oder Ankündigungen. Sondern durch klare Konzepte und den Mut, neue Wege zu gehen.
Ja, danke bis hierher. Wie ist denn bisher die Resonanz auf die Initiative „Team Amateurboxen“? Welche Rückmeldungen habt ihr?
Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell wächst. Innerhalb weniger Stunden hatten wir 100 Follower auf Facebook. Jetzt auf Instagram, bald TikTok und YouTube. Und das Wichtigste: Es kommen so viele Geschichten, so viele Erfahrungen, so viel Wut, aber auch so viel Hoffnung zusammen. Boxsportfreunde sagen: Endlich spricht es mal jemand aus. Und sie wollen mitmachen.
Wir wollen echte Gespräche, echte Geschichten, echte Menschen. Und ich wünsche mir, dass andere den Mut finden, mitzumachen.

Wir wollen keine Parallelstruktur. Aber ich habe darüber nachgedacht. Was bräuchte es, um einen neuen Verband zu gründen? Menschen, Mittel, Netzwerke. Ich glaube: Wir hätten das. Aber das ist aktuell gar nicht das Thema. Wir wollen den DBV nicht ersetzen, wir wollen ihn gestalten. Aber nicht mit Floskeln, nicht mit Symbolpolitik, nicht mit denselben Gesichtern und denselben Abläufen. Wir brauchen einen mutigen Neuanfang, mit Mut zur Wahrheit, mit echter Beteiligung, mit Stolz auf unsere Basis.
Der Amateurboxsport ist nicht das Anhängsel irgendeines Präsidiums, er ist der Urheber des Boxsports insgesamt in Deutschland. Und wenn wir jetzt nicht gemeinsam den Wandel einleiten, dann bleiben wir genau das, was wir gerade sind: unsichtbar und bedeutungslos. Das hat keiner verdient und ist für keinen von Vorteil, vor allem nicht für die Menschen, die sich jeden Tag in den Vereinen den Arsch für unseren Sport aufreißen. Für die stehe ich hier. Und für die kämpfen wir im #TeamAmateurboxen.
















Endlich spricht es mal jemand aus.
Beleidigende Kommentare wie die vom Fake „Magnesium“, der nicht mal seinen Klarnamen nennt, helfen nicht weiter.
Raiko hat meine vollen Respekt die Dinge beim Namen zu nennen und auch dann geeignete Vorschläöge zu machen. Die letzten Jahre waren beim DBV wirklich nur Amateure am Werk. So sollte (darf) es nicht weitergehen. Reguläre Wahlen, die vorher nicht „abgekaspert“ sind, wären ein erster Schritt in die richtige Richtung!
raiko morales hat vollkommen recht, insbesondere mit seiner kritik an „prägenden“ gestalten des DBV.
mir fällt gerade ein bericht von einem verbandstag unter kyas ein (auf der DBV-seite),
das klang wie von einem parteitag in nordkorea.
unser schöner sport glänzt nicht gerade in diesem licht.