Der Triumph der Hoffnung

Die Statistik spricht für Wilder, alles andere gegen ihn.

Der Hype ist vorbei. So, oder so ähnlich, könnte das Fazit zum letzten Auftritt von WBC-Weltmeister Deontay Wilder aussehen. War der Amerikaner noch vor einem Jahr so etwas wie die Lichtgestalt des Schwergewichtsboxens, der Heilsbringer und baldige Klitschko-Bezwinger, so ist er heute lediglich ein weiterer Name auf der Liste möglicher Klitschko-Opfer.

Zu schwach waren die WM-Kämpfe gegen Stiverne und Molina, in welchen er, obgleich kaum gefordert, jegliche Dominanz vermissen lies.

34 – 0 – 0, dabei 33 vorzeitige Siege, kein einziger Niederschlag in einem Profikampf und eine Statur, die auch im Schwergewichtsboxen seines Gleichen sucht (Größe: 201 cm, Reichweite: 211 cm) – eigentlich Werte, die dem bisherigen Status des Amerikaners gerecht werden. Über die Runden musste Wilder bislang nur in einem einzigen Kampf, vor knapp einem halben Jahr, bei seinem Titelgewinn gegen Bermane Stiverne. Auch das sollte, eigentlich, kein Grund zur Beschwerde sein.

Eigentlich…

Die Statistik spricht für Wilder, alles andere gegen ihn.

Und dennoch haben sie ihre Berechtigung, die Fragezeichen, welche mittlerweile über dem tatsächlichen Leistungsvermögen von Deontay Wilder schweben.

„Das war einer der schwächsten und peinlichsten Schwergewichts-WM-Kämpfe den ich jemals gesehen habe. Ich würde wetten, dass Marco Huck den Wilder ausknockt. Der ist offen wie ein Scheunentor.“, bilanzierte beispielsweise der ehemalige Boxpromoter Ebby Thust auf der Facebookseite von Boxen1 nach Wilders Sieg über Eric Molina.

Kritische Stimmen gab es schon lange. Kritik an seiner Beinarbeit, Kritik an seinem häufig uninspirierten Jab, Kritik an der Deckungsarbeit und, nicht zuletzt, an seiner Gegnerauswahl.

Jason Gavern beispielsweise, Wilders letzter Gegner vor dem Weltmeisterschaftskampf gegen Stiverne, wies zum Zeitpunkt des Kampfes bei 25 Siegen schon 16 Niederlagen auf. Bekanntere Boxer wie Malik Scott oder Siarhei Liakhovich hingegen hielten in ihren Kämpfen nicht einmal ansatzweise das, was sie versprachen und gingen schon, ohne Wilder ernsthaft geprüft zu haben, in Runde eins KO.

Der Triumph der Hoffnung über den Verstand

Wilders Weltranglistenplatzierungen in den letzten zwei Jahren stellten viele Boxexperten vor ein Rätsel und ließen sich wohl vor allem durch eines erklären: Hoffnung. Der schier unglaubliche Kampfrekord mit Knockout nach Knockout, seine unbändige Kraft, gepaart mit seinem Auftreten machten den heutigen Weltmeister zwar äußerst medienwirksam, der wahre Grund für seine Stilisierung zum Retter des Schwergewichts liegt jedoch in Europa.

Superweltmeister Klitschko stand für seine Art der Kampfesführung schon lange in der Kritik, galt für viele als der Grund für das schwindende Interesse am Boxsport. Seine Dominanz konnte und kann langweilen, auch deshalb, weil es keine adäquaten Kontrahenten zu geben schien.

Vor allem in physischer Hinsicht ist Wladimir Klitschko seit Jahren ungeprüft. Einzig Mariusz Wach, der 2012 nach Punkten unterlag, konnte dem Ukrainer in Sachen Reichweite und Körpergröße Paroli bieten.

Mit KO-Künstler Deontay Wilder schien nun endlich einer mit den Hufen zu scharren, der Klitschko gefährlich werden könnte – zumal der Verdacht des „Glaskinns“ nach wie vor über dem jüngeren der Klitschkobrüder schwebt.

So obsiegte die Hoffnung auf Spannung im Schwergewicht über die bittere Realität. Spätestens der gestrige Kampf gegen Eric Molina bewies: Wilder ist noch lange nicht so weit, Klitschko zu gefährden. Zu schlecht ist seine Deckungsarbeit, zu ungenau sein Jab, zu langsam seine Beinarbeit.

Grandios jedoch bleibt seine Knockoutquote. Und damit verbunden auch die Hoffnung auf den einen Schlag. Den einen Schlag, der die Verhältnisse im Schwergewicht wieder interessant machen könnte.

Und plötzlich triumphiert sie wieder. Die Hoffnung über den Verstand…

Der Triumph der Hoffnung
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