Das lange Warten der Boxfans auf die Big Fights im Schwergewicht

Wann werden wir endlich die großen Kämpfe zwischen Joshua, Wilder und Fury sehen?

Wann werden wir endlich die großen Schwergewichtskämpfe zwischen Anthony Joshua, Deontay Wilder und Tyson Fury sehen? Diese Frage stellt sich so mancher Boxfan in diesen Tagen. Schließlich wollen die Fans den Kampf, der Markt wäre da, die Kassen würden klingeln! Dieser Artikel analysiert, warum die Situation momentan ziemlich düster aussieht, welche konkreten Hürden den Kämpfen im Wege stehen und ob diese Hürden in naher Zukunft vielleicht doch noch überwunden werden können.

Anthony Joshua

Die Ausgangsstellung

Die boxpolitische Lage mit der momentanen Top 3 im Schwergewicht könnte nicht verzwickter sein. Allen voran steht die Problematik, dass die großen Drei (Tyson Fury, Deontay Wilder und Anthony Joshua) allesamt auf unterschiedlichen Plattformen boxen.

Der „Lineal“-Titelträger Tyson Fury unterschrieb im letzten Februar einen Co-Promotional Deal mit Top Rank und wird fortan auf dem US TV-Sender ESPN und der Streaming-Plattform ESPN+ boxen. Der erste Kampf dieses Langzeitvertrages wird am 15. Juni gegen Tom Schwarz sein.

Der WBA-, IBF- und WBO-Titelträger Anthony Joshua boxt unter Matchroom Sports (Eddie Hearn), dessen Standbein in den USA die noch junge Streaming Plattform DAZN ist. Auf DAZN wird voraussichtlich auch sein nächster Kampf am 1. Juni laufen (seit den neusten Dopingvorwürfen gegen Jarrell Miller ist der Gegner noch unklar).

Der WBC-Schwergewichtstitelträger Deontay Wilder hat zwar keinen langjährigen Vertrag mit einer Plattform, schlug aber millionenschwere Angebote von DAZN und ESPN aus und blieb der Organisation Premier Boxing Champions (kurz: PBC; geführt von Al Haymon) loyal. Die Kämpfe der PBC werden auf den US TV-Sendern Showtime, FS1 und Fox ausgetragen. Wilder‘s nächster Kampf (am 18. Mai gegen Dominic Breazeale) wird demnach auf Showtime ausgestrahlt werden.

Neben der Problematik mit den unterschiedlichen Plattformen sind auch viele der verschiedenen Parteien verkracht und liefern sich einen heftigen Schlagabtausch auf den Sozialen Medien. Aufgrund dieser verzwickten Lage werden im Folgenden die verschiedenen Konstellationen unter die Lupe genommen. Um eines vorneweg zu nehmen: Es sieht für die Boxfans momentan nicht gut aus…

Wann sehen wir endlich den Super-Fight zwischen Anthony Joshua und Deontay Wilder?

Anthony Joshua vs. Deontay Wilder?

Das Duell der beiden großen Schwergewichtspuncher sorgt schon seit 2-3 Jahren für Glänzen in den Augen der Boxfans. Die Parteien schickten sich gegenseitig Angebote zu (oft besonders groß in die Medien getragen, was nie ein gutes Zeichen ist), doch richtige Annäherungen gab es nie. Es blieb bei gegenseitigen Beschuldigungen und Vorwürfen.

Wie Boxen1 berichtete, hatte Wilder im März 2019 einen Drei-Kämpfe Deal mit DAZN abgelehnt, welcher auch zwei Kämpfe mit Anthony Joshua beinhalte (wie berichtet wurde, sollte der Deal Wilder über 100 Millionen garantieren). Wilder meinte, er wolle sich nicht langfristig an eine Plattform binden. Da Wilder keinen bindenden Vertrag zu Showtime hat, wäre es ihm prinzipiell nach dem Breazeale Kampf frei, gegen AJ auf DAZN die Titel zu vereinigen. Zweifel sind angebracht, wie realistisch dieses Szenario ist, da doch Wilder gerade einen lukrativen DAZN Deal ausgeschlagen hat.

Wilder‘s Manager Al Haymon befindet sich hier aufgrund seiner Doppelrolle in einer wahren Zwickmühle. Auf der einen Seite hat er als Manager die Aufgabe seinem Klienten Wilder den bestmöglichen Deal zu ermöglichen. Auf der anderen Seite will er als Kopf hinter der PBC den Sendern Fox, FS1 und Showtime die besten Kämpfer zur Verfügung stellen. Der Abzug von Haymon‘s Zugpferd Wilder könnte die Sender verdrießen und sich negativ auf die zukünftige Zusammenarbeit auswirken.

Auch AJ hat offiziell keinen langfristigen Deal mit DAZN und könnte theoretisch auf einem der PBC-Sendern gegen Wilder boxen. Ebenso ist es hier fraglich, wie realistisch dieses Szenario ist. AJ ist vertraglich an Eddie Hearn von Matchroom Sports gebunden. Hearn wiederum steht in enger Beziehung mit DAZN, denn dies ist seine zentrale Plattform um in den USA als Promoter Fuß zu fassen. Auch hier ist es unwahrscheinlich, dass Hearn seinen größten Superstar von DAZN abziehen würde und er es sich damit mit den Bossen der Plattform verscherzt.

Oft wird das Argument aufgeführt, die Parteien könnten sich ja einigen und der Kampf würde dann auf den beiden Plattformen gleichzeitig laufen. Diese Idee scheint in diesem Falle jedoch als praktisch nicht umsetzbar. Al Haymon möchte einen Kampf von dieser Größe als Pay-Per-View (PPV) anbieten, was den Kauf der Fightcard den Boxfan um die 70 – 100 Dollar kostet (um den Kampf auf dem Fernseher zu sehen, versteht sich!). DAZN will im Gegensatz keine PPV’s verkaufen und hat sogar dem PPV-Modell den Kampf angesagt. Sie wollen AJ vs Wilder im üblichen Monatsabo-Preis anbieten. Hier beißen sich die beiden Finanzierungssystem, was eine Einigung zu einem Gemeinschaftsprojekt faktisch unmöglich macht.

Auswege aus der Situation: Der Kampf muss auf der einen oder auf der anderen Plattform (DAZN oder PBC) laufen. Daran führt kein Weg vorbei. Wilder müsste beispielsweise (gegen den Willen der PBC affilisierten Sendern) zu DAZN wechseln. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Hearn AJ zurück zu Showtime führt. Dies könnte vielleicht sogar eines Tages möglich sein. Als vor weniger als einem Jahr der grosse DAZN Deal mit Matchroom Sports verkündet wurde, hielt Hearn bei DAZN eine entscheidende Position inne. Damals schien es, als ob das ganze Boxprogramm nur in Kooperation mit Hearn laufen würde. Seine Position bei DAZN wurde aber geschwächt, als die Streaming-Plattform im letzten Herbst den ehemaligen ESPN-Präsidenten John Skipper als „Executive Chairman“ verpflichtete. Promoter wie Golden Boy oder GGG Promotions konnten mit Skipper Verträge abwickeln, ohne dass Hearn konkret involviert war. Sofern Hearn’s Position bei DAZN weiter geschwächt würde, könnte es vielleicht möglich sein, dass er mit seinem Zugpferd AJ nach neuen Optionen Ausschau halten muss. Natürlich besteht theoretisch auch die Möglichkeit, dass Boxen auf DAZN schon bald Geschichte sein wird. Die neue Streaming-Plattform investiert enorm viel Geld in den Boxsport. Was aber wenn die Abonnenten ausbleiben und die Investoren den Geldhahn zudrehen? Dann würden auch AJ und Hearn gezwungen sein, sich nach neuen Optionen umsehen zu müssen. Dies ist aber zumindest zurzeit lediglich Spekulation. Schlussendlich ist die Wahrscheinlichkeit für einen AJ vs Wilder Kampf in naher Zukunft leider als gering einzustufen. Sie ist aber nicht die unwahrscheinliche Option aller drei potentiellen Kämpfe zwischen Fury, Wilder und AJ…

Wann kommt es endlich zum Revanche-Kampf zwischen Deontay Wilder und Tyson Fury

Deontay Wilder vs. Tyson Fury II?

Bevor für die ganze Boxwelt überraschend, Tyson Fury seinen Co-Promotional-Deal mit Top Rank und ESPN verkündete, schien das Rematch Wilder-Fury auf Kurs zu sein (auf Showtime wie der Hinkampf). Mit Top Rank‘s Bob Arum (Tyson Fury) und PBC’s Al Haymon (Deontay Wilder) stehen sich nun zwei verbitterte Rivalen im Boxgeschäft gegenüber. Beide Parteien hatten sich in der Vergangenheit schon geweigert mit dem anderen Geschäfte zu machen. Noch nicht lange ist es her, seit Promoter Arum sogar die Existenz von Al Haymon gänzlich angezweifelt hat oder aber den ominösen Manager, der nicht mit den Medien spricht, als „Mister Cancer“ bezeichnet.

Nach der Bekanntgabe von Fury’s Top Rank Deal ließ Arum nicht lange auf sich warten und bot dem Free Agent Wilder einen Vertrag für mehrere Kämpfe an, was auch den Showdown mit Fury beinhalte. Der Kampf sollte „mariniert“ werden (ein alte Metapher von Bob Arum, die auf den Sozialen Medien nach dem ins Wasser gefallenen Kampf zwischen Yuriorkis Gamboa und Juanma Lopez immer noch für Belustigung sorgt). Wie der DAZN Deal hat Wilder ebenfalls dieses Angebot abgelehnt. Falls sich Wilder überraschenderweise nach dem Breazeale Kampf doch noch dazu entschließt, die „Seiten zu wechseln“ um einen grossen Kampf anzustreben, dürfte es wahrscheinlicher sein, dass er in Richtung DAZN und AJ schielt. Der Geldtopf ist da größer.

Und Fury? Der ist für die nächste Zeit vertraglich an ESPN und Top Rank gebunden. Ein „Seitenwechsel“ seinerseits ist praktisch unmöglich.

Auswege aus der Situation: Theoretisch wäre es möglich, dass sich die beiden Parteien auf ein Gemeinschaftsprojekt einigen könnten. Dies hat beispielsweise bei Floyd Mayweather Jr. (SHO/ Al Haymon) vs. Manny Pacquiao (damals HBO/ Top Rank) funktioniert. Dieser Kampf der Superlative wurde von den beiden Sendern HBO und SHO gemeinsam als PPV angeboten. Wäre also ein ESPN/SHO „joint“ PPV auch für Wilder-Fury II möglich? Theoretisch ja! Für beide Parteien ist klar, dass ein solches Aufeinandertreffen als PPV laufen müsse um die ganze große Kasse zu machen. Jedoch war bei Mayweather vs Pacquiao der Anreiz sich gemeinsam an den grünen Tisch zu setzen und die Kriegsbeile zu begraben deutlich größer. Wilder vs Fury 2 wäre zwar wiederum ein großer Kampf (der Hinkampf macht um die 325.000 PPV Buys), aber um Längen nicht in den Sphären von Mayweather vs Pacquiao (dieser machte über 4.500.000 PPV Buys). Die Möglichkeit, dass die verbitterten Parteien über den eigenen Schatten springen ist vorhanden, aber darauf zu setzen, wäre abzuraten.

Wann sehen die Boxfans den Kampf Anthony Joshua vs. Tyson Fury?

Anthony Joshua vs. Tyson Fury?

Ein Inselduell der beiden Top-Schwergewichtler würde eigentlich allen Sinn der Welt machen. Beide sind enorm populär in Grossbritannien, es ist ein Kampf der gegensätzlichen Stile und Persönlichkeiten, und die beiden mögen sich nicht. Doch für ein Zustandekommen dieses Kampfes muss sehr viel passieren.

Dass die beiden Promoter Frank Warren (er ist Tyson Fury’s Hauptpromoter neben dem Co-Promoter Top Rank) und Eddie Hearn keine Freunde sind, ist da noch das geringste Problem. Wie bereits oben erläutert, steht Tyson Fury unter einem langzeitlichen Vertrag mit Top Rank/ ESPN, während AJ mit Eddie Hearn stark an DAZN gebunden ist. ESPN sieht Fury als ihr Aushängeschild im Schwergewicht, welches sie kaum für einen der größtmöglichen Kämpfen „auf die andere Seite“ überlaufen lassen würden. Genauso wenig würde Hearn AJ von seiner DAZN Plattform abziehen.

Auch hier stellt sich somit die Frage, ob ein Gemeinschaftsprojekt von DAZN und ESPN möglich wäre.

Fury’s Co-Promoter Top Rank möchte einen AJ-Kampf auf ESPN PPV. Wie bei der Konstellation AJ-Wilder wäre dies aufgrund der unterschiedlichen Finanzierungssysteme von PPV und DAZN nicht möglich (PPV und Abonnementspreise beißen sich). Da Fury an Top Rank langfristig gebunden ist und ein Gemeinschaftsprojekt gut ausgeschlossen werden kann, ist zumindest für die nächste Zeit, Fury-AJ der unwahrscheinlichste aller drei Kämpfe.

Auswege aus der Situation: Wie auch bei der Konstellation AJ-Wilder besteht prinzipiell die Möglichkeit, dass Hearn aufgrund eines Machtverlustes bei DAZN oder einem spekulierten „Shut Down“ von Boxen auf der neuen Streaming Plattform mit seinem Superstar AJ bei den anderen Sendern „shoppen“ geht. ESPN hätte sicherlich ein Rieseninteresse, AJ mit ins Boot zu holen. Ein anderes (weit hergeholtes) Szenario wäre, Fury würde sich aus irgendwelchen Gründen mit ESPN/ Top Rank verkrachen und beschließen, getrennte Wege zu gehen. Somit wäre Fury wieder ein Free Agent. Das sind jedoch momentan nur pure Spekulationen. Mit einem zeitnahen Zusammentreffen zwischen Fury und AJ ist somit nicht zu rechnen.

Bob Arum (Top Rank), Eddie Hearn (DAZN) und Al Haymon sind die größten Box-Promoter der Welt.

Fazit

Die Lage sieht momentan leider besonders düster aus. Das TV-Sender-, Manager- und Promoter-Wirrwarr ist momentan hauptverantwortlich für die Verhinderung des „Giganten-Treffens“. Hoffnungsfunken auf ein Zusammentreffen bestehen vor allem darin, dass sich dieses boxpolitische Wirrwarr neu mischt. Zusätzlich müssen natürlich auch noch die (großen) Egos der Protagonisten überwunden werden. Nicht unwahrscheinlich also, dass wir in den nächsten 1-2 Jahren keinen weiteren Kampf zwischen den drei Größen sehen werden. Die vielleicht einzigen guten News sind: Boxpolitisch festgefahrene Konstellationen können sich unglaublich schnell verändern (beispielsweise hat sich nur im letzten Jahr HBO vom Boxen verabschiedet und eine neue Plattform DAZN kam auf, die sogleich die Superstars des Sports wie Canelo, Golovkin oder eben AJ verpflichtete).

Kommt es vielleicht schon bald zum Kampf Anthony Joshua vs. Oleksandr Usyk?

Der Autor dieses Artikels rechnet übrigens damit, dass der von Matchroom Co-promotete Cruiergewichtler Oleksandr Usyk im Schwergewicht Wellen schlagen wird und AJ vs Usyk der nächste große Schwergewichtskampf werden wird. Dies wäre zumindest boxpolitisch ein äusserst gut machbarer Kampf.

Das lange Warten der Boxfans auf die Big Fights im Schwergewicht
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