Auf Karrierehöhepunkt: Exklusivinterview mit Yusuf Kangül

Foto: Konstantinos Sarigiannidis

Im Mai hat Yusuf Kangül als Underdog Avni Yildirim in Istanbul in einem sensationellen Kampf vorzeitig besiegen können. Er hält damit nun den WBC EuroAsia und den WBC Türkiye Titel im Supermittelgewicht. Boxen1 hat mit ihm gesprochen. Der bodenständige Duisburger erzählt voller Loyalität und Dankbarkeit, wie er mit mittlerweile 38 Jahren nun den Höhepunkt seiner Karriere erreichen konnte.

Yusuf Kangül mit 38 Jahren auf dem Karrierehöhepunkt

Du hast zuletzt am 15. Mai in Istanbul gegen Avni Yildirim geboxt und in einem sensationellen Kampf vorzeitig gewonnen und dabei den WBC EuroAsia & WBC Türkiye Titel gewonnen. Wie ist es dir seitdem ergangen? Ist schon ein neuer Kampf geplant?

Yusuf Kangül: Es ist bereits ein neuer Kampf für Ende September geplant. Konkreteres kann man dazu allerdings jetzt noch nicht sagen. Es ist wird allerdings nicht Avni Yildirim sein. Avni ist eliminiert.

Wie war es in Istanbul in der Basketballhalle von Besiktas anzutreten? Wie war die Stimmung?

Yusuf Kangül: Die Stimmung war Bombe. Das war ein Erlebnis! Mit der Veranstaltung hat der Ahmet Öner eine sensationelle Arbeit abgeliefert. Die Halle, die Organisation, da hat alles gestimmt. War einfach nur geil! Den Zuschauern wurde viel geboten. Nicht nur die Kämpfe, sondern auch im Publikum waren viele prominente Schauspieler. Die waren zwar anfangs gegen mich. Aber sicher habe ich auch ein paar neue Fans gewonnen.

Bist du eigentlich Besiktas-Fan?

Yusuf Kangül: Was heißt Fan… Da gibt es so eine Gruppe Carsi, das sind die Hooligans – ich komme von denen (Yusuf lacht augenzwinkernd). Aber Sympathien für Besiktas habe ich auch.

Schlägt dein Herz eigentlich auch für den MSV Duisburg?

Yusuf Kangül: Duisburg brauchst du mir nicht zu sagen. Ich komme aus Duisburg Marxloh – das ist ein Unterschied!

Auf Instagram kann man lesen, wie du bereits eine Woche nach deinem Kampf gegen Avni Yildirim wieder bei der Arbeit warst. Deine Kollegen waren sicher stolz auf dich. Was haben Sie sich zur Überraschung für dich einfallen lassen?

Yusuf Kangül: Normaler Weise gehe ich nach meinen Kämpfen immer wieder direkt am Montag arbeiten. Diesmal habe ich mir ausnahmsweise eine Woche frei genommen. Die Kollegen haben sich natürlich sehr gefreut. Ich arbeite ja schon seit 21 Jahren bei der DHL Freight Duisburg im Lager. Mir wurde nie was geschenkt. Ich arbeite jeden Tag von 8:00 bis 17:00 Uhr. Trainieren kann ich nur entweder abends oder früh morgens. Aber meine Kollegen, insbesondere aus meiner Abteilung ULA, haben mich immer voll unterstützt: Mirko Schott, Arkadius Stefanski, Julian Chamorro-Puente, Hasan Aktag, Akut Altindag, Fatih Kanitez und Huseyin Bekar. Manche Kollegen sagen auch, die DHL sollte mich mal ein Jahr bezahlt freistellen. Dann könnte ich erstmals als Vollprofi zeigen, wozu ich fähig bin.

Du hast für einen Boxer eine ungewöhnliche Vita. Du hast 2013 – erst relativ spät – mit dem Profiboxen begonnen. Soweit ich weiß auch ohne langen Amateurhintergrund. Erklär uns gerne, wie du zum Boxen gekommen bist.

Yusuf Kangül: Ich kam erst nach einem Schicksalsschlag zum Boxen. Mein Bruder wurde im Jahr 2000 erschossen als ich 16 Jahre alt. Davor hatte ich nur gelegentlich trainiert. Von ihm hatte ich meine ersten Handschuhe bekommen. Um die ganze Trauer und Wut zu verarbeiten, bin ich zum Boxen gekommen.

Ich habe 47 Amateurkämpfe gemacht. Bei einem Amateurkampf wurde ich ungerecht behandelt. Darüber habe ich mich beschwert und wurde dann für 6 Monate gesperrt. Nach der Zwangspause habe ich wieder angefangen und habe dann aber nochmal eine vollkommen ungerechtfertigte Sperre erhalten, weil ein Zuschauer – angeblich aus meinem Fanlager – einen Bierbecher in den Ring geworfen hatte. Danach habe ich meine Amateurkarriere beendet und erst Mal ein Jahr lang gar nicht mehr geboxt.

Yusef Ramadan und Werner Kreiskott haben mich dann wieder zum Boxen gebracht. Ihnen habe ich daher auch viel zu verdanken. Anfangs habe ich mich selber organsiert. Aber ich habe dann auch viel Unterstützung von langjährigen Weggefährten bekommen: Hassan Serhan, Marko Ostojic, Ümit Gürbüz, Selcuk Kilic, Zihni Günes, Selhattin (Selo) Atik, Sven Hofmann, Adem Kilic, Sebatin Celik und Aijdin Reiz und Ruben Jarding von Benlee. Mein Trainer Salin Yildirim spielt natürlich auch eine ganz große Rolle. Mama, Papa und meine Brüder sowieso.

Der Kampf gegen Avni Yildirim war ein Traum für alle Boxfans. Ihr wurdet beide mindestens einmal angezählt und Ihr habt Euch nichts geschenkt. In der 4. Runde wurdest du selbst angezählt. Wie ernst war die Situation aus deiner Sicht?

Yusuf Kangül: Der Niederschlag war mein eigener dummer Fehler, da war ich zu emotional. Ich war auch nicht ernsthaft angeschlagen, bin ja auch gleich wieder aufgestanden. Ich wollte den einfach umnieten. Avni Yildirim und ich waren früher gute Freunde. Wir haben teilweise täglich miteinander telefoniert. Wir haben miteinander gegessen und getrunken. Aber seit er die Kohle aus dem Canelo-Kampf hatte, hat er sich für was Besseres gehalten und der Kontakt ist abgerissen. Auch was bei dem ersten Kampf in Hamburg passiert ist, war nicht in Ordnung. Mein Trainer Salin hat mich nach dem Niederschlag auch direkt gefragt: „Was machst du?“. Der Plan war ja eigentlich Yildirim auszuboxen.

Zu welchem Zeitpunkt warst du dir sicher, dass du den Kampf gewinnen würdest? Bereits nach dem ersten Niederschlag in der 3. Runde oder erst in der 8. Runde als Yildirim die Kraft ausging?

Yusuf Kangül: Ab der 6. oder 7. Runde habe ich mir gedacht, ich schaffe ihn. Salin hat dann gesagt „immer weiter“. Schau dir das Video vom Kampf an! In der 9. Runde bin ich mit dem Rücken in meiner Ecke. Man erkennt im Video wie Salin-Abi – also mein Trainer – die Overhand Right vormacht. Das habe ich alles im Augenwinkel gesehen. Und genau den Schlag habe ich dann einfach nur rausgeschossen. Zuerst ein Mal – Bamm. Dann ein zweites Mal und dann ging’s für Yildirim bergab.

Ist ein Rückkampf geplant oder war dein Sieg so eindeutig, dass eigentlich kein drittes Duell mehr erforderlich ist?

Yusuf Kangül: Ursprünglich war ein Rückkampf geplant. Aber wozu? Da komm ich, Semi-Profi und halber Opa und filetiere den. Öner wollte den Kampf aber nicht, obwohl wir vertraglich dazu verpflichtet gewesen wären.

Du bist jetzt 38 Jahre alt und auf dem Höhepunkt deiner Karriere. Wie viele Kämpfe stecken noch in dir? Wie lange möchtest du noch aktiv sein?

Yusuf Kangül: Viele haben an mir gezweifelt. Auf Instagram habe ich vor dem Yildirim-Kampf viele böse Nachrichten bekommen: „Avni wird dich zum Krüppel schlagen“. Avni wird dies, Avni wird das. Nach dem Kampf habe ich in die Kamera gerufen: „Es ist erst zu Ende, wenn ich sage, es ist zu Ende“ und „viele von Euch haben sich gewünscht, dass ich falle. Aber ich bin nicht gefallen.“ Man sagt bei uns, wenn die Gebete von einem Hund erhöht werden würden, würden Knochen vom Himmel fallen. Aber die Gebete dieser zweibeinigen Hunde sind nicht erhört worden.

Ursprünglich wollte ich mal mit 39 Jahren aufhören. Wenn mich Avni Yildirim brutal KO geschlagen hätte, hätte ich vielleicht über ein Karriereende nachgedacht. Jetzt will ich es nochmal wissen. Ich will später nicht bereuen, dass ich es nicht noch einmal probiert habe. Und es gibt ja auch gute Vorbilder. Bernard Hopkins oder Glen Johnson haben z.B. noch mit weit über 40 Jahren noch geboxt.

Außerdem mache ich das für meine Eltern. Nach dem Tod meines Bruders haben sie sehr gelitten und viel geweint. Durch meinen Erfolg im Boxen weinen sie vor Freude.

Wenn du dir deinen nächsten Gegner jetzt frei raussuchen könntest. Gegen wen würdest du am liebsten im nächsten Kampf kämpfen?

Yusuf Kangül: Ich würde gerne nochmal gegen Vincent Feigenbutz boxen. Aber diesmal mit ausreichend Vorbereitungszeit. Außerdem habe ich eine Rechnung offen mit Tyron Zeuge. Für den hatte ich mich damals 17 Wochen im Trainingslager umsonst vorbereitet. Der Termin wurde zuerst immer wieder um zwei Wochen verschoben. Und am Ende hat er den Kampf dann ganz abgesagt. Das hat alles Geld gekostet und ich hatte mir unbezahlten Urlaub genommen.

Wir haben zuletzt ein Interview mit einem weiteren deutschen Supermittelgewichtler mit türkischen Wurzeln geführt: Emre Cukur. Er und sein Vater haben sehr respektvoll von dir gesprochen. Wäre das ein möglicher Kampf für dich? Könnte das ein großes nationales Event sein? Zum Beispiel in einer deutschen Region mit großer türkischer Community, z.B. im Ruhrgebiet oder Berlin?

Yusuf Kangül: Der Kampf wäre schon machbar, aber das ist auch kein Kampf, den man machen muss. Vor seinem Vater habe ich großen Respekt. Daher respektiere ich natürlich auch Emre. Das ist aber auch kein Kampf wie gegen Avni. Im Kampf gegen Avni ging es mir um das Prinzip, nicht um die Börse. Das wäre mit Emre nicht der Fall.

Gemäß unabhängiger Rangliste von Boxrec bist du im Supermittelgewicht die Nummer vier in Deutschland. Für die Fans sind deutsch-deutsche Duelle etwas ganz Besonderes. Wo siehst du die Stärken und Schwächen der restlichen Top-Boxer in der deutschen Rangliste?

Felix Sturm (Rang 1)

Yusuf Kangül: Ich kann Felix Sturm noch nicht mal das Wasser reichen. Wer bin ich? Um Gottes Willen, nein. Der wurde fünf Mal Weltmeister. Ist auch heute in seinem Alter noch ein Weltklasse-Athlet. Da ziehe ich den Hut! Ich habe riesigen Respekt vor ihm. Das deutsche Boxen hat ihm viel zu verdanken.

Nick Hannig (Rang 2)

Yusuf Kangül: Der war mit Petko in Kooperation. Der ist ein Springer zwischen Supermittel- und Halbschwergewicht. Er ist auch ein Arbeiter wie ich. Der bekommt auch nichts geschenkt. Der arbeitet und boxt. Das respektiere ich sehr.

Dimitar Tilev (Rang 8, aber Deutscher Meister BDB)

Yusuf Kangül: Tilev ist auch ein anständiger Bursche. Der deutsche Meister Titel, den Tilev gerade hält, ist für mich aber nicht spannend.

Welche anderen deutsch-deutschen Duelle fändest du reizvoll?

Yusuf Kangül: Im Halbschwergewicht gäbe es noch ein paar Gegner, die ich spannend finde. Robin Krasniqi wäre ein super Kampf. Vor dem habe ich riesigen Respekt. Ich fand es auch überhaupt nicht in Ordnung, was die mit ihm im letzten Kampf gegen Dominic Bösel gemacht haben. Traurig. Dominic Bösel würde ich übrigens auch gerne boxen.

Boxen1 bedankt sich bei Yusuf Kangül für das Interview und wartet gespannt auf seinen nächsten Kampf im September.

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