
In einem wenig ansehnlichen David-gegen-Goliath-Duell tut sich der Favorit lange schwer, ehe er seinen körperlich unterlegenen Gegner stoppt.
Am Freitag fand im Kaseya Center in Miami, Florida, ein vielbeachtetes Box-Event statt, live auf Netflix. Zwar gab es auf der Undercard zahlreiche Weltmeisterschaftskämpfe bei den Damen zu bestaunen, doch der sportlich eher belanglose Hauptkampf stand im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ex-Weltmeister, Olympiasieger und Schwergewichtsstar Anthony Joshua (29-4) traf auf den Influencer-Boxer Jake Paul (12-2). Ein ungleiches Duell auf dem Papier, das viele Fragen aufwarf. Wie würde ein solches Aufeinandertreffen verlaufen, und gäbe es womöglich eine Absicherung in Form einer Kampfabsprache?
Die zahlreichen Diskussionen führten letztlich dazu, dass der Kampf trotz seines mäßigen sportlichen Werts plötzlich doch interessant und schwer greifbar erschien.
Kampfabsage führte zum Duell mit Joshua
Ursprünglich war geplant, dass Jake Paul am 14. November auf den Leichtgewichtsweltmeister Gervonta Davis (30-0-1) treffen sollte. Nach einem erneuten Davis-Skandal musste das Event jedoch abgesagt werden, und mit Joshua fand man kurzfristig einen Ersatzgegner für Dezember. Auf dem Papier sanken dadurch Pauls ohnehin geringe Siegeschancen um ein Vielfaches. Zwar gilt Davis boxerisch als deutlich stärker als Paul, doch dieser hätte zumindest massive physische Vorteile gegenüber einem Leichtgewicht gehabt – gegen Joshua war selbst dieser Punkt hinfällig.
Ein absolutes David-gegen-Goliath-Duell also, bei dem Paul eigentlich nur verlieren konnte – oder etwa nicht? Grundsätzlich hätte man das annehmen können, doch der größere Druck lag eindeutig bei Joshua. Als Boxstar musste er gewissermaßen die Ehre des Profiboxens gegen den Influencer verteidigen. Ein Sieg war Pflicht, idealerweise vorzeitig, um keinen Gesichtsverlust zu riskieren. Von Paul hingegen wurde wenig erwartet, was ihm die Möglichkeit gab, sich vor allem auf das Vermeiden zu konzentrieren.
Paul vollzog einen Marathonlauf ums Überleben

Der Kampf begann, und die physischen Unterschiede waren sofort erkennbar. Joshua wirkte größer und massiger, dabei jedoch auch langsamer. Paul nutzte den außergewöhnlich großen Ring, bewegte sich ständig von Ecke zu Ecke und bot kein statisches Ziel. Dadurch verliefen die ersten Runden äußerst ereignisarm und wirkten ausgeglichen. Klare Treffer waren auf beiden Seiten Mangelware, sodass man durchaus von engen Runden sprechen konnte. Da Paul jedoch überwiegend negativ unterwegs war und Joshua die Ringmitte kontrollierte, gingen die ausgeglichenen Durchgänge folgerichtig an den Briten.
In Runde vier wirkte Joshua zunehmend genervt. Paul wurde durch die permanente Bewegung spürbar müder und nahm jede kurze Verschnaufpause dankend an, von denen es nun immer mehr gab. Wollte Joshua ihn stellen, ging Paul nicht selten nach vorne und suchte das Ringen – eine Taktik, die im MMA sinnvoll erscheinen mag, im Boxen jedoch kaum. Dies führte zu zahlreichen Unterbrechungen und einem zunehmend wütenden Joshua, der die sich bietenden Gelegenheiten nutzte, um Paul noch ein oder zwei zusätzliche Schläge mitzugeben.
Unansehnliches Duell wurde in Runde 6 beendet
Erst nach der Hälfte des auf acht Runden angesetzten Kampfes kam wirklich Fahrt hinein. Paul wirkte stark erschöpft, landete einen seiner wenigen Treffer, ging danach jedoch nach Körpertreffern zu Boden und wirkte deutlich angeschlagen. Er schien sich dabei auch etwas am Bein verletzt zu haben, stand jedoch wieder auf, ehe er erneut zu Boden ging. Die fünfte Runde überstand er nur mit großer Mühe, und das Ende war absehbar.
Paul rettete sich noch in die sechste Runde, wo er schließlich jedoch zweimal zu Boden ging und ausgezählt wurde. Insbesondere der letzte der insgesamt vier Niederschläge war der härteste, und einige der zahlreichen Jake-Paul-Hater dürften bei diesem Anblick sicherlich frohlockt haben.
Insgesamt muss man jedoch konstatieren, dass Paul das Beste aus seinen bescheidenen Möglichkeiten gemacht hat. Joshua war ihm in sämtlichen Bereichen überlegen, und die einzig vernünftige Taktik bestand darin, die Beine in die Hand zu nehmen und Runden zu sammeln. Das führte zu einem wenig ansehnlichen Kampf, aber auch zu einem favorisierten Joshua, der sich über mehr als die Hälfte der Kampfzeit überraschend schwertat. Ein kleiner Achtungserfolg für den polarisierenden Underdog.
The moment Anthony Joshua knocked Jake Paul out! #JakeJoshua pic.twitter.com/TiP0ovbpzf
— Netflix (@netflix) December 20, 2025
Für Joshua hat sich die Zirkusnummer mit mindestens 70 Millionen Euro hingegen absolut bezahlt gemacht. Nun sollen wieder sportliche Aufgaben im Vordergrund stehen. Ein Duell mit Tyson Fury (34-2) ist geplant und würde auf der Insel gewiss sämtliche Rekorde brechen sowie finanziell der heutigen Nummer in nichts nachstehen.














