
Der Stuttgarter Altin Zogaj steht vor einem wegweisenden internationalen Titelkampf in Kanada. Sein Gegner ist ein gefürchteter türkischer Puncher.
Es ist Fight Week für den bevorstehenden Halbschwergewichtskracher zwischen Mehmet Ünal (14-0) und Altin Zogaj (17-0) um den WBC Continental Americas-Titel. Beide Männer treffen am Donnerstag im Casino Montréal aufeinander, bei einem großen Event der kanadischen Nummer-eins-Promotion Eye of the Tiger. Geplant sind sieben Kämpfe, wobei insbesondere aus deutscher Perspektive der Kampf mit Zogaj natürlich heraussticht.
Im Vorfeld reflektierte Zogaj ausführlich die Ausgangslage. Es ist ein wegweisender Kampf, der über die weitere Karriere entscheidet. Kann er auf internationalem Topniveau mithalten und sich für weitere ganz große Kämpfe empfehlen – oder wird es ein schmerzhaftes Auswärtsspiel? Ungeachtet des Ausgangs ist jedoch sicher, dass genau diese großen Kämpfe stets das Ziel waren, jenes man all die Jahre verfolgt hat.
„Es war immer mein Ziel, im Boxen nach oben zu kommen und mich mit den Besten zu messen“, so Zogaj gegenüber Boxen1.
Zogaj suchte stets die sportliche Herausforderung

WBA-Continental-Europe: Altin Zogaj (GER) – Alexander Rigas (GER)
© Torsten Helmke
Der Stuttgarter wurde im Kosovo geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Hier hat er sich auch abseits des Boxrings akademisch weitergebildet. Wer seine sportliche Laufbahn verfolgt hat, weiß, dass Zogaj stets darauf bedacht war, sich sportlich zu messen und weiterzuentwickeln. So finden sich auf den ersten Blick zwar einige eher unspektakuläre Bilanzen bei seinen Gegnern im Kampfrekord, die jedoch bei genauerem Hinsehen durchaus positiv hervorstechen.
Siege über Iago Kiziria (11-18) oder Michal Ryba (26-12-1) sind für einen Boxer in Deutschland in der Aufbauphase bereits starke Statements, an denen viele andere scheitern würden. Im Gespann mit Conny Mittermeier setzte man bewusst auf sportliche Reize, statt künstliche Scheinrekorde mit hohen KO-Quoten auf dem Papier aufzubauen, bei denen beim ersten ernsthaften Gegner die gesamte Bilanz ins Wanken gerät.
Der Schlüssel zum Erfolg soll eine perfekte Vorbereitung bieten
Inzwischen wird Zogaj von Istvan Szili trainiert, der sich beispielsweise mit seinem Sieg über Felix Sturm in Dortmund in den Mittelpunkt boxte. Zogaj wird in Kanada als klarer Außenseiter gehandelt und muss überraschen. Doch wie soll dies gelingen? Einer der Schlüssel zum Erfolg ist eine perfekte Vorbereitung, an der nicht gespart werden darf. Dies ist häufig ein Punkt, der bei deutschen Boxern nur unzureichend erfüllt ist und im Kampf selbst dann sichtbare Nachteile mit sich bringt.
Zogaj investierte viel und bereitete sich in Dubai, der Türkei, Deutschland und der Schweiz vor. Ein eigenes Sparring-Team wurde eingekauft, das bestmöglich auf Ünal abgestimmt wurde. Alles kostspielige Investitionen, die jedoch in Kanada Früchte tragen sollen, wo nur eine maximale Leistung erfolgversprechend erscheint.
„Um in der Weltspitze zu boxen, muss man mindestens 20.000 bis 30.000 Euro investieren, um eine perfekte Vorbereitung zu haben. Wenn man nur 5.000 bis 10.000 Euro ausgibt, kann man nicht international erfolgreich sein. Dann fehlt einfach die Qualität. Deshalb war es mir sehr wichtig, viel Geld in die Hand zu nehmen. Das ist die Chance meines Lebens, um ganz nach oben zu kommen und zu zeigen, dass ich international gegen einen Weltklassemann gewinnen kann“, so Zogaj.
Ünal ist eine olympische Powerpunchmaschine

Foto: Vitor Munhoz/Eye Of The Tiger
Der Gegner Ünal wird hingegen ein Heimspiel haben, wenngleich er eigentlich aus der Türkei stammt. Er war ein exzellenter Amateur und nahm an den Olympischen Spielen von Rio teil. Dies führte zu internationalen Begehrlichkeiten, woraufhin er schließlich bei den Kanadiern von EOTT unter Vertrag kam, die auch den Kampfabend ausrichten. EOTT ist eine aufstrebende Promotion, die neben Stars wie Artur Beterbiev und Christian Mbilli auch starke und vielversprechende Schützlinge wie Osleys Iglesias in ihren Reihen weiß. Ünal erweitert dieses ohnehin schon qualitativ herausragende Portfolio für die Kanadier gewinnbringend.
Wer Ünal bereits im Ring gesehen hat, weiß, was ihn auszeichnet und nahezu einzigartig erscheinen lässt. Der Türke kennt nur Vollgas nach vorne und agiert dabei eher wie ein feuriges mexikanisches Federgewicht als wie ein großgewachsenes Halbschwergewicht. Er erzeugt enormen Druck und bricht seine Gegner mit ganzen Schlagserien, die er allesamt hart abfeuert. Ständige, intensive Spurts zeichnen seinen Kampfstil aus, wobei er vor allem mit zahlreichen Haken zum Kopf und Körper arbeitet. Gerade Hände sind hingegen Mangelware; Ünal versucht konsequent, seine Gegner über Powerpunches zu dominieren und zu stoppen.
Den Kampf in die hinteren Runden verlagern muss das Ziel sein
Diese äußerst attraktive Kampfweise birgt jedoch auch konditionelle Gefahren. Wer dauerhaft ein hohes Tempo geht und fast ausschließlich Powerpunches schlägt, wird mit der Zeit ermüden. Kleinere Boxer in niedrigeren Gewichtsklassen können ein solches Pensum eher durchhalten, ein Halbschwergewicht ist dafür jedoch nicht prädestiniert. Genau hier gilt es für Zogaj anzusetzen und zu versuchen, den Kampf in die hinteren Runden zu ziehen, wo er einem müden Ünal möglicherweise zusetzen kann.
Dies setzt allerdings voraus, dass er das Feuerwerk in den ersten Runden übersteht, was keineswegs garantiert ist. Die Physis wird der entscheidende Faktor sein. Zwar kann Zogaj gut auf Distanz boxen und seine Gegner lang halten, doch gegen einen derart forschen Infighter wie Ünal ist es nahezu unmöglich, diese Distanz dauerhaft aufrechtzuerhalten. Erschwerend kommt hinzu, dass der Ring in Montréal außergewöhnlich klein ist und somit wenig Raum bietet.
Für Zogaj wird es entscheidend sein, geschlossen zu bleiben und sich in den ersten Runden keine Volltreffer einzufangen. Er muss eine gute Mischung aus Defensive, Beweglichkeit und eigenen Akzenten finden, beispielsweise in Form von Kontern. Reines Rückwärtslaufen oder permanentes Clinchen wird auf Dauer nicht ausreichen; idealerweise muss er sich mit harten Momenten den Respekt von Ünal verschaffen. Sollte der Kampf tatsächlich bis in die letzten Runden gehen, wird letztlich die Physis entscheiden.
So oder so steht ein unglaublich harter und krachender Kampf bevor, den Boxsportfreunde keinesfalls verpassen sollten!
Albert Ramirez und Dzmitry Asanau boxen ebenfalls auf der Veranstaltung

©Vincent Ethier 2024
Das spannende Duell zwischen Ünal und Zogaj wird jedoch nicht der Hauptkampf der Veranstaltung sein. Dort wird der Puncher Albert Ramirez (22-0) stehen, der im Halbschwergewicht um den WBA-Interimstitel gegen Lerrone Richards (19-1) antritt.
Ramirez gilt als explosiver Actionfighter, der kurz vor einer Weltmeisterschaft steht. Viele Boxer wollen sich Ramirez freiwillig nicht stellen, mit Richards findet sich nun immerhin ein Kandidat. Dieser war zuvor IBO-Titelträger und EBU-Europameister, verlor jedoch im Juni 2024 überraschend gegen Steed Woodall. Seitdem ist nicht mehr viel passiert, und Richards, der als exzellenter Mover bekannt ist, konnte nicht mehr auf sich aufmerksam machen. Für Richards wird der kleine Ring ebenso ein Problem darstellen wie für Zogaj, wobei Richards vermutlich noch stärker benachteiligt sein wird.
Im Co-Mainevent wird zudem Dzmitry Asanau (11-0) zu sehen sein, der im Leichtgewicht um den WBC Continental Americas-Titel gegen Carlos Ramos (18-3-1) antritt. Asanau stand einige Jahre in Deutschland bei Universum unter Vertrag und galt dort als technischer Ausnahmeboxer. Mittlerweile schloss er sich ebenfalls den Kanadiern an, wo er zum WM-Contender aufgebaut werden soll. Ursprünglich war ein Argentinier als Gegner angedacht, es kam jedoch kurzfristig zu einer Gegneränderung mit dem Spanier Ramos.
Weltweite legale Übertragung auf dem Streamingdienst Punchinggrace

Zur Übertragung sei erwähnt, dass die Kanadier von EOTT mit Punchinggrace.com einen eigenen Streamingdienst anbieten, der weltweit zur Verfügung steht. Leider erscheint dieser äußerst kostspielig. So muss man mindestens ein Quartalsabo über drei Monate abschließen, wofür 58 US-Dollar verlangt werden. Das ist eine hohe Summe, wenngleich es positiv zu bewerten ist, dass diese Option zumindest verfügbar ist.
Für März ist bereits eine weitere Veranstaltung geplant, bei der im Hauptkampf der Schweizer Ramadan Hiseni auf den ehemaligen WM-Contender Steven Butler treffen wird. Weitere Veranstaltungen sollen folgen.
Die Veranstaltung am Donnerstag beginnt in der Nacht zum Freitag um 0:30 Uhr. Der Kampf von Altin Zogaj könnte gegen 2:00 Uhr europäischer Zeit stattfinden.














