
Die beiden Schwergewichte treffen in der Ülker Arena um den WBC Silver World-Titel aufeinander. Der Sieger steht vor großen Kämpfen.
Die Türkei darf sich am 7. November auf einen bedeutsamen Kampfabend in der hochmodernen Ülker Arena in Istanbul freuen. Anstatt frenetisch bejubelter Fußball- oder Basketballspiele soll diesmal der Boxsport die Massen in seinen Bann ziehen. Hierfür haben sich Promoter Ahmet Öner (Arena Box-Promotion) und RMO Boxing einiges vorgenommen.
Geplant ist eine Fightcard mit mehreren Titelkämpfen. Der Hauptkampf lässt bereits mächtig aufhorchen. Im Schwergewicht treffen Umut Camkiran (25-0, WBC Platz 19) und Mourad Aliev (15-1, WBC Platz 22) um den vakanten WBC Silver World-Titel aufeinander, den zuvor Lawrence Okolie hielt und nach einem Dopingvergehen wieder verlor.
Der WBC Silver-Titel gilt als äußerst relevant
Im Profiboxen gibt es enorm viele Titel – ebenso bei der WBC. Für Boxfans ist häufig nur schwer zu erkennen, welcher Titel tatsächlich sportliche Relevanz besitzt. Der WBC Silver World-Titel nimmt innerhalb der WBC-Hierarchie jedoch einen sehr hohen Stellenwert ein. Er ist nicht nur ein Titel auf dem Papier, sondern kann die Eintrittskarte für große internationale Kämpfe sein.
„Beide stehen momentan nicht in den Top 15, sind aber nah dran. Aliev war schon einmal dort vertreten, ist nach seiner Niederlage jedoch herausgefallen. Inzwischen hat er wieder zwei Kämpfe gewonnen“, schilderte Ahmet Öner die Ausgangssituation gegenüber Boxen1 und bekräftigte: „Ich glaube vor allem, dass es ein sehr spannender Kampf wird, weil für beide enorm viel auf dem Spiel steht. Sie boxen um den WBC Silver World Title. Das ist für beide die Chance auf den Griff nach den Sternen.“
Die Ülker Arena verspricht höchsten internationalen Standard

Dass der Kampf in Istanbul stattfindet, freut Öner umso mehr, da ihn dies nahezu nostalgisch an die großen Kampfabende mit seinem inzwischen verstorbenen Schützling Sinan Samil Sam (31-4) erinnert. Der „Bull from Bosporus“ wurde 1999 Amateurweltmeister und begeisterte später auch als Profi die deutsch-türkische Box-Community. Unter anderem gewann er zweimal die EBU-Europameisterschaft im Schwergewicht.
An diese glanzvollen Zeiten möchte man in der Türkei wieder anknüpfen. Allerdings hat es der Boxsport dort neben Fußball und Basketball weiterhin schwer. Vermutlich braucht es erneut einen türkischen Ausnahmeboxer, der um die großen internationalen Titel kämpft, um ein breites öffentliches Interesse zu entfachen. Das weiß auch Öner, der mit der Veranstaltung am 7. November den ersten Schritt für einen internationalen Spitzen-Boxabend in Istanbul setzen möchte.
„Auf jeden Fall ist diese Veranstaltung für mich ein Riesenereignis. Ich habe früher schon in der Türkei mit dem inzwischen verstorbenen Sinan Samil Sam Veranstaltungen gemacht. Ich hatte auch mit Selcuk Aydin, einem türkischen Boxer, eine Veranstaltung in der großen Abdi-Ipekci-Halle. Damals gab es diese neuen, modernen Arenen noch gar nicht – solche Hallen waren selbst in Deutschland gerade erst im Kommen. Deshalb ist das für mich jetzt ein absolutes High-Level-Ding, und darauf bin ich sehr stolz. Das hat für mich eine große Bedeutung“, so Öner voller Vorfreude.
Umut Camkiran ist heiß auf den wichtigsten Kampf seiner Profikarriere

Mit Umut Camkiran (25-0) steht ein Boxer im Hauptkampf, der im baden-württembergischen Bad Saulgau geboren wurde und zahlreiche Kämpfe auch in Deutschland bestritten hat. Er ist amtierender WBC-Asian-Titelträger und möchte mit einem möglichen Gewinn des Silver-Titels endgültig seinen internationalen Durchbruch schaffen und zum WM-Contender avancieren.
Der „Anatolian Lion“ besitzt kurdische Wurzeln und gilt mit 1,83 Metern als vergleichsweise kleines, dafür aber äußerst massiges Schwergewicht. Er ist sehr breit gebaut und für seine Statur überraschend schnell und explosiv. Seine K.-o.-Quote von 92 Prozent deutet dies an, wenngleich solche Zahlen im Aufbau einer Karriere nur bedingt aussagekräftig sind. Nun möchte er beweisen, dass er zur Weltspitze gehört und die große Chance gegen Aliev nutzt.
„Es ist ein sehr wichtiger Kampf, aber auch ein sehr schöner, denn er ist wichtig für uns beide. Es wird eine große Veranstaltung in der Ülker Arena, die genau zu Istanbul passt. Eine schöne und große Stadt für einen großen Kampf“, so Camkiran gegenüber Boxen1.
Gemeinsam mit Trainer Istvan Szili bereitet sich Camkiran auf einen hervorragend ausgebildeten Olympiateilnehmer vor, der auf dem Papier den gefährlichsten Gegner seiner bisherigen Karriere darstellt. Für den inzwischen 37-Jährigen ist dies zugleich zusätzliche Motivation, die beste Leistung seiner Laufbahn abzurufen.
„Mourad Aliev ist ein starker Mann. Groß, Rechtsausleger, hat bei den Olympischen Spielen geboxt. Die Grundausbildung hat er auf jeden Fall. Er ist stark und ich freue mich auf ihn. Es wird ein guter Kampf und alles wird sich an diesem Tag entscheiden.“
Schmerzliche EBU-Niederlage als benötigter Weckruf für Mourad Aliev?

EBU-Eupameisterschaft und WBV Intern. Silver Championship: Mourad Aliev (FRA) – Labinot Xhoxhaj (KOS)
© Torsten Helmke
Auf der Gegenseite möchte Mourad Aliev (15-1) seinen Kritikern das Gegenteil beweisen. Der 2,02 Meter große Rechtsausleger besitzt aserbaidschanische Wurzeln und nahm für Frankreich an den Olympischen Spielen von Tokio teil, wo er im Viertelfinale umstritten disqualifiziert wurde. Anschließend wechselte er ins Profilager und arbeitete sich an der Seite von Ahmet Öner bis in die Top 15 der WBC-Rangliste vor.
Der letzte Schritt ganz nach oben blieb ihm jedoch verwehrt, als er überraschend deutlich den Kampf um die EBU-Europameisterschaft gegen Labinot Xhoxhaj in Hamburg nach Punkten verlor. Es war ein ernüchternder Auftritt, bei dem Aliev insbesondere konditionell enttäuschte. Nun gilt es, die richtigen Lehren aus dieser Niederlage gezogen zu haben und vor allem physisch zuzulegen. Dass Aliev über die boxerischen Fähigkeiten verfügt, den fast 20 Zentimeter kleineren Camkiran zu bezwingen, steht außer Frage. Doch was passiert in einem intensiven Kampf, wenn der kleinere Mann permanent Druck ausübt und das Duell physisch gestaltet?
„Durch seine Niederlage im Kampf um die Europameisterschaft musste Aliev einen Rückschlag verkraften. Da hat er mich enttäuscht. Ich war eigentlich überzeugt davon, dass er diesen Kampf gewinnen müsste. Sicherlich nicht einfach, aber seine Fähigkeiten hätten dafür reichen müssen. Wenn er konsequent auf Distanz geblieben wäre und seinen Jab cool eingesetzt hätte, hätte er seine Vorteile ausspielen können. Aber genau das hat er nicht gemacht. Deshalb steht er jetzt auch ein Stück weit in der Beweispflicht. Ist er in der Lage, seine Fähigkeiten wirklich umzusetzen? Kann er diesem Druck gerecht werden?“, so Öner, der sich nun einen veränderten Aliev erhofft.
Wer drückt dem türkischen Schwergewicht seinen Stempel auf?

Ahmet Öner
© Torsten Helmke
Da beide den Kampf realistisch gewinnen können und ihn für ihre internationale Karriere unbedingt benötigen, liegt enorme Spannung auf diesem Duell. Zugleich geht es auch um die aktuelle Vorherrschaft im türkischen Schwergewicht. Aliev wird aufgrund seiner aserbaidschanischen Wurzeln in der Türkei keineswegs als klassischer Gastboxer wahrgenommen, wie Öner betonte.
„Als Aserbaidschaner, der in Frankreich lebt, ist Aliev in der Türkei keineswegs irgendein ausländischer Gastboxer. Aserbaidschan und die Türkei verstehen sich als Bruderstaaten – ‚ein Volk, zwei Staaten‘. Entsprechend wird er dort nicht wie ein gewöhnlicher Gastboxer wahrgenommen.“
Mit dem Duell zwischen Camkiran und Aliev soll ausgelotet werden, wer die Zukunft des türkischen Schwergewichtsboxens prägen kann.
„Jetzt hoffe ich einfach, dass dieser Kampf richtig gut wird. Ich wünsche mir einen Kampf, bei dem die türkischen Zuschauer in der Halle und die Menschen, die ihn im Internet verfolgen, anschließend sagen: Ja, da ist einer, der international oben mitmischen kann. Da ist jemand, der seine Chance nutzen und vielleicht eines Tages ganz nach oben kommen kann“, sagte Öner und schloss mit einem augenzwinkernden Vergleich: „Ich komme mir fast ein bisschen wie Dieter Bohlen vor, der den neuen Superstar sucht. Hier wird gewissermaßen der neue Box-Superstar für die Türkei gesucht – und von dort aus kann es dann hinaus in die Welt gehen.“















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