
WBA-Continental-Europe: Altin Zogaj (GER) – Alexander Rigas (GER)
© Torsten Helmke
Der Stuttgarter Altin Zogaj steht vor dem größten Kampf seiner bisherigen Karriere. Zuvor gab er Boxen1 ein exklusives Interview.
Der Stuttgarter Altin Zogaj (17-0) steht vor einem wegweisenden Kampf am Donnerstag. In einem internationalen WBC-Titelkampf stellt er sich im Casino Montreal dem gefürchteten türkischen Olympiateilnehmer Mehmet Ünal (14-0). Es bedeutet das bislang klare Karrierehighlight für Zogaj. Im Vorfeld gilt Ünal als deutlicher Favorit, doch Zogaj möchte die Gunst der Stunde nutzen und auf internationalem Parkett überraschen, wobei sein Underdog-Status ihm eventuell sogar dienlich sein könnte.
Vor dem großen Kampf bekam Boxen1 die Gelegenheit, sich mit Zogaj über seinen Werdegang, die Vorbereitung und den größten Kampf seiner Karriere zu unterhalten.
Das Boxen1-Interview mit Altin Zogaj
Boxen1: Hallo Altin, in wenigen Tagen steht dein großer Kampf an. Wie fühlst du dich?
Altin Zogaj: Ich fühle mich super und top vorbereitet.
War so ein großer internationaler Titelkampf im Ausland schon immer ein Traum und Ziel von dir?
Ja klar, deswegen boxt man auch. Man will ja immer die ganz großen Kämpfe. Wenn man Boxen schaut, schaut man immer internationale Kämpfe. Das sind die besten Kämpfe und das war ja auch mein Ziel, immer da oben zu boxen.
Hast du immer daran geglaubt, dass du eines Tages im Profiboxen so weit kommst? Du warst ja selbst früher kein Topamateur.
Ja, ich habe immer an mich geglaubt. Man weiß, was man kann, man weiß, was man leisten will. Aber hätte man mir das am Anfang meiner Karriere gesagt: „So wird dein Werdegang sein“, hätte ich direkt unterschrieben. Also ist es besser rausgekommen, als ich eigentlich im Unterbewusstsein geglaubt und erhofft habe.
Was war entscheidend für deine Entwicklung?
Es gab viele Faktoren. Die Sponsoren haben eine Rolle gespielt, die es finanziell ermöglicht haben, weil ich keinen Promoter oder Manager gehabt habe. Das heißt, ich konnte alles über die Sponsoren decken. Dann die ganzen Leute, die mich unterstützt haben, meine Community – die sind ein riesiger Faktor, die immer hinter mir standen. Und dann natürlich auch die richtigen Trainer. Ich hatte immer die richtigen Trainer, die mich gefördert und entwickelt haben. Und ich glaube, diese drei Sachen sind ausschlaggebend gewesen.
Nimm uns mal in die Vorbereitung mit. Was hast du alles auf die Beine gestellt, damit du in Kanada in bester Verfassung erscheinst?
Ich habe Geld investiert. Ich wusste ganz genau, für so einen großen Kampf muss ich maximal vorbereitet sein und das geht nur mit viel Geld. Ich war im Trainingslager in der Türkei, dann im Trainingslager im Bayerischen Wald bei Sepp Maurer und jetzt bin ich in der Schweiz beim Istvan Szili, bei meinem Head Coach. Das kostet alles.
Die ganzen Trainingscamps sind nicht günstig, dazu dann auch die passenden Sparringpartner. Ich habe darauf gesetzt, dass ich gute Sparringpartner hier habe, die ich einfliegen lassen habe und die natürlich auch etwas daran verdienen. Es wurde an nichts gespart. Ich will top vorbereitet sein und das war ausschlaggebend, warum ich eine gute Vorbereitung gemacht habe.
Aber ich habe den Kampf nicht wegen des Geldes gemacht

© Torsten Helmke
Decken sich die Ausgaben in der Vorbereitung eigentlich mit der Kampfgage oder hast du sogar noch draufbezahlt?
Nein, die decken sich schon. Die Kosten decken sich und ich habe ja zusätzlich auch meine Sponsoren, deswegen passt es schon. Aber ich habe den Kampf nicht wegen des Geldes gemacht, absolut nicht. Den Kampf wollte ich von vornherein, weil es einfach eine große Möglichkeit ist, mich zu zeigen, um nach oben zu kommen.
Wie blickst du generell auf das Thema Vorbereitung in Deutschland? Wird hierzulande womöglich am falschen Ende gespart?
Ja, das ist ein Problem. In Deutschland gibt es sehr viele Talente, aber ich glaube, gerade für die Vorbereitung wird nicht genug Geld in die Hand genommen. Aber natürlich muss man auch bedenken, dass man eine Vorbereitung macht, viel Geld in die Hand nimmt und der Kampf aus irgendeinem Grund abgesagt werden könnte. Dann bleibt man auf den Kosten sitzen. Das könnte auch ein Genickbruch für einen Boxer sein, weil man in Deutschland nicht das große Geld mit dem Boxen verdient.
Und wenn man eine richtig professionelle Vorbereitung von 20.000 bis 30.000 Euro auf höchstem Niveau macht und der Kampf dann abgesagt wird, dann hat man ein riesiges Minusgeschäft und das könnte das finanzielle Aus bedeuten. Es könnte dazu führen, dass ein Boxer insolvent geht.
Momentan sind die deutschen Boxer im internationalen Vergleich nicht gut aufgestellt. Liegt das alles primär an der Vorbereitung?
Ich denke, hauptsächlich an der Vorbereitung. Klar, es gibt auch aktuell wenige Trainer. Früher gab es viel mehr Trainer auf gutem Niveau. Mittlerweile ist es in Deutschland nicht mehr so, die Guten kann man an einer Hand abzählen. Und der Trainerfaktor ist wichtig, weil es Talente in Deutschland gibt.
Man sieht es nun an Agit Kabayel. Der hat jetzt gut verdient, der kann sich auch eine ganz andere Vorbereitung machen, deswegen läuft es bei ihm. Und die Leute in Deutschland, die mittlerweile ein bisschen Geld verdienen, können auch eine gute Vorbereitung machen und dann läuft es bei denen auch. Wenn das bei jedem der Fall wäre, dass Geld verdient wird und man das in die Vorbereitung steckt, dann würde man viel, viel mehr gute Athleten in Deutschland haben, die sich international messen können.
Am Donnerstag kämpfst du gegen Mehmet Ünal, einen türkischen Olympiateilnehmer. Was kannst du über ihn sagen?
Er ist ein harter Hund, schlagstark und hat das Team hinter sich bei Eye of the Tiger. Die haben aktuell drei Weltmeister und sehr gute andere Boxer. Aktuell ist auch Artur Beterbiev bei denen unter Vertrag. Ünal und Beterbiev teilen sich mit Marc Ramsay denselben Trainer, der wirklich super ist. Deswegen ist er sehr gut aufgestellt, was sein Team angeht, und hat auch eine gute Ausbildung, gerade als Olympiateilnehmer. Im Amateurbereich hat er gute Leute geschlagen und nun bei den Profis auch. Bis jetzt hat er nichts anbrennen lassen. Deswegen kann man nur Positives von ihm sagen.
Ünal gilt als echter Actionfighter mit einem enormen Output bei den Powerpunches. Wie kämpft man gegen so jemanden erfolgreich?
Sich nicht treffen zu lassen.
Und wie bewerkstelligt man das am besten? Versuchst du, ihn lang zu halten, ist das auf Dauer überhaupt gegen einen Ünal möglich?
Wie der Gameplan ausschaut, bleibt meine Sache, das sieht man dann im Kampf. Aber wir wissen, wie man ihn knacken kann. Istvan ist selber als Boxer ein ähnlicher Typ, vom Kampfstil her. Deswegen weiß er, wie man solchen Leuten Probleme bereiten kann und wir haben darauf hingearbeitet. Ich bin optimistisch, dass ich einen guten und siegreichen Kampf gegen ihn bestreiten werde.
Istvan hat mir sehr viele Sachen aufgezeigt, worauf es bei so einem Gegner ankommt

Trainer Istvan Szili mit seinem Schützling Altin Zogaj während des Pressetrainings in Montréal.
Du sprichst Istvan an, der als Pressurefighter bekannt war. Wie wichtig wird Istvan für den Kampf sein?
Istvan ist sehr wichtig. Er hat generell auch eine richtig gute Erfahrung, sei es bei den Amateuren oder bei den Profis. Vom Stil her wäre er eigentlich mein optimaler Sparringpartner gewesen. Leider kann ich nicht mit meinem Trainer Sparring machen, aber an den Pratzen. Teilweise war das Pratzentraining so ausgelegt, als wäre es ein halbes Sparring gewesen. Istvan hat mir sehr viele Sachen aufgezeigt, worauf es bei so einem Gegner ankommt, und mich gut darauf vorbereitet.
Taktisch möchtest du dir nicht die Karten schauen lassen, du wirst jedoch in Kanada ein Auswärtsspiel haben. Erhöht das für dich den Druck, einen KO zu erzielen?
Wenn ich sehe, dass er angeschlagen ist, dann versuche ich ihn auch auszuknocken. Bis dahin versuche ich aber, meinen Kampf zu machen und die Runden zu gewinnen. Was am Schluss die Punktrichter entscheiden, daran möchte ich überhaupt nicht denken, denn ich gehe mit der Einstellung dorthin, um zu gewinnen – nicht, dass ich beschissen werde.
Du machst dir viele Gedanken rund um das Thema Boxen, erwägst auch ein Studium im Sportmanagement. Siehst du dich später in diesem Bereich?
Ja, Stand jetzt auf jeden Fall. Man muss auch überlegen, was man nach der aktiven Karriere macht. Eine Karriere kann sehr kurz sein, deshalb habe ich mir schon immer im Vorhinein überlegt, was man machen kann. So wie ich sehe, wie viel falsch gemacht wird im Umgang mit den Sportlern, gerade in Deutschland, ist es für mich schon eine Idee, in diese Richtung zu gehen. Sportler zu betreuen und zu managen, diese Schiene zu gehen, da ich selber Erfahrung aus meiner eigenen Karriere habe. Ich habe mich eigentlich komplett selbst gemanagt und weiß dadurch, worauf es genau ankommt.
Kannst du vielleicht aufzeigen, wo genau die Mängel hauptsächlich liegen? Ist es mehr der Aufbau einer Karriere oder eher das fehlende Sponsoring?
Überall. In Deutschland gibt es keine wirklichen Boxmanager. Wenn sich mal jemand als Manager hinstellt, dann nur, damit er sich aufspielen will. Ein richtiger Manager in Deutschland sollte von vornherein die Sponsorengewinnung im Blick haben. Der Sportler muss Geld verdienen. Auch beim Aufbau der Karriere muss man wissen, wie man da rangeht. Was für einen Boxer hat man? Hat man da einen Weltstar oder eher einen Durchschnittsboxer? Den müsste man dann sehr langsam aufbauen. Wenn man dagegen einen sehr guten Boxer hat, den kann man ganz anders aufbauen.
Dafür braucht man selber auch die Expertise, wie das Boxen funktioniert. Wo platziert man welchen Boxer zu welchem Kampf, welcher Zeitpunkt ist der richtige? Danach auch noch das Marketing. Aktuell geht viel über Social Media. Man muss als Manager auch wissen, wie man dabei seinen Sportler berät, ob man mit Marketingagenturen zusammenarbeitet usw.
Du kämpfst in Kanada auf einer guten internationalen Bühne. Was würde ein Sieg über Ünal für deine eigene Karriere bedeuten?
Als Erstes wäre es gut für mein Ego, weil ich dann weiß, dass ich ganz oben angekommen bin. Dann wäre ich in den Top 15. Dafür macht man es, um nach oben zu kommen. Boxen ist, sagen wir mal, eine Männersportart, wo man seine Kräfte misst. Wenn man dann dort oben ankommt, dann weiß man ganz genau, dass man etwas geleistet hat. Man weiß dann, dass sich die ganze Arbeit über die Jahre hinweg bezahlt gemacht hat.
Es war nicht immer einfach, vor allem, wenn man immer alles selber macht – ab und zu hat man auch Rückschläge. Für meine Karriere stünden dann alle Türen offen und ich wäre im WBC-Ranking in den Top 15, hätte einen guten Titel gewonnen, den WBC Continental Americas Title. Dann würde ich auch sehr viele gute Angebote erhalten, weil ich dort oben mitspiele.
Abschließende Frage: Warum sollten alle Boxsportfreunde am Donnerstag deinen Kampf gegen Ünal verfolgen, was dürfen sie nicht verpassen?
Das wird eine Schlacht! Das wird Boxen auf höchstem Niveau.
Altin Zogaj boxt am Donnerstag in Montreal

Der große Kampf von Altin Zogaj im Casino Montreal findet am Donnerstag bei einer Veranstaltung von Eye of the Tiger statt. Er trifft dort auf den türkischen Olympiateilnehmer Mehmet Ünal, der als furioser Volumepuncher bekannt und berüchtigt ist. Im Main-Event des Abends wird ebenfalls im Halbschwergewicht Albert Ramirez (22-0) kämpfen, der gegen Lerrone Richards (19-1) um die WBA-Interimsweltmeisterschaft boxt.
Die Veranstaltung beginnt in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um 0:30 Uhr europäischer Zeit. Der Kampf von Zogaj wird gegen 2 Uhr erwartet. Der Streamingdienst Punchinggrace.com wird weltweit im kostspieligen Quartalsabo für 58 US-Dollar auf Sendung sein.
Alternativ sei erwähnt, dass die Sender TVA Sports 2, Fox Sports Brasil und ESPN Lateinamerika ebenfalls übertragen.














