Charly Graf – Ein deutscher Boxer
Sendetermin: Heute am 12. Juni um 23.45 Uhr im Ersten
Nach dem aufsehenerregenden Dokumentarfilm “Der Sturz – Honeckers Ende”, den international viel beachteten Dokumentarfilmen “Aghet – Ein Völkermord” und “Das Schweigen der Quandts” widmet sich Grimme-Preisträger Eric Friedler mit seinem neuen Film “Ein deutscher Boxer” einer besonderen Lebensgeschichte und einer außergewöhnlichen Sportler-Karriere.
Eine Kindheit geprägt von Armut und Rassismus
Schwarzer, Boxer, deutscher Meister: Charly Graf wird 1951 im sozialen Brennpunkt Mannheim-Waldhof als unehelicher Sohn einer ungelernten Arbeiterin und eines schwarzen US-Soldaten geboren und wächst in den sogenannten Benz-Baracken auf. Rückblickend wird er sein Leben als ewigen Kampf bezeichnen.
Wegen seiner Hautfarbe wird er immer wieder ausgegrenzt und mit Vorurteilen konfrontiert. Die ersten Trainer erklären dem Nachwuchssportler, dass er einer anderen Rasse angehöre. Trotz früher Erfolge im Boxsport wird er kriminell, denn im Rotlichtviertel von Mannheim, wo er mit dem organisierten Verbrechen in Berührung kommt, fühlt er sich anerkannt. Immer wieder gerät er mit dem Gesetz in Konflikt, landet regelmäßig im Gefängnis, wo er zusammengerechnet rund zehn Jahre seines Lebens verbringt.
Der Boxer und der Terrorist
Inspiriert vom Streik in der Danziger Werft, aus der die Bewegung Solidarnocz hervorgehen wird, zettelt er 1980 spontan und mit dem Schlachtruf “Solidarität” eine Gefängnismeuterei an, als er seine schwerkranke Mutter nicht besuchen darf. Im politisch noch immer sensiblen Klima der 80er-Jahre wird er daraufhin in die JVA Stammheim verlegt. Hier lernt er den Ex-RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock kennen, mit dem er von nun an seine Hofgänge zu absolvieren hat. Zwei Welten prallen aufeinander – doch die beiden so verschiedenen Männer freunden sich entgegen aller Erwartungen an.
Eine Freundschaft, die Leben verändert: Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock (l.) und Boxprofi Charly Graf. Peter-Jürgen Boock beginnt, Charly Graf für Literatur zu interessieren, was dessen Leben eine völlig neue Wendung gibt. So fängt das Kind aus den Benz-Baracken an, Roman-Klassiker von Hermann Hesse und William Faulkner zu lesen. Worte, so erkennt der ehemalige Zuhälter und Türsteher fasziniert, können über dieselbe Kraft verfügen wie Faustschläge. Boock bringt Graf nicht nur dazu, sein Leben und sich selbst zu hinterfragen, sondern motiviert ihn auch, wieder an seine Profi-Laufbahn als Boxer anzuknüpfen.
Als Häftling im offiziellen Boxwettkampf
Doch dann wird Graf überraschend in die JVA Ludwigsburg verlegt. Allerdings hat er diesmal ein paar Bücher im Gepäck und den festen Willen, wieder als Boxer einzusteigen. Es ist ein veränderter Graf, der in Ludwigsburg den Kontakt zur Gefängnisleitung sucht und dem es gelingt, sich als Häftling erfolgreich für offizielle Wettkämpfe anzumelden. Klug mobilisiert er mit Hilfe des Box-Promoters Jean-Marcel Nartz die deutsche Presse und stellt die Anstaltsleitung mit einer geglückten Anmeldung zu einem Kampf vor vollendete Tatsachen.
Charly Graf (r.) in seinem Kampf gegen Reiner Hartmann um die deutsche Meisterschaft der Profis am 9. März 1985. Eisern zieht er sein persönliches Trainingsprogramm durch und bekommt sogar einen täglichen Trainerbesuch gestellt. Grafs Rechnung geht auf. Er darf zum ersten Kampf in die Freiheit und wird sogar von einer “grünen Minna” gebracht, mit persönlicher Polizei-Eskorte. Ein einzigartiger Fall in der deutschen Justizgeschichte. Und Graf gewinnt! Und er gewinnt immer wieder und befindet sich bald auf dem direkten Weg zur deutschen Meisterschaft. Dabei wird die Ballade “Willy” von Konstantin Wecker wichtig für ihn. Als, wie er es formuliert, “intellektueller Ratschlag, einen Kampf zu gewinnen”. Und tatsächlich: Wieder in Freiheit gelingt es ihm, Deutscher Meister im Schwergewicht zu werden.
Vom Deutschen Meister in die Depression
Charly Graf glaubt sich am Ziel seiner Träume, fühlt sich “wie im Paradies” und endlich, endlich anerkannt als Deutscher. Doch schon wenige Monate später verliert er unter dubiosen Umständen seinen Titel. Schiebung oder faire Entscheidung? Charly Graf fällt in eine tiefe Depression, hört auf zu boxen, verlässt Mannheim. Es wird Jahre dauern, bis Charly Graf diesen Schlag verwindet. Über ein Jahrzehnt später kehrt er zurück, versucht neu, Fuß in der alten Heimat zu fassen, findet endlich als Sozialarbeiter in Mannheim seine Berufung. Und dann erfährt er doch noch Gerechtigkeit. Von einer Seite, von der er es nie erwartet hätte.
Innenansichten eines Kämpfers
Innenansichten eines Kämpfers: “Mein Name ist Charles Graf, ich bin geboren am 16. November 1951 in Mannheim. Die meisten sehen mich als Boxer mit einem beschränkten Horizont. Und für mich sind die Siege, wenn ich sie in ihrer Haltung zerstöre. Neger, Neger! Ich musste immer kämpfen. Es war immer ein Kampf. Für mich war es ein Kampf, einfach, einfach … um klar zu machen, dass ich ein Mensch bin.”
“Manchmal aber lag ich alleine im Bett. Mittwochs. Und dann habe ich gehofft, dass meine Mutter keinen Mann mitbringt. Das war komisch, ich hab auch gehofft, dass sie bald kommt, weil ich in der Wohnung alleine war. Ich hatte Angst. Diese Angst hat sich durch mein Leben gezogen, diese Angst. Angst vor meinen Gefühlen, vor meiner Unsicherheit.”
Die Protagonisten aus “Ein deutscher Boxer”
Charly Graf
Charly Graf, geboren 1951 in Mannheim-Waldhof als Sohn eines US-Soldaten und einer ungelernten, deutschen Arbeiterin. Seit 1969 boxte er professionell, saß rund zehn Jahre in deutschen Haftanstalten und wurde 1985 deutscher Meister im Schwergewicht. Heute arbeitet er als Sozialarbeiter und kümmert sich um Kinder in sozialen Brennpunkten.
Peter-Jürgen Boock

Peter-Jürgen Boock, geboren 1951 in Garding, war als ehemaliges Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF) an der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und der Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto beteiligt. Er sagte sich 1981 von der RAF los und saß bis 1998 in Haft.
Angelo Dundee

Angelo Dundee, geboren 1921 in Philadelphia, verstarb im Februar 2012 in Florida. Er trainierte fünfzehn Boxweltmeister, unter ihnen Muhammad Ali, Sugar Ray Leonard und Luis Rodríguez und war seit 1994 Mitglied der World Boxing Hall of Fame. Er trainierte auch Reiner Hartmann, gegen den Charly Graf 1985 den Titel als Deutscher Meister im Schwergewicht gewann.
Konstantin Wecker

Konstantin Wecker, geboren 1947, Musiker, Liedermacher, Komponist. Mit dem Album “Genug ist nicht genug” wurde er deutschlandweit bekannt. Auf dieser LP findet sich auch die Kult-Ballade vom erschlagenen Willy, die Charly Graf im Gefängnis Durchhaltelied und Motivationshymne wurde.
Jean-Marcel Nartz

Jean-Marcel Nartz, Jahrgang 1946, als “Mister Boxing” gefeierter “Matchmaker” und Promoter. Er machte die Presse mobil, als Charly Graf aus der JVA Ludwigsburg heraus erste Kämpfe anmeldete.
Ebby Thust

Ebby Thust, geboren 1947, ist eine der schillerndsten Figuren des deutschen Boxsports. Er begleitete Charly Graf als “Matchmaker” bei seinem letzten großen Kampf.
Thomas Classen

Thomas Classen, Jahrgang 1962, stand als junger Profiboxer bei Wilfried Sauerland unter Vertrag und gewann am 29. November 1985 die Deutsche Meisterschaft im Schwergewicht nach Punkten gegen Charly Graf.
Wilfried Sauerland

Wilfried Sauerland, geboren 1940, Box-Promoter und Gründer des Boxstalls Sauerland Event, wurde vor allem mit Namen wie Henry Maske und Axel Schulz bekannt. Er hatte 1985 Thomas Classen unter Vertrag.
Hartmut Scherzer

Hartmut Scherzer, Jahrgang 1939, gilt als Doyen der deutschen Sportjournalisten und hat von 23 Jahren Tour de France, elf Fußballweltmeisterschaften und von ungezählten Box-Weltmeisterschaften berichtet. Er ist in “Ein deutscher Boxer” gleich zweimal zu sehen: einmal als junger Sportjournalist mit dem ebenfalls jungen Charly Graf im Jahr 1974 und in einem aktuellen Interview.


















