Boxing’s Wonderboy
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Ein lesenswertes Buch über das Leben des jüngsten Boxprofis der Boxgeschichte
Patrick Daley taucht in keinen ewigen Ranglisten auf, in keiner Statistik der Meistergürtel. Schließlich hat er in 120 Kämpfen als Profiboxer keinen einzigen Titel errungen. Und dennoch hat er unter dem Namen Nipper Pat Daly ein bemerkenswertes Kapitel Boxhistorie geschrieben. Alex Daley hat die Geschichte seines Großvaters aufgeschrieben, bevor sie verschwindet. Das unlängst in Großbritannien erschienene Buch „Nipper – The amazing story of Boxing’s Wonderboy“ erzählt die Geschichte des wohl jüngsten Profiboxers aller Zeiten. Im Alter von neun Jahren war Daly 1923 das erste Mal zu einem Profikampf in den Ring gestiegen, acht Jahre lang kämpfte und besiegte er Erwachsene, Landesmeister aus ganz Europa, zählte zu den besten Bantamgewichtlern der Welt und stand kurz vor einem Kampf um die Weltmeisterschaft. Bis er im Alter von 17 Jahren abtreten musste.
In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es rund 6000 Profiboxer in Großbritannien, rund zehnmal so viele wie heute. Jede Stadt und jeder Stadtteil hatte seine Helden, Arbeiter aus den Kohleminen oder den Industrieanlagen, die nebenbei abends in den Ring stiegen. Nipper Pat Daly trainierte im Londoner Stadtteil Marylebone im Gym des Trainers und Managers Andrew Newton, der, obwohl der frühere Amateurmeister und Profiboxer kaum lesen und schreiben konnte, Professor genannt wurde. Der Wissenschaftler des Faustkampfs hatte in Daly sofort den Jungen entdeckt, den er immer gesucht hatte: einen späteren Weltmeister. Schließlich trugen zu diesem Zeitpunkt in sieben der damals noch acht Gewichtsklassen Amerikaner die WM-Krone, und der Waliser Jimmy Wilde sollte noch im Jahr von Dalys Profidebüt seinen Titel im Fliegengewicht an den Filipino Pancho Villa verlieren. Die Suche nach einem neuen Boxhelden aus dem Vereinigten Königreich lief. In Daly, waren sich die Experten sicher, hatten sie ihn gefunden. Mit neun Jahren, bei einem Körpergewicht von 35 Kilogramm und für die Börse von 25 Pence, besiegte er seinen ersten Gegner, mit 14 verließ er die Schule und konnte sich ganz auf den Boxsport konzentrieren.
Zu Dalys Pech formierte sich 1929 der erste Profiboxverband Großbritanniens, das bis zu diesem Tage bestehende British Boxing Board of Control. Es untersagte Titelkämpfe für Boxer unter 21 Jahren. Weil Daly nicht um einen britischen Titel kämpfen konnte, nahm er sich eben die Meister vom Kontinent vor. 1928 boxte der 15 Jahre alte Engländer in der Dortmunder Westfalenhalle den deutschen Fliegengewichts-Meister Ludwig Minow spielerisch über zehn Runden aus. Das begeisterte deutsche Publikum trug den Knaben auf Schultern zurück in die Kabine, und dazu spielte, zehn Jahre nach dem Ersten und elf Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, eine Kapelle „Rule, Britannia“. So berichtete es damals das britische Fachblatt „Boxing“. 1930 besiegte Daly in Köln den Düsseldorfer Willi Metzner durch Disqualifikation, im Berliner Sportpalast schlug er den deutschen Meister und früheren Amateur-Europameister Karl Schulze k.o. Das Berliner Tageblatt feierte Daly als „Wunderknaben“. Zuvor hatte schon der italienische Champion Giovanni Sili seinen Meister in dem Jungen gefunden. Als sie sich in London vor dem ersten Gong gegenüberstanden, wollte Sili seine Handschuhe wieder ausziehen mit der Begründung, er verprügele keine Kinder. Entnervt war er bereits im Ring erschienen, schließlich lagen die Kabinen der beiden Boxer direkt nebeneinander und in Dalys Kabine hatte ein 14 Jahre alter Trainingskamerad auf seiner Violine pausenlos „O sole mio“ gespielt. Die psychologische Kriegsführung wirkte, Sili verlor deutlich nach Punkten.
1930 schien Dalys Zeit gekommen. Das amerikanische Fachblatt „The Ring“ führte den 16 Jahre alten Briten auf Platz zehn seiner Rangliste im Bantamgewicht – offizielle Weltranglisten gab es nicht. Auf Platz eins im Schwergewicht der Ring-Rangliste stand zu diesem Zeitpunkt ein gewisser Max Schmeling. Der Amerikaner Christopher Battaglia, bekannt als Battling Battalino, Weltmeister im Federgewicht, machte Daly ein Angebot, in Amerika um den Titel zu kämpfen. Die New York State Athletic Commission, die damals die WM-Titel vergab, untersagte Minderjährigen zwar Kämpfe, die auf mehr als sechs Runden angesetzt waren. Battalino hatte jedoch einen Bundesstaat gefunden, der bereit war, einen WM-Kampf über sechs Runden zu sanktionieren. „Wann packen wir, Professor?“, soll Daly gefragt haben. Die ernüchternde Antwort: „Es tut mir leid, Sohn, aber wir gehen nicht nach Amerika. Und ich will kein Wort mehr darüber verlieren.“ Newton hatte wohl Angst – weniger vor einer Niederlage seines Boxers gegen Battalino als vor den amerikanischen Managern. Newton fürchtete, seinen Boxer an einen Konkurrenten zu verlieren, war sein mit dem Minderjährigen geschlossener Vertrag doch vor Gericht wertlos. Der Amerikaner Jack Kearns, einst Manager der Weltmeister Jack Dempsey und Mickey Walker, der zusammen mit Promoter Tex Rickard den ersten Millionen-Dollar-Kampf vor 91.000 Zuschauern zwischen Dempsey und Georges Carpentier veranstaltet hatte, hatte schließlich schon drei Jahre zuvor versucht, Daly nach Amerika zu locken.
Weltmeister Carpentier war es auch, der Daly gewarnt hatte: „Jeder Boxer sollte nach einem Platz unter den Besten der Welt streben, aber Versessenheit und Ungeduld sind eine große Gefahr.“ Tatsächlich machte Daly zu viel Gewicht. Den wachsenden Körper im Bantamgewichtslimit zu halten, kostete ihn zu viel Kraft. So folgte dem Höhepunkt rasch der Abstieg. Gleich mehrmals ging Daly, demotiviert nach der verpassten WM-Chance, völlig entkräftet in den letzten Runden k.o – obwohl er nach Punkten in Führung lag. Als er im Juni 1930, noch gezeichnet von einer im Kampf zuvor erlittenen Gehirnerschütterung abermals durch K.o. verlor, trat er ab. Vier Monate später kehrte er zurück, machte acht weitere Kämpfe, von denen er sieben gewann – ehe er 1931 nach 99 Siegen, elf Niederlagen, acht Unentschieden und zwei Kämpfen ohne Wertung endgültig aus dem Ring stieg. Anschließend trainierte Daly, der 1988 im Alter von 75 Jahren starb, in seinem Gym in London Boxtalente – immer auf der Suche nach dem späteren Weltmeister. Den er nie finden sollte.
Nipper Pat Dalys Kampfrekord in der BoxRec-Datenbank Alex Daleys Website zum Buch(Quelle: blog.fightshop.de)
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